Hunger nach Leben
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Feierabend-Mitglied
Montag 12.05.2025, 14:02 – geändert Montag 12.05.2025, 14:07
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Ich schaute in den Himmel über Salzburg, atmete tief durch und dachte an meinen Plan, den ich mir im Gefängnis ausgedacht hatte. Zunächst galt es die Feiertage irgendwie zu überstehen, einen Job suchen und sauber bleiben. Der Besuch im Kaffeehaus war als Anfang gedacht. Jetzt aber, nach dem Rosmarie in mein Leben getreten war, glaubte ich, dass womöglich alles ganz anders werden könnte. Ich schluckte vor Aufregung.
Noch drei Stunden.
Mich fröstelte, das Schneetreiben war stärker geworden. Ein eisig kalter Wind wehte, ich zog mein Sakko enger und stellte den Kragen auf. Mit klammen Händen war ich bei Mario im Kapuziner-Stüberl angekommen. Seit meinem letzten Besuch hatte sich nichts verändert. Auch die Gäste nicht. Holecek Rudi, der Scherenschleifer, dessen Spitzname Meckie Messer war, saß wie immer unweit der Musikbox. Silvy, deren schöner Name nicht darüber hinwegtäuschen konnte, womit sie zeitlebens ihr Geld verdient hatte, fluchte über Gott und die Welt und dass Feiertage schlecht fürs Geschäft seien, weil die Freier ausblieben. Und noch ein alter Bekannter war da, der Haflinger Sepp, der mich auch prompt um ein Bier anschnorrte. Fast wie eine Familie, dachte ich.
Sie kam pünktlich. Ich hatte mit Mario gerade die vierte Runde 'Chicago' gewürfelt, da betrat sie das Lokal. Ich wollte gelassen bleiben, aber als sie ihren Pelzmantel auszog, den Schnee abschüttelte und in einer Strickkleid-Nylons-Stiefel-Kombination vor mir stand, wurde ich euphorisch.
Ein Hauch von Rouge, rosa Lippenstift, violetter Lidschatten - ein perfekter Auftritt.
Kurz dachte ich an ihren früheren Job und daran, dass es auch Arbeitskleidung sein könnte. Während Mario genussvoll mit der Zunge schnalzte, schimpfte ich mich insgeheim einen verdammten Spießer.
Als Mario kapierte, dass Rosmarie zu mir gehörte, verzichtete er auf weitere Bemerkungen und starrte sie nur mehr an.
„Hey, Mario, altes Haus”, rief sie, „krieg dich ein, denk an dein Herz und deine Frau.” Sie lachte und Mario verschwand verschämt hinter dem Küchenvorhang.
Rosmarie war älter als ich, knapp über dreißig, aber mit einer Figur … Wahnsinn! Für einen Moment, als sie Marios Frivolitäten elegant gekontert hatte, tauchte die Mary von früher auf – lasziv, herausfordernd – jederzeit bereit, eine verbale Obszönität loszulassen. Zu meiner Freude verfiel sie nicht in den alten Slang. Rosmarie war jetzt eine Dame, eine bürgerliche Kuchenfrau geworden. Unglaublich.
Ihr Mut, aus der Szene auszusteigen, faszinierte mich. Sie hatte den Sumpf hinter sich gelassen. Das war auch mein Ziel.
Längst vergessene Gefühle kamen hoch. Ich atmete tief ein und wieder aus.
„Hey Ferdinand”, hauchte sie. Es klang so unschuldig, als sei ihr nicht bewusst, was sie mit ihrem Auftritt gerade ausgelöst hatte. Eine Sekunde lang ruhte mein Blick auf ihren Nylons, dann war sie an meiner Seite, stützte sich an mir ab, schwang sich auf den Barhocker und schlug die Beine übereinander. Ich schloss die Augen und genoss den Duft ihres Parfums.
„Du siehst echt super aus! Tolles Kleid!”
„Nur für dich, du Schmeichler.”
Meine Hände lagen auf ihren Knien. „Oh Mann”, dachte ich und bestellte Cuba-Libre, so wie früher. Wir schauten uns in die Augen und hatten den gleichen Gedanken, wollten die Arme um den Hals des anderen schlingen. Es gelang nicht, weil die Barhocker zu sehr wackelten. Beinahe wären wir auf dem Boden gelandet.
„Wollen wir uns nicht nach hinten setzen?”
„Gute Idee”, sagte ich, „auf die Kommentare von den Witzbolden an der Bar kann ich gerne verzichten.”
Mario servierte den nächsten Cuba-Libre, da kam die Frage von Rosmarie: „Sag mir, was du denkst.”
Warum stellen Frauen die immergleiche Frage, dachte ich und antwortete: „Ich denke an die Zeit, damals im Blue Velvet.”
„Warum ist das schief gegangen mit uns zweien?”, fragte sie.
„Ich wusste, dass du mich das fragen würdest. Ich gebe zu, ich hatte Angst.”
„Du hattest Angst vor mir?”
Jetzt musste ich lachen, weil sie so große Augen bekam.
„Nein, nicht vor dir. Aber vor Heinz, er war unser Boss - du seine Nummer Eins.”
„Ich habe gespürt, dass du mich magst, Ferdinand.”
„Heinz hat jedem, der dich länger als zwei Sekunden angeschaut hat, mit dem Umbringen gedroht. Ich glaubte ihm.”
„Trotzdem haben wir es getan, Ferdinand. Neben ihm, als er geschlafen hat.”
„Das ist ja das Problem. Ich hatte ein Blackout, kann mich an nichts erinnern.” Rosmarie flüsterte in mein Ohr: „Ich bin vor Angst fast gestorben.”
„Bist du aber nicht. Und das ist schön.”
Sie schenkte mir einen tiefen Blick. Diese Augen – wie sie leuchten. Für einen Moment kam mir der Gedanke, es könnten die Augen meiner Kinder werden. Ich muss verrückt sein, dachte ich.
„Komm, Fernand, gehen wir, hier ist es zu laut”, sagte sie.
Ich protestierte: „Ich heiße Ferdinand. Schon vergessen?”
„Nein, heute bist du Fernand. Wir machen dort weiter, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben.”
„Wie du meinst”, sagte ich und nach einer Pause: „Mary.”
Sie bestellte ein Taxi.
Ich fragte: „Wohin?”
Mary grinste: „Die Zu-dir-oder-zu-mir-Frage erübrigt sich wohl.”
Humor hat sie auch, dachte ich.
Das Haus stand in der Herrengasse, etwas überhöht, am Fuße der Festung. „Altbau, dritter Stock”, sagte sie, wie zur Entschuldigung.
„Keine Sorge Madame, ich bin bestens trainiert.” Mit Madame wollte ich sie necken, vielleicht wollte ich auch nur die Spannung des Augenblicks lindern. Sie schlüpfte aus dem Mantel und lachte: „Deine Muckis wirst du noch brauchen. Pass auf die Stufen auf, sie sind unterschiedlich hoch. Ich gehe am besten voraus.”
Graziös stieg sie Stufe für Stufe nach oben. Ich hinterher, das sah zwar nicht elegant aus, weil mir der Weitblick fehlte, aber den tauschte ich gerne für das Schauspiel ein, das sich mir bot. Meine Nase war nur wenige Zentimeter von zwei prallen Halbmonden entfernt. Dass sich ein Strickkleid darüber spannte, war unerheblich. In meiner Fantasie lief ein ganz anderer Film. Ich konnte fast hören, wie die Sicherungen in meinem Hirn heraussprangen.
Nichts war inszeniert, alles durfte geschehen. Zwei Verliebte steckten in einem Kokon des Glücks und vergaßen die profane Welt. Was für ein unbeschreibliches Gefühl, auf einem flauschigen Flokati aus einem Liebesrausch zu erwachen. Ist das wahr, bin das wirklich ich? Oder war es ein Traum, der verliebt begann und sich dann steigerte, als Rosmarie zu Mary wurde, mich als Femme fatal zum Glühen brachte und letztlich als Zwetschge dafür sorgte, dass ich mit geschlossenen Augen die Sterne sah.
Rosmarie hatte sich an mich geschmiegt. Ich legte meine Hand an ihre Brust, gerade mal so viel, dass ich sie berührte. Ganz sacht nur umspielte ich die Konturen, wie ein Blinder, so behutsam, als streichelte ich ein schlafendes Kind. Ich wollte etwas sagen, doch sie strich mir sanft mit ihrem Finger über die Lippen: „Sag nichts, genieße es einfach so, wie es ist.”
Es hatte zu schneien aufgehört, der Winterabendhimmel kündigte eine eiskalte Nacht an. Wir standen am Fenster und schauten über die Altstadt. Die Kuppel des Doms ragte im Scheinwerferlicht über den Kapitelplatz. Wir waren ein komisches Paar. Mary im Nerz ohne etwas drunter – ich nackt.
„Hast du Hunger?”, fragte sie mich.
„Nein, ich glaube nicht.”
„Gut, dann mach ich uns was.”
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste mich, jetzt wie ein scheuer Vogel und ging in ihre kleine Küche. Ich blieb am Fenster stehen, dachte über das nach, was in den letzten Stunden passiert war und hatte Hunger nach Liebe und Freiheit.
© text & photo by ferdinand