Imagine - Stell dir vor …
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 15.04.2025, 10:46 – geändert Dienstag 15.04.2025, 10:51
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Ich hörte diesen Song in den Innenhöfen von Sankt Peter. Es klang, als ob die Musik direkt aus den Wänden des Mönchsbergs kommen würde. Ich war gerade bei Pater Engelbert an der Pforte gewesen und hatte mir fünf Schilling und eine Kante Brot abgeholt. Früher hätte ich mich geschämt, jetzt war es anders. Ich brauchte nicht mehr betteln, musste mich nicht erniedrigen, brauchte nichts mehr zu sagen, ich war bekannt. Trotzdem war es nicht Alltag. Es war so ein vermaledeiter Sonntag. Ein Tag, an dem sich alle anderen freuten und im feinen Gewand durch den Festspielbezirk flanierten. Kein guter Tag für Leute wie mich. Unsereins fiel an solchen Tagen noch mehr auf. Ich kam mir schäbig vor, schämte mich, obwohl ich mich rasiert hatte und mein Hemd garantiert nicht länger als drei Tage trug. Ich werde auch diesen Tag über die Bühne bringen, dachte ich und summte Imagine all the people, living life in peace … Ich orientierte mich in Richtung Jedermannbühne auf dem Domplatz.
Es war beileibe nicht so, dass ich keine Perspektive gehabt hätte. Meine Pläne waren nicht abgehoben. Dass ich sie dennoch nicht ausführen konnte, lag an meiner körperlichen Befindlichkeit. Dass ich quasi neben der Spur stand, war meiner Meinung nach nur dem unglücklichen Zustand geschuldet, dass meine Sucht nach Alkohol gerade in einer Hochphase befand. Ich hatte den Überblick verloren, ich glaubte, ohne Hilfe aufhören und jederzeit aussteigen zu können, wenn ich nur wollte. Ich war überzeugt, dass ich mit Jim Beam und Johnnie Walker meinen geistigen Horizont erweitern und mich auf dieser imaginären Welle des Glücks festhalten könnte – bis – ja, bis wann? Bis der Tod uns scheidet? Nein, so weit werde ich es nicht kommen lassen.
In nüchternen Momenten wie an diesem Sonntag, mit John Lennon im Ohr, spürte ich einen Hauch von Hoffnung. Ich wusste, ich muss raus aus diesem Zug namens Sucht. Der Alkoholexpress fuhr mit mir ohne Halt ins Ungewisse. Ich war bereit abzuspringen, fürchtete aber den harten Aufprall. Insgeheim hoffte ich auf ein Wunder, auf einen Impuls von Außen. Gibt es eine weiche Landung, gibt es jemand, der mich auffängt? Lass die Träumerei – dachte ich. Geh weiter, folge der Musik, woher kommen die Stimmen?
Ich stand wie gebannt unter den Dombögen und lauschte mit allen Sinnen. Imagine all the people, living for today ... Vorne, mitten auf der Jedermannbühne, stand eine weiße Leinwand mit aufprojizierten Texten: Imagine – Stell dir vor! Imagine there’s no heaven … darunter der eines Gospelsongs: Oh when the saints, go marching in …
Vieles sprach für ein normales Konzert, doch ein prominenter Künstler war nicht zu sehen. Nein, John Lennon war nicht da – aber Kinder, viele Kinder. Sie waren die Stars. Jetzt wurde klar, was die vielen Plakate bedeuteten, die mir in den letzten Tagen bei meinen städtischen Streifzügen aufgefallen waren: „Palette 80“ stand da in bunten Lettern. Damit war diese Veranstaltung gemeint. Die katholische Jungschar Österreichs und Europas trafen sich in Salzburg zum Singen und Spielen.
Ich vergaß meine Scham, mischte mich unter die Zuschauer und sang mit. Ein Vibrieren lag in der Luft. Menschen wurden zum vokalen Klangkörper. Es war großartig. Ich war dabei, war einer von ihnen. Auch wenn Imagine kein lauter Song war – klang es doch wie ein rauschendes Bekenntnis: Imagine – Stell dir vor, all die Menschen, sie teilen sich die Welt, einfach so!
Es war für mich ein besonderes Erlebnis, den Kindern mit ihren fröhlich bunten Halstüchern zuzusehen, wie sie mit voller Inbrunst und strahlenden Augen diesen Song interpretierten. Sie füllten John Lennons große Vision von Imagine bekam eine leichtere, spielerische Note durch die Stimmen der Kinder. Das Lied ist schlicht, einfach in seiner Aussage, hat keine geheimen, verschlüsselten Symbole. War leicht zu verstehen und doch so schwer umzusetzen. Denn es erzählt nicht nur. Es fordert auf, etwas zu tun:
Imagine … wenigstens das. Stell dir vor: it‘s easy if you try.
Kein Himmel, keine Hölle. Keine Ländergrenzen, keine Kriege, keine Religionen – nichts wofür man in den Krieg ziehen würde. Nichts wofür man sich schämen müsste. Aber auch: Kein Besitz, keine Gier, keine Obdachlosen, keine Entwürdigten – und vielleicht auch kein Hunger in der Welt. I wonder if you can, ist schon schwerer, weil es mein eigenes Leben, meine Lebensweise betrifft und nicht Entscheidungen von denen da oben …