Liebe versus Vernunft
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Feierabend-Mitglied
heute, 11:02
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Mein Telefon klingelt.
„Ja, wer stört?”, sage ich, obwohl ich am Display sehe, wer anruft. Es ist mein Freund.
„Ich bin’s, Manfred.”
„Wo brennt’s”, frage ich. Manfreds Stimme klingt komisch.
„Mich hat’s erwischt, Ferdinand!“
„Grippe?”, frage ich, weil in dieser Zeit jeder sofort daran denkt.
„Nein, viel schlimmer“, sagt er, „ich hab’ mich verliebt!“ Er lacht gequält.
In diesem Moment glaube ich, er will mich veräppeln. Manfred ist Rentner, zugegeben, ein recht agiler, kein Mensch sieht ihm sein Alter an. Aber verliebt? Ich reiß’ mich zusammen und lache nicht: „In wen oder was hast du dich verliebt?“
Jetzt erzählt er mir eine abenteuerliche Geschichte, wie er zu seinem „Augenstern“, der Urheberin seiner Befindlichkeit, gekommen ist. Ich bin baff, so habe ich Manfred noch nie von einer Frau schwärmen hören. Manfred ist verheiratet. Ereignislos glücklich, wie er zu sagen pflegt.
„Das muss ja eine tolle Frau sein. Erzähl mal. Wie schaut sie aus, was macht sie so? Liebt sie dich auch, oder ist es eine Art Einbahn? Entschuldige die Frage, Manfred, geht’s um Sex?“
Jetzt braust er auf: „Untersteh’ dich, so von ihr zu reden!“
Ich frage vorsichtig: „Also platonische Liebe, wenn ich dich richtig verstehe?“
„Du verstehst gar nichts! Sie ist einfach zauberhaft. Und ja, sie ist jünger als ich, viel jünger, aber es ist nicht so wie du denkst. Sie ist eine eloquente Frau, steht auf eigenen Füßen, hat einen Top-Job und meistert großartig ihr Leben. Wir haben gemeinsame Schnittstellen, reden vom Leben und über die Bedeutung von Liebe. Verstehst du?“
„Nicht wirklich, aber erzähl weiter.“
„Wir sind vier Stunden in einem Café gesessen, dabei wollten wir uns nur auf einen Kaffee treffen. Wir haben erzählt, geblödelt, gelacht. Wir haben die Zeit vergessen. Ich hab’ mich in ihren blauen Augen verloren, jedes Zucken ihrer Lippen registriert. Mein Herz klopfte viel zu schnell und wilde Fantasien kreisten in meinem Kopf. Ich fühlte mich wie die Rose aus Jericho, die jahrelang ohne Wasser überlebt, aber wenn sie eines bekommt, sich in kurzer Zeit zu alter Größe entfaltet.“
Ich muss ihn stoppen, denke ich, der ist ja komplett aus dem Häuschen. Ein schweres Unterfangen, ihn inmitten seiner Euphorie zur Vernunft zu rufen.
„Sieht sie es genauso wie du?”, frage ich zaghaft.
„Ich hoffe es. Jedenfalls hat sie mir von einem Traum erzählt, indem ihr jemand fast unbemerkt sehr nah gekommen ist. Das hat was mit ihr gemacht, sagte sie, ihre „innere Wohnung“ sei verändert. Es gäbe deutliche Spuren.“
Jetzt tut er mir leid, der liebe Manfred. Ich vermute, dass er aus seinem Tête-à-Tête ein zu großes Luftschloss gebaut hat. Diesen Gedanken behalte ich bei mir, stattdessen sage ich: „Manfred, gib der Freundschaft eine Chance und lass die Liebe in deinem Herzen. Denk nach. Das kann niemals gut gehen.”
Ich schaue ihn besorgt an, weil ich einen Wutausbruch erwarte – und bin erleichtert – Manfred sagt nur „Danke. Aber du weißt schon, dass Vernunft und Liebe selten ein Paar werden!”