Knast (1968er Story)
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Feierabend-Mitglied
Samstag 10.05.2025, 13:07
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AUSZIEHEN - UMDREHEN - BÜCKEN !
Ich trage das Bündel mit Bettwäsche und Decken über der Schulter und marschiere drei Schritte vor dem Justizbeamten aus der Kleiderkammer im Landesgericht Salzburg, der sogenannten „Schanzl-Alm”. Nächste Station ist ein Ärztezimmer ohne Arzt. Ich sehe nur einen Wärter, der mir in harschem Ton befiehlt: „Ausziehen. Umdrehen. Bücken.“
Es folgt eine Durchsuchung bis in die letzte Hautfalte. Ich bin so eingeschüchtert, dass ich gar nicht an Widerstand denke, als mich der Aufseher mit einer Handpumpe einstaubt. Es ist wohl ein Insektengift, das mich in eine weiße Wolke hüllt.
Gemurmelter Kommentar des Beamten:
„Man weiß ja nie, mit welchem G’sindel man es zu tun hat.“
Meine Leibwäsche und alle persönlichen Habseligkeiten werden in einen Sack gesteckt, registriert und verwahrt. Die private Kleidung und meine Schuhe darf ich behalten. Ich habe soeben meine Souveränität und meine bürgerlichen Rechte abgegeben, denke ich.
Der Gang führt durch ein erstes Gittertor zum Stiegenhaus des U-Traktes. Die Lage scheint ausweglos. An Flucht ist nicht zu denken. Oder doch? Ich mag meine Ehre verloren haben, nicht aber meine Geschichte. Ich flüchte in Erinnerungen, mein Langzeitgedächtnis ist intakt.
Ganz anders ist es mit dem Gestern. Blackout – schon wieder. Der Alkohol ist mein Untergang, denke ich. Aus freudigem Suff entstand traurige Kriminalität. Ich weiß nicht mehr genau, was passiert ist. Sicher ist nur, dass es illegal war.
„Stehenbleiben!“
Der Befehl des Beamten in der Uniform der Justizwache erreicht mich kurz vor der Gittertür. Zunächst spüre ich nur hilflose Beklemmung. Dann, völlig unerwartet, wie zum Schutz meiner Seele, steigen Bilder der „Fledermaus“ in mir auf. Ich sehe die komische Szene mit dem betrunkenen Kerkermeister Frosch vor mir ablaufen. Und lächle. Das Schlüsselrasseln des Schließers ist real, kein Schauspiel. Er ermahnt mich, langsamer zu gehen. Die Anweisungen sind kurz und prägnant. Alles hat einen Hauch von Militär.
Ich weiß, wann ich verloren habe und hadere nicht mit dem Schicksal. Das macht die Sache irgendwie leichter. Die Meldung des Justizbeamten dröhnt in das Zellenhaus: „U-Trakt – Zu-gang“, reißt mich aus den Gedanken.
Ich werde an den Stockchef übergeben – das Ritual wiederholt sich. Drei Schritte vor dem Beamten gehe ich immer tiefer ins „Loch“, in eine unbestimmte Zeit. Mit lautem Klacken wird der schwere Riegel zurückgeschoben, noch ein Schlüsseldreher und ich bin drin.
Zelle 46 – steht an der Tür.
Skeptisch starren mich drei Augenpaare an. Mehr als ein genuscheltes „Habe die Ehre“ bekomme ich nicht heraus. Ein dumpfer Schlag, ich drehe mich noch einmal um, die schwere Tür ist ins Schloss gefallen. Ich sehe nur mehr die glatte Innenfläche ohne Klinke.
Vom Capo kommt die Frage: „Zum ersten Mal hier?“ Ich bejahe und spüre die Feindseligkeit der Insassen. Das erzwungene Miteinander mit Typen, die ich in Freiheit nicht akzeptiert hätte – das ist die eigentliche Strafe, denke ich.
BEGEGNUNG
Ich hoffe jemand Bekannten zu sehen in dieser bunten Truppe von Dieben, Räubern, Dealern, Betrügern und Hütchenspielern. In der letzten Reihe ist das nicht der Ulli? Ich lasse die Leute vorbeigehen, indem ich mir die Schuhbänder binde und reihe mich hinten ein. Er ist es tatsächlich und erkennt mich auch sofort wieder. Ulli ist Rentner und schwul. Sein Verbrechen ist, dass er die jungen Buben zu sehr mag; besonders wenn sie blond sind so wie ich.
Nun, ich selbst bin hetero, hatte aber nie etwas dagegen, wenn der schwule Ulli mein Bier bezahlte und mir Avancen machte. Ich habe ihn immer vertröstet auf einen späteren Zeitpunkt. Das war auch nie ein Problem für ihn, er war mir nie böse und sagte augenzwinkernd: „Einmal krieg ich dich, du Luder!“ Und jetzt geht er mit mir im Kreis. Die Freude ist groß, und das sage ich ihm auch. Meine Hintergedanken zwecks Rauchwaren verrate ich nicht.
Ulli interpretiert meine Freude anders. Er hat andere Gedanken als ich, das kann ich ihm ansehen. Etwas Small Talk kann nicht schaden, denke ich und erzähle mit gesenkter Stimme, dass ich das erste Mal hier bin und fürchterlich leide. Am schlimmsten sei es, um jede Zigarette betteln zu müssen. Ich merke sofort, dass es ihn erwischt hat.
„Nur nicht verzweifeln. Du kennst mich, ich kann so an feschen Buam nicht leiden sehen”, sagt er und zieht ein Bündel Tabak vom Feinsten aus der Tasche. Der süßliche Geruch zieht sofort in meine Nase. „Nimm das fürs Erste, mein Lieber, morgen besprechen wir beim Duschen, wie es weitergeht.“ Ulli streicht mir über die Hand, als er mir den Tabak zusteckt. Er ist glücklich wie ich, wenn auch aus einem ganz anderen Grund. Armer Hund, denke ich. Aber so ist das Leben. Das monotone Rundendrehen bringt zwar etwas Abwechslung, aber echte Entspannung ist es nicht.
Vom nahen Dom her erklingen drei Glockenschläge und vermischen sich mit den Hammerschlägen der Wächter, die während des Hofgangs die Zellen filzen und die Gitter abklopfen. Am Klang würden sie erkennen, ob irgend so ein Spitzbube sie angesägt hat.
Ulli nimmt mein Nachdenkgesicht zum Anlass, mich zu trösten: „Nimm´s nicht so schwer, versuch’s mit Humor. Schau dir zum Beispiel die zwei Wächter an. Stell dir vor, sie wären Diener. Sie klopfen und tasten uns nur deshalb so sorgfältig ab, um uns vor dem Unbill der Außenwelt zu schützen. Sie sind um unser Wohlergehen besorgt und achten penibel darauf, dass wir uns nicht verlaufen und möglicherweise nicht mehr zurückfinden. Schau sie dir an, allein der Gedanke daran, dass uns etwas zustoßen könnte, lässt sie so traurig und abgestumpft dreinschauen.
Also Kopf hoch mein Junge, das wird schon werden. Versuch dich einfach frei zu lachen.“
Solche Worte habe ich vom schwulen Ulli nicht erwartet. Gerne möchte ich ihm meine Verbundenheit zeigen, habe aber Angst, dass er es falsch verstehen würde. Es bleibt keine Zeit zum Überlegen, die Livrierten bitten zur Rückkehr in die Gemächer.
© by ferdinand