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IM CAFE HARMONIE

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 22.05.2025, 17:14 – geändert Donnerstag 22.05.2025, 19:51

IM CAFÉ HARMONIE

Hier wird beste Qualität serviert, der Kaffee ist konkurrenzlos gut, die dazu gereichten Schleckereien sind unübertrefflich, die Umgangsformen locker.
Dort links werden schon wieder Tische zusammengeschoben, neun Damen möchten zusammensitzen. Das geht im Handumdrehen, die Bedienung ist schon zur Stelle und nimmt lächelnd die Bestellungen auf.

Ich sitze mit Bruno in einem stilleren Winkel und wir haben einen ganz netten Überblick über das turbulente Treiben. Die Stimme einer der neun Damen ist noch ein wenig höher als die der anderen und ist unaufhörlich zu vernehmen. Ja, diese Dame schnattert. Wir jedoch setzen unser Gespräch fort und schauen uns doch wieder und wieder verblüfft an – weil diese Stimme zum Dauerton zu werden droht. Sie beginnt zu nerven, zumindest für männliche Ohren.
Bruno sagt, etwas unvermittelt vielleicht, dass es da eine Theorie gäbe, die zu heftiges und unaufhörliches Reden als Ersatz für ein unerfülltes Liebesleben definiere. Dazu wiederum fällt mir meine damalige Vermieterin ein, bei der ich vor unglaublich langer Zeit „der möblierte Herr“ war. Am frühen Morgen trällerte sie bereits so durchdringend, dass sich meine Kopfschmerzen vom Saufabend zuvor vervielfältigten. Und das behielt sie dann bei über den lieben langen Tag. Sie versuchte sich als Koloratursängerin, griff auch sonst alles Singbare auf und gab bis zum Abend keine Ruhe. Unbändiges Singen als Ersatz für die Liebe?

Warum nicht. Sie war zu jener Zeit eine Frau in den besten Jahren und ihres Mannes verlustig geworden. Irgendetwas Schönes braucht der Mensch – warum also nicht Gesang anstelle schöner Stunden zu zweit?

Jetzt reckt Bruno den Kopf und widerspricht mir nicht nur, sondern behauptet das glatte Gegenteil. Von wegen – Gesang als Ersatz für vermisste Liebe!
Und er kann auch jedes seiner Worte belegen mit der kleinen Begebenheit in Ravenna. Wie er nun, langsam Fahrt aufnehmend, den Hergang schildert, fingert er aus seiner Brieftasche ein Porträt. Eine schöne Frau sehe ich, volles Haar in natürlichen oder gedrehten Locken endend. Herrliche Lippen und ein Augenpaar, wie es mediterraner nicht sein könnte: kühn geschwungene Brauen und ein hellwacher Blick.
Er hat ihr Bild immer bei sich! Mariella, die Italienerin.
In der Abendschule hat er sie beim Englischunterricht kennengelernt; sie haben zusammen gebüffelt und danach etwas gefeiert und so fanden sie sich dann schließlich.

Bruno ist bei der Arbeit als Unternehmensberater ein beherrschter und nüchterner Mensch. Doch wie er jetzt mit seiner Episode in Italien landet und eintaucht in diese schöne Zeit, hält ihn nichts mehr beim schwärmerischen Erzählen. Ich höre ihm gern zu. Es häufen sich italienische Zutaten in seinem Redefluss, der jetzt wirklich von südlichem Temperament getragen wird. Denn Mariella pflegte, bei der Liebe zu singen.

Sie beginnt melodisch, oft beinahe melancholisch, noch nicht einmal singend, eher summend und streichelnd, vom ersten Kuss bis ungefähr zum zehnten. Mehr als jedes andere Kunstwerk – gleich, ob es als Menü aus der Küche kommt oder als Konzert dargeboten wird – braucht besonders ein Stück der Liebeskunst eine einfühlsame Ouvertüre.

Ein schöner Beginn ist die Grundlage aller sich darauf erhebenden Steigerungen – und es steigert sich! Mariella singt italienisch. Das rollende R bringt wonnespendende Gänsehaut über ihre Körper. Diese wundervollen Lieder, diese wundervollen Gefühle! Nirgends ist Platz für ungeschickte und überflüssige Worte. Das Singen und die Leidenschaft könnten sich nicht besser ergänzen. Mariella, lehrt die Welt, wie die Liebe zelebriert werden sollte!

Und sie wird zelebriert. Mariella singt im Rhythmus der Liebe, bei jedem Stoß ein herausgeschriener Vokal, beim Ausatmen dessen Nachhall. In kraftvoller Leidenschaft steuert Mariellas Lied den schönsten Prozess auf diesem Planeten zum Forte. Schweißnass klatschen ihre Körper im Takt.
Mariella ist eine begabte Frau und Sängerin. Schöne, nicht heftige, eher zarte Lieder kennt sie; von Venetien bis Kalabrien. Die sollte man hören, wenn Mariella sie bei der Liebe singt. Allegro! Einen unerwarteten Ernst, fast etwas Feierliches nimmt man staunend wahr. Eine sakrale Handlung in ihrer ganzen Natürlichkeit – ohne Sündenbewusstsein und anderes Moralgefasel.
Sie singt diese Lieder ein wenig schneller, mit mehr Hingabe, jeder Ton greift.

Die Lautstärke nimmt zu und auch die Vibrationen nehmen zu, das Tempo wird wilder, die Laken landen auf dem Boden und die Akteure landen auf der Venus, die wie ein glühender Lampion alle Liebenden in ein schützendes, warmes Licht hüllt und noch schöner erscheinen lässt. Scharfe Umrisse verwischen, die Welt zieht sich zurück und gibt Raum für Gefühle: für das Gefühl der Einmaligkeit und für das Gefühl, das einzig Wahre und Echte zu kennen. Ein Rausch überkommt die beiden, sie tauchen tiefer ein und erhöhen zum Fortissimo. Mariellas Text verliert die Vokale, spitze Aahs und spitze Oohs werden unterbrochen von fast animalisch tiefen, von Lebenskraft und Genuss geformten Lauten. Und jetzt: Furioso!
Diese dicken Mauern bekommen keine Risse.
Das Glück erfüllt den Raum bis unter die hohe gewölbte Decke.
Eine sanfte Betäubung umfängt jetzt die Kinder des Glücks und ein paar versprengte Vokale trudeln wie ermattete Ginkoblätter zum Teppich nieder.
Das letzte Lied ist gesungen – für heute.

*

Wenn ich's recht bedenke, erkenne ich eigentlich keinen Widerspruch. Gesang kann fehlende Liebe wohl nicht ersetzen, doch hoffentlich die Seele trösten und streicheln.
Aber Gesang und Liebe sind das Dynamit dieser Erde!
Bruno ist völlig einer Meinung mit mir und wir bestellen uns noch etwas Schönes: das Sorbet von sizilianischen Orangen und Zitronen, das mit einigen Tropfen Limoncello eine wahre Zitrusorgie auf der Zunge auslöst. Und einen Café mit einem Spritzer Anisette und einem verwegenen Schopf aus Milchschaum. So ein gut geführtes Café hat schon – wie soll ich sagen, etwas Paradiesisches?

©by ferdinand

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