Märchen neu erzählt.
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Feierabend-Mitglied
Freitag 11.09.2026, 21:45
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„Es war einmal“, so fängt ein Märchen an.
So also auch meine Version eines ziemlich bekannten.
Es war einmal ein schöner König. Der hatte eine sehr schöne Frau. Dieser machte er ein Kind, das, wie sollte es anders sein, ebenfalls sehr schön geriet.
Leider verstarb die sehr schöne Frau bei der Geburt des sehr schönen Kindes, das ein Mädchen war und Schneewittchen genannt wurde.
Nach einiger Zeit grämte sich der König angesichts des leeren Sessels neben dem seinen und er machte eine Ausschreibung. Unter den Bewerbungen befand sich eine schöne Frau, die er zur Königin machte. Einzig und alleine wegen ihres Aussehens.
Charakterlich war es nicht weit her mit der Neuen.
Sie war eitel und unnahbar und eifersüchtig.
In ihrer Kemenate hatte sie einen Spiegel. Der war sowas, wie der Vorgänger eines Tabletcomputers und konnte sprechen.
Saß die Königin davor, um sich die Nase zu pudern, fragte sie ihn: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste hier im Land?“, so antwortete der Spiegel, wie sie es erwartete: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier.“
Einschub: Als ich die Frage „Siri, sag mir unverwandt, wer ist der schönste Mann im Land?“ fragte, kam ein unverständlicher Text, den man schlicht als Schulterzucken deuten könnte.
Derweil wuchs das Mädchen heran, wurde dank der mütterlichen und väterlichen Gene hübsch und hübscher.
Irgendwann konnte auch der Spiegel der Königin die Wahrheit nicht mehr verleugnen.
Er antwortete eines Tages: „Frau Königin, ihr seid die Schönste hier. Doch Schneewittchen ist tausendmal schöner, als ihr.“ Dabei betonte er das „hier“ besonders.
Die Königin verfärbte sich ins Gelbliche vor Neid.
Sie ließ nach dem Jäger rufen. Zu dem sprach sie: „Schnapp dir das Schneewittchen, geh mit ihr in den Wald und leg sie um. Geh soweit weg, dass man hier den Schuss nicht hören kann. Bring mir ihr Herz zum Zeichen des Vollzugs.“
Der Jäger war, wie alle männlichen und auch ein Großteil der weiblichen Untertanen des Königs in Schneewittchen verknallt. So führte er sie zwar in den Wald, zeigte ihr aber den Europawanderweg E 22 in die Berge und schoss einen Rehbock. Der überbrachte er der Schlossküche für ein Rehragout, entnahm das Herz, wickelte es in ein Tuch (die Folientüte war noch nicht erfunden) und ging zur Königin.
Diese reagierte angesichts der blutigen Angelegenheit mit einem lauten „Igittigitt“ und einem nicht minder lauten „Hinfort, hinfort“. Der Jäger tat es. Das letztere.
Schneewittchen war inzwischen den E 22 weitergewandert, was ihr angesichts der täglichen Tennisstunden nicht allzu schwer fiel. Zwischendurch naschte sie Beeren und trank Wasser aus dem Bächlein, das neben dem Weg vor sich hin plätscherte.
Irgendwann sah sie links des Weges etwas abseits ein kleines hübsches Häuschen. Da ging sie hin. Um hinein zu gelangen, musste sie den Kopf einziehen, weil die Türe so niedrig war. Drinnen konnte sie zwar aufrecht stehen, reichte aber bis fast an die Zimmerdecke. Im Raum stand ein gedeckter Tisch. Sie naschte hier, trank dort einen Schluck und legte sich anschließend im Nebenraum in das größte der vorhandenen sieben Betten. Dort schlief sie ein.
So bekam sie nicht mit, wie die Bewohner des Hauses von Arbeit zurück kamen.
Einer rief: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“
Ein zweiter: „Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?“
Der längste sprach ganz leise: „Und wer schläft in meinem Bettchen?“
Wenigstens deckte er eine Decke über das schlafende Mädchen. Sie aßen ihr Abendbrot und gingen zu Bett. Der Lange musste auf dem Sofa schlafen.
Am nächsten Morgen erzählte Schneewittchen ihnen ihre Geschichte. Sie beschlossen einstimmig, dass Schneewittchen bleiben konnte. Dann gingen sechse auf Arbeit. Der siebte blieb da, entrümpelte die eine Abstellkammer und zimmerte ein Bett für das Mädchen. Die hatte inzwischen abgeräumt und den Abwasch gemacht.
So lebten sie nunmehr zu Acht glücklich und zufrieden.
Die Königin indessen sah eines Tages in den Spiegel und fragte ihn: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste hier im Land?“ Und so antwortete der Spiegel wahrheitsgemäß: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier. Aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ist tausendmal schöner ais ihr.“
Die Königin schäumte vor Wut und ließ den Jäger rufen.
Der aber war durch Nebenerwerbstätigkeit, schlicht Wilderei, zu gewissem Reichtum gelangt und hatte sich unter neuem Namen auf die andre der Grenze abgesetzt.
Die Königin schmiedete Mordpläne.
Plan eins und zwei misslangen. Die Zwerge erlösten Schneewittchen von dem engen Gürtel und dem vergifteten Kamm.
Der Spiegel verkündete der Königin sogleich ihr Versagen.
Da imprägnierte sie die rote Hälfte eines Apfels der Sorte Cox Orange mit dem Mittel, das heutzutage benutzt wird, um das künstliche Koma herbeizuführen.
Dann verkleidete sie sich als Marktweib und ging den E 22 zu Schneewittchen. Gemeinsam aßen sie vom Apfel, die Königin allerdings von der grünen Hälfte.
Schneewittchen fiel um.
Die Zwerge fanden sie, nicht aber die Ursache ihres Ablebens. Sie legten sie in einen gläsernen Sarg, den sie sich beim Urahn vom Bestatter Töteberg anfertigen ließen.
So lag sie aufgebahrt, bis, wie erwartet, der Prinz angeritten kam. Sein Pferd scheute vor dem gläsernen Ungetüm.
Für einen nicht geringen Obulus überließen die Zwerge ihm schweren Herzens den Sarg samt Inhalt.
Beim Verladen passierte es. Ein heftiger Stoß ließ das Giftstück aus dem Hals rutschen und das Mädchen schlug die Augen auf.
Sie entbrannte sogleich durch den Glasdeckel hindurch in heftiger Liebe zum Prinzen. Nachdem sie dem Glassarg entstiegen war, herzten und küssten sie sich.
Als die Königin vom Spieglein an der Wand davon unterrichtet wurde, dass Schneewittchen abermals „tausendmal schöner“ war, erlitt sie einen Herzinfarkt, den sie nicht überlebte.
Der König saß wieder alleine neben einem leeren Sessel.
Schneewittchen heiratete ganz in Weiß den Prinzen.
Den Zwergen wurde das Häuschen grundsaniert. Schneewittchens Kämmerlein wurde Ferienzimmer.
So lebten alle Überlebenden glücklich und zufrieden.
Und wenn sie nicht gestorben sind…..