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Komm, wir finden einen Schatz!

Von Feierabend-Mitglied gestern, 12:02 – geändert gestern, 19:11

Tack – Tack – Tack – Tack …..Rhythmisch tackern unsere Nordic-Walking-Stöcke auf dem Uferweg, der längs des Flüsschens Niers bei uns am Niederrhein verläuft. Noch flirrt die frühe Morgensonne nicht durch das Sommergrün der Bäume und glitzert im munteren Plätschern des Wassers. Ganz harmonisch und inzwischen eingespielt schreiten mein Lieblingsnachbar und ich nebeneinander her, manchmal schweigend, manchmal lebendig irgend etwas erzählend. Das war nicht von Anfang an so. Mein schrecklich sportlicher Nachbar betreibt viele verschiedene Sportarten und ist entsprechend fit. Oft hat er, meiner gelegentlichen Mitstreiterin beim Walken und mir, uns leichtfüßig mit einem munteren Morgengruß auf den Lippen überholt und weg war er. Sein Sprunggelenk macht zur Zeit jedoch ein wenig Ärger, darum bat er mich/uns, mit Nordic-Walking-Stöcken eine Zeit lang mit uns mitgehen zu dürfen.

Meistens gehen wir jedoch zu zweit, ich habe mich inzwischen an seine entsetzlich gute Laune schon am frühen Morgen, sogar noch ohne Frühstück, nur mit einem gesunden und gar nicht leckeren Getränk im Bauch, gewöhnt. Ich höre jetzt keine Musik mehr beim Walken, sondern die Vogelstimmen, Hundegebell, das Murmeln des Wassers, die Stimme meines Walking Partners.

Bobby, der Bearded Collie, saust gerade an uns vorbei, gefolgt von seinem Frauchen, das versucht, ihn nicht aus den Augen zu lassen, und ihm ständig irgend etwas zuruft. Das macht sie jeden Morgen so. Hans-Peter, mein absoluter Lieblingsnachbar, habe ich das eigentlich schon erwähnt...lach…verlangsamt auf einmal sein zügiges Tempo und zeigt auf das ruhig dahinfließende Wasser. „Schau mal, da in den hohen Büscheln am Rand, glitzert da nicht etwas?“ “Ich seh nix….oder? Doch, tatsächlich…….lass uns mal nachschauen!“ Ich werfe meine Stöcke ins Gras, rutsche etwas seitwärts die Uferböschung hinunter. Schwupps, der beste Nachbar von allen (frei nach Ephraim Kishon) greift nach meinem linken Arm, hält mich. Ich bücke mich…..und greife nach einer Flaschenpost. „Schau mal, bestimmt noch von einem Kindergeburtstag übergeblieben…..“. Ich hebe sie hoch, nehme die Flasche mit nach oben. Plopp!! ist sie geöffnet. Mit einiger Mühe fische ich einen Zettel heraus. Nichts steht darauf….nur ein Weg ist eingezeichnet, der kleine Fluss, eine Brücke, Moment….der Pfeil zeigt an….weiter auf dem Weg bleiben…..links abbiegen…..ein Stück weiter zwei Bänke...hier ist ein dickes Kreuz.

Kindlicher Übermut, ein bisschen Abenteuerlust und Neugier machen sich in mir breit. Ich frage meinen Begleiter, ob er mitmachen würde, wenn ich bis zu diesem Kreuz gehen würde...zum offensichtlichen Ziel. Dieser schmunzelt, dass er sich das ja schon fast gedacht hätte. Klar würde er mitgehen, ich bräuchte ja schließlich einen Beschützer, wer weiß, was da für Gefahren lauern……

Lachend stöckeln wir mit unserer Schatzkarte und der Flaschenpost los, kommen an der Brücke vorbei, lassen diese rechts hinter uns, gehen noch ein Stück und biegen links ab. Wir gehen ruhig nebeneinander, unsere Augen suchen zwei Bänke. Ach, das gibts doch nicht, das ist doch die kleine Raststelle mit dem Aussichtspunkt „Storchennest Clörather Mühle“ mit zwei Bänken. Von hier aus kann man, allerdings am besten mit dem Fernglas, zu gegebener Zeit ein Storchennest beobachten. In jedem Jahr zieht ein Storchenpaar seine Jungen dort auf.
Wir sind hier am Rande eines großen Naturschutzgebietes mit Feuchtwiesen, dem renaturierten Niers-Altarm und mehreren Kleingewässern. Wie schön! Die Störche sind natürlich im August nicht mehr da, aber das macht nichts, es ist ein wunderbarer Platz! Wie oft habe ich hier schon gesessen, die Stille und Ruhe genossen, die nur manchmal von Wanderern oder Radfahrern unterbrochen wird, die auch eine kleine Rast hier einlegen. Ich freue mich, setze mich mit Schwung auf eine der Bänke, auf die, von der ich einen wunderbaren Ausblick auf die Wiesenlandschaft und den alten Niers-Arm habe. Am Zaun steht ein rotes, großes, und darunter ein kleines, blaues Quadrat aus Metall; kräftige Farben für diese Kunstwerke, die sich von der Natur deutlich abheben. Genüsslich strecke ich mich, lasse meinen Blick schweifen und bleibe an etwas Dunklem unter der anderen Bank hängen. „Schau mal, Hans-Peter, hier hat jemand seinen Rucksack vergessen!“ Der Angesprochene antwortet: „Oder ist es vielleicht der Schatz?“ Sofort stehe ich auf und ziehe das Fundstück unter der Bank hervor.

Vorsichtig öffne ich den Reißverschluss. Zwei weiße, runde Styropor Behälter werden sichtbar. Ein bisschen ratlos ziehe ich einen heraus und staune nicht schlecht: Ein Piccolo befindet sich darin! Und im anderen auch – perfekt gekühlt. Ganz unten im Rucksack entdecke ich einen kleinen Zettel:

„Für einen schönen Start in den Tag! Von deinem Walking-Partner…“

Was für eine tolle Idee! Ein dicker Kloß bildet sich in meinem Hals, und ein leises „Danke!“ kommt über meine Lippen. Hans-Peter weiß von dem schweren gesundheitlichen Schicksalsschlag in meiner Familie, der mir seit Monaten so schwer zu schaffen macht. Es ist seine Art, mir ab und zu ein kleines Stück unbeschwerte Welt zurückzugeben.

„Ich wusste, dass es dir gefallen würde“, schmunzelt er.

Wir lassen die Korken knallen und stoßen mit den kleinen Flaschen auf diesen herrlichen Morgen an. Ein unerwarteter Schatz, ein prickelndes Schlückchen – und als sich unsere Blicke über die Fläschchen hinweg treffen, wird mir plötzlich ganz warm. Und das liegt bestimmt nicht nur am Sekt.

Ich lehne mich zurück, schaue durch das rote Metallquadrat, hinter dem gerade die Morgensonne durch die Bäume bricht und muss lächeln. Heute rahmt dieses Landschaftsfenster nicht nur die Natur ein, die darin wie ein gemaltes Kunstwerk wirkt. Heute rahmt es einen Moment purer, unbeschwerter Lebensfreude.

„Hey, du sportlicher Nachbar“, sage ich beschwingt, als wir nach einer Weile den Heimweg antreten, „bei mir ist jetzt alles bestens geölt. Ab jetzt kann ich locker mit deinem Tempo mithalten!“

Eines steht für mich jedenfalls fest: Meine Walking-Runden werde ich ab heute mit deutlich aufmerksameren Augen gehen. Denn man muss gar nicht immer in die Ferne schweifen, um ein kleines, unerwartetes Prickeln im Alltag zu finden... zwinker.


Aus meinen "Alltagsdönekes" 08/2026
(C) She2021
Foto/eigenes

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