Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

12 8

Helle und dunkle Tage

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 23.04.2026, 11:48

Das älteste Mitglied meiner Seniorengruppe wurde 90 Jahre alt, ich organisierte eine kleine Feier in einem schönen Restaurant. Robert's Frau war vor einem Jahr gestorben, ich hatte sie im Krankenhaus bis zum Schluss begleitet. Nun brauchte Robert Hilfe, denn die 60jährige Ehe lief noch ganz nach alter Rollenverteilung. Er hatte sehr liebe Nachbarn, die sich rührend um ihn kümmerten, für ihn kochten, einkauften und notwendige Dinge erledigten, ein Pflegedienst kam ein Mal täglich. Die meiste Zeit des Tages war er allein und versank allmählich in der Demenz. Er hatte helle Tage, in denen er in der traurigen Gegenwart lebte und dunkle Tage, in denen er nur in der Vergangenheit war und jeden Bezug zur Realität verlor. Ich besuchte ihn ca. alle 2 Wochen, zwischendurch telefonierten wir.

Eines Tages rief er mich an und fragte, wielange es dauert, bis man stirbt, wenn man aufhört, zu essen. Ich sagte: "Robert, ich bin in einer Stunde bei dir!" Als ich kam öffnete er mir, sank in seinen Sessel, senkte den Kopf und sprach nicht mehr. Ich hatte seinen Lieblingskuchen mitgebracht, drei Stück Bienenstich, kochte Kaffee, deckte den Tisch mit dem Geschirr aus der Küche und stellte eine Blume auf den Tisch. Robert hob den Kopf, wurde ganz aufgeregt und sagte: " Zur Feier des Tages nimm das gute Geschirr aus dem Schrank und räum das andere ganz schnell weg, Putin kommt zu Besuch, er ist mein Freund." Robert war im Krieg in russischer Gefangenschaft. Als der Tisch seinen Ansprüchen entsprach setzten wir uns und innerhalb kürzester Zeit hatte er die drei Kuchenstücke verdrückt, Putins Besuch war vergessen.

Er tauchte ein in die Zeit in Russland, als wäre er noch immer dort. Er erzählte, er hätte in Moskau Putin auf der Straße getroffen, Putin lud ihn ein, mit ihm einen Tee zu trinken und dabei hätten sie sich lange unterhalten. Robert konnte russisch und bat Putin, ihm für die Gefangenen Wintermäntel zu schenken und Stiefel, weil es so kalt ist. Er bekam alles, um was er bat, sie stiegen zusammen ins Auto und brachten die Dinge zu den Kriegsgefangenen. Zum Dank für sein Engagement für seine Kameraden hat Putin ihn aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und ist nun für immer sein Freund. Während Robert ganz lebendig wurde fragte ich vieles nach und er wurde immer munterer.

Es war erstaunlich, wie sehr er sich in so kurzer Zeit veränderte. Aus einem alten hinfälligem und traurigem Mann wurde ein lebendiger begeisterter Erzähler mit blitzenden Augen, mit Lachen und Wärme. Nach ca 2 Stunden räumte ich auf, bereitete ihn vorsichtig auf mein Gehen vor und er fiel in sich zusammen. Er saß wieder in seinem Sessel, genau wie am Anfang meines Besuchs. Ich rief noch die Nachbarin an, sie löste mich ab und dann konnte ich mit einem einigermaßen gutem Gefühl nach Hause fahren.

In der nächsten Nacht starb Robert friedlich in seinem Bett. Die Nachbarin hatte ihn am Morgen gefunden, er sah ganz entspannt und wie schlafend aus. Ich war so froh, vorher noch bei ihm gewesen zu sein.


Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Helle und dunkle Tage