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Konflikte

Von Salzbaron gestern, 15:03


„Ich muss hier weg”, sagte ich. Die Stimmung im Hause Tyrol war schlecht. Das Konzept „Familienanschluss” war zunehmend zum Korsett geworden. Drei Jahre hatte ich mich gegen katholisch-moralische Bevormundung gewehrt. Irgendwann habe ich nicht mehr zugehört.

„Du musst lernen, Konflikte auszutragen. Davonlaufen löst kein Problem”, sagte Paula, meine Vertraute an der Hotel-Rezeption, als ich bei ihr Rat suchte. Ich wollte meinen Job als Hausmeister kündigen und nannte es – anders als Paula – Veränderung. Alles selbst in der Hand zu haben, den Zeitpunkt selber bestimmen, das ließ mich gelassen in die kommende Saison schauen. Ich freute mich auf Sommernachtsfeste mit Touristen und vor allem mit Mädels aus aller Welt. Danach würde ich mich drüben über der Grenze im Tegernseer Tal umsehen. Vorsorglich hatte ich eine Arbeitsgenehmigung beantragt.

Natürlich war ich nicht ganz unschuldig an der Stimmung. Manchmal trank ich zu viel. Wie die Woche zuvor, als es hoch herging, weil ich meinen Führerschein zurückbekam. Auto hatte ich allerdings keines mehr, den Mini hatte ich im Vorjahr zu Schrott gefahren. Zuweilen plagten mich Gewissensbisse, wenn ich zu viel trank, aber dann dachte ich, dass, solange meine Arbeit nicht darunter leidet, es nicht so schlimm sei. Trotzdem wollte ich mich für grobe Worte nach dem letzten Krach bei meiner Gastfamilie entschuldigen. Der Streit war der immergleiche, ich hatte mich dagegen verwehrt, dass man sich in mein privates Leben mischt. Ich hatte kein Problem damit, zuzugeben, dass die lockeren Liebschaften mit weiblichen Feriengästen moralisch nicht ganz in Ordnung waren.
„Du bringst unser Haus in Verruf”, war nur eine der Vorhaltungen. Oder: „Warum zeigst du Barbara die kalte Schulter? Sie ist so ein nettes Mädchen und himmelt dich seit langem an. Wir verstehen dich nicht.”

Barbara war die Tochter des Nachbarbauern. Sie schaukelte den Betrieb fast im Alleingang. Dafür bewunderte ich sie. Aber gleich heiraten und mich dem Altbauern ausliefern? Nein danke.
„Ich hab’ nichts gegen Barbara”, sagte ich, „ich mag sie recht gern. Aber eines steht fest: Weder will ich Bauer werden, noch will ich von ihrem Vater einen Baugrund geschenkt, der mich für alle Zeiten hier festnageln würde.”
„Sei nicht so stur, du weißt ja gar nicht, welche Chance du dir vertust.”

Ich überlegte, wie ich aus dieser Situation herauskäme, ohne jemand vor den Kopf zu stoßen. Im Grunde war mein Chef der beste Arbeitgeber, den ich je hatte. Mir fielen die Worte ein, mit denen er mich seinerzeit im Tiroler Land empfangen hatte. Er sprach davon, dass ein junger Mann wie ich, hier alle Möglichkeiten hätte, sich auszutoben und zwinkerte dabei mit den Augen. Daran erinnerte ich ihn jetzt: „Warst nicht du es, Chef, der zu mir sagte, ich soll mir erst einmal die Hörner abstoßen? Ich meine: Nichts anderes habe ich getan, oder?”

Das Chefgesicht verwandelte sich. Ein mildes Vatergesicht schaute in meine Augen und schüttelte lachend den Kopf.
Bann gebrochen, dachte ich.
„Hundsbua!”, sagte er.
Das nahm ich als Kompliment.

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