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Julius ist verändert

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 19.11.2024, 14:30 – geändert Dienstag 19.11.2024, 14:30

Seit einigen Wochen ist Julius, 6 Jahre im Kindergartenalltag verändert. Er spielt nicht mehr mit den anderen Kindern, zieht sich sehr zurück und reagiert manchmal ungewohnt aggressiv. Meine Zuwendung und vorsichtige Fragen beantwortet er mit Schweigen, nur einmal sagt er wütend: "Ich darf das nicht sagen!"
So ließ ich ihn in Ruhe, er brauchte offenbar Zeit und ich bedrängte ihn nicht, beobachtete ihn nur genauer. Mir fiel auf, dass er seinen Papa nicht mehr erwähnte, der sonst immer eine große Rolle gespielt hat. Ein Gespräch mit der Mutter brachte auch keine Erklärung, sie sagte nur, dass sie sich oft über Julius ärgert, weil er so trotzig geworden ist.

Einige Tage später, ich war bereits zu Hause, da klingelte es an meiner Tür. Als ich öffnete stand Julius ganz schüchtern da, ich bat ihn ganz selbstverstänlich rein, obwohl so etwas noch nie vorgekommen war. Er warf sich in meine Arme, schluchzte, ich konnte ihn kaum verstehen. Ich hielt ihn erst einmal ganz fest, dann sagte ich: "Zieh deine Jacke aus, ich koche uns erstmal einen warmen Kakao und ging in die Küche." Mein unglücklicher Julius folgte zögernd. Zum Glück kamen meine Katzen in die Küche und schmeichelten um seine Beine. Das war gut, denn so konnte er etwas Zeit gewinnen und sich beruhigen.
Dann setze er sich und sagte trotzig: "ich will nicht mehr nach Hause, kann ich bei dir bleiben?"
"Jetzt erzählst du mir erst, was passiert ist und warum du hierbleiben willst."
Julius schwieg und ich wartete.... Schließlich platze es aus ihm heraus: "Papa ist weg und Mama sagt, er kommt nicht mehr wieder." Ein neuer Tränenausbruch folgte. Ich breitete die Arme aus und er kam sofort auf meinen Schoß und schmiegte sich an. "Das ist sehr schlimm für dich, kannst du mit Mama darüber sprechen?" " Nein" sagt er, "Mama hat einen Freund und er bleibt immer
am Sonnabend in der Nacht bei uns und ich mag ihn nicht, er ist doof, Mama will, dass ich nett zu ihm bin und Papa zu ihm sage, denn er wird bald bei uns wohnen. Aber er ist nicht mein Papa und darum will ich nicht mehr nach Hause und ich will auch nicht nett zu ihm sein!"

Nun hatte ich ein großes Problem und brauchte etwas Zeit zum Nachdenken. "Wie wäre es, wenn du nun ein bisschen mit den Katzen spielst, ich muss deine Mama anrufen, damit sie sich keine Sorgen macht und weiß, wo du bist." " Musst du das machen?" "Ja, das muss ich machen!"

Ich konnte und wollte ihn nicht bei mir behalten, auch nicht für eine Nacht, es wäre keine Lösung, Die Mutter war am Telefon sehr erschrocken und hatte sich große Sorgen gemacht. Ihr war nicht klar, wie sehr Julius sich quälte und so versprach sie, dass ihr Freund vorerst nicht bei ihr übernachtete, sie sich mehr um Julius kümmern würde und sie erst mal mit ihren Sohn und dem neuen Freund am Wochenende Ausflüge machen könnten. Ich bat sie, so bald wie möglich mit ihrem Ehemann einen Termin zu vereinbaren, an dem Julius seinen Vater besuchen kann. Das sei für ihren Sohn sehr wichtig und sie versprach si.

Das alles erzählte ich dem Jungen und sagte, ich würde ihn jetzt nach Hause bringen. "Kommst du noch mit rein? Mama wird sehr wütend auf mich sein!" " Ja, das mache ich und werde mit deiner Mama noch einen Kaffee trinken."
Die Begrüßung von Mama und Julius war echt und herzlich, ich hatte einen Stein ins Rollen gebracht und musste nun darauf vertrauen, dass mein Knirps und die Mutter einen Weg fanden, wie sie mit der neuen Situation umgehen werden.

Mein Großer, Kleiner wurde in der nächsten Zeit zugänglicher, ebenso die Mama, es gab mit dem Papa regelmäßige Besuchstermine und langsam bekam er sein Gleichgewicht zurück.
Nach ca. 6 Monaten kam der Papa zurück, Julius strahlte und war ganz aufgeregt, nun konnte ich die Bindung an ihn wieder lockern. Leider läuft es selten so und für die Kinder ist es ein riesiger Schmerz, wenn Eltern sich trennen, es hinterlässt dauerhaft Spuren in den kleinen Menschen.

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