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Kein Tag wie jeder andere

Von Feierabend-Mitglied Montag 17.02.2025, 14:13

(Fortsetzung)

Ich hatte Kurzurlaub von einem Dekaden-Job auf Großbaustellen. Zehn Tage im Akkord – dann vier Tage frei. Es gab freie Unterkünfte, billige Kantinen und gutes Geld. Ein Zigeunerleben, zugegeben, aber ich war jung, dreiundzwanzig und ein passabler Fliesenleger ohne Anhang. Meine Beziehung mit Melitta war vor drei Monaten in die Brüche gegangen. Ich hatte zwar keine Wohnung mehr in Salzburg, wollte aber trotzdem die freien Tage in meiner Stadt verbringen. Ich vertraute auf alte Freunde und Kumpels. Zwischendurch vielleicht ein Hotelzimmer, ich war nicht wählerisch.

Es war ein frostiger Wintertag, als ich das Piccola-Trieste anvisierte. Die sommerlichen Aquarelle am Zugang zum Café wirkten ob der Kälte fremd. Unwillkürlich rieb ich meine Hände, um die kalten Finger zu erwärmen und stieß die Tür auf. Hinter der Bar residierte Ria, die Wirtin der Minikneipe. Zunächst hob sie teilnahmslos den Blick, dann erkannte sie mich und grinste. Ich erwartete nicht, dass sie mir um den Hals fiel, aber das: „Na so was, da ist er ja! Servus Ferdinand, wo warst du denn so lange?”, ließ mich aufhorchen.
„Wer will das wissen?”, fragte ich.
Ria lachte verschmitzt: „Hab’ gar nicht gewusst, dass du dich Ferry nennst.”
Ich bekam eine leichte Ahnung. Niemand nannte mich Ferry, außer Melitta. „Also wer?”, fragte ich ungeduldig.
„Na wer schon? Setz dich erst mal”, sagte Ria und stellte mir ein frisch gezapftes Bier vor die Nase. Ich nahm einen tiefen Schluck: „So nennt mich nur Melitta”, murmelte ich. Im Kopf lief ein Film ab. Ich hatte mein Davonlaufen schon x-mal bereut. Rias Blick irritierte mich, es war der Blick einer Kupplerin. „Melitta war gestern hier, wir haben lange miteinander gesprochen. Möchtest du das auch?“
Ich wollte meine Rührung nicht zeigen und sagte nur: „Warum nicht?”
Ria stand auf, ging nach hinten und telefonierte. Als sie zurückkam, sagte sie: „Sie kommt in einer Stunde, besser du trinkst Kaffee statt Bier.“
Melitta war attraktiver als je zuvor, irgendwie fraulicher. Ihr Kleid war einsame Klasse, die Figur sowieso. Das und noch viel mehr sagte ich ihr, als wir in unserer ehemals gemeinsamen Wohnung ankamen.
„Du bist immer noch der große Schmeichler”, sagte sie mit einem Blick, der mich alles vergessen ließ, was vorher war. Melitta legte ihren Kopf auf meine Brust und sprach sehr leise: „Ferry, ich möchte dir gerne etwas sagen, aber da ist diese Angst.“
Ich strich über ihr Haar und flüsterte: „Nur Mut meine Liebe, ich bin immer für dich da!“ Sie wischte eine Träne weg und fragte mit einem zaghaften Lächeln: „Auch wenn wir zu dritt sind, Ferry? Du wirst nämlich Papa!”
Es dauerte etwas, bis ich Melittas Worte inhaltlich zu begreifen begann. Ich faselte vor mich hin: „Echt jetzt …? Ich …? Du …? Ich werd’ verrückt!” Und dann brach in meinem Innern das Feuer aus: „Ich brauch’ jetzt dringend was zu trinken. Komm Melitta, das muss gefeiert werden!“

Es war lange nach Mitternacht, wir schmiedeten endlose Pläne. Wir konnten vor lauter Glück nicht schlafen. Sechs Monate hatten wir Zeit, uns für Ferdinand oder Christina zu entscheiden. Im Mai zogen wir in eine größere Miet-Wohnung in der Linzergasse ein. Am 30. Juli kam unser Ferdinand zur Welt. Die Schwester in der Gynäkologie konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, aus dem Stand einen Flick-Flack hinzulegen.

Für unsere kleine Familie begann eine Zeit erfüllter Tage und durchwachter Nächte. Die Eindrücke der ersten Babywochen waren anstrengend gewesen. Ich kam mir dumm und unwissend vor. Häufig standen wir mit schlaftrunkenen Augen vor dem endlich schlafenden Kind. Melitta war zwar geschickter beim Wickeln und der allgemeinen Babypflege, aber ich war Martins erste Einschlafhilfe. Am besten gelang mir das, indem ich meine hohle Hand unter sein Köpfchen hielt, allerdings stand ich dann, nachdem er eingeschlummert war, eine gefühlte Ewigkeit vor dem geliehenem, hellblau ausstaffierten Korbwagen. Ich wagte nicht, meine Hand unter seinem Kopf herauszuziehen, denn aus leidvoller Erfahrung wusste ich, dass er quasi im Handumdrehen wieder wach geworden wäre.

Es war Sonntag, ein bestens aufgelegter Discjockey kündigte im Ö3-Wecker an, dass der heutige Tag der bislang wärmste des Jahres werden sollte. Ich hatte eine Idee: „Wäre doch ideal für ein Picknick, was meinst du, Melitta?”
„Wir haben kein Auto, Ferry, wie soll das gehen?”
„Kein Problem, wir fahren mit dem Bus bis zur Kaserne. Dahinter liegt die Saalach-Au, ich kenne die Gegend.”
„Ein Ausflug aufs Land, wie romantisch”, sagte Melitta. Die gute Luft wird uns und auch Ferdinand guttun.”
„Ich hole schon mal den Transportkorb für den Kinderwagen aus dem Keller, kümmerst du dich um Speis und Trank?”
„Okay und vergiss den Rucksack und die karierte Decke nicht!”

Die Sonne blinzelte durch die Baumkronen der Saalach-Au. Wir lagen im Gras und spielten unser liebstes Spiel: Tagträumen - Augen zu und erzählen, was man trotzdem sieht. „Es ist wunderbar hier, Ferry. Bäume so wild wie im Urwald, die Saalach fließt träge und doch strebt sie dem Meer zu. Melitta flüsterte mir ins Ohr: „Das ist unser Sommer. Ich will mit meinen Augen das Leben festhalten.”
„Was siehst du sonst noch so? Wie weit erstreckt sich der Dschungel? Kannst du das Meer sehen?”
„Ach Ferry, ich sehe noch viel mehr. Wenn wir einmal aus dem Gröbsten raus sind, fahren wir drei rund um die Welt.” Leise summte sie unser Lieblingslied vor sich hin: „Jeder Traum hat ein Ende, nur unsre Liebe nicht …”.
Ich drehte mich zu ihr hin und zupfte ihr die fliegenden Samen des Löwenzahns aus dem Haar. „Willst du wirklich mit mir um die ganze Welt?”
„Ja, ich will mit dir die Rockys sehen, will nach Alaska und Hawaii. Nach Afrika und Indien, zum Taj Mahal, nach China und Paris … und zu den Affen nach Gibraltar, überall will ich mit dir hin.” Melitta schmiegte sich an mich, ergriff meine Hand und spielte mit meinen Fingern. „Und du passt auf mich auf”, haucht sie mir ins Ohr. Dann küsste sie mich.

Unser Kleiner meldete sich lautstark, seiner Meinung nach hatten wir genug geschmust. Während Melitta ihm seinen Fencheltee gab, legte ich unsere Picknick-Decke zusammen. Aus der Ferne vernahm ich leises Grollen. In den Bergen braute sich ein Gewitter zusammen. Noch genügend Zeit, um aus der Proviantfolie ein Schiffchen zu falten. Ein letzter Blick ins weite Land, dann kniete ich mich nieder zum träge fließenden Seitenarm der Saalach und setzte vorsichtig mein Papierschiffchen ins Wasser. Langsam schipperte es dahin, vielleicht schafft es die Reise bis ins Meer. Melitta hatte Ferdinand zur Brust genommen und wiegte ihn in ihren Armen.
„Was tust du da?, fragte sie.
„Ich schicke Grüße ans Meer.”

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