Mein G-Punkt
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Feierabend-Mitglied
Samstag 07.06.2025, 13:20 – geändert Samstag 07.06.2025, 13:24
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Mein G-Punkt
Ich habe zwei G-Punkte. Der erste ist mein Geh-Punkt, ein Wanderer – er tritt an wechselnden Stellen meiner Wirbelsäule auf. Der zweite ist mein ‚Glücks-Punkt’. Er ergibt sich aus dem ersten: Wenn der Schmerz beim Gehen verschwindet, stellt sich Glück ein. Was will man mehr?
Meine Physiologin ist phänomenal. Mit ihren Zauberhänden spürt sie den Punkt zuverlässig auf. Wirbelsäulenarthrose, sagt sie, kann man lindern. Die beste Therapie: Gehen. Am besten bergauf. Bergab mag er nicht, mein Geh-Punkt. Die steilen Stücke steige ich daher rückwärts hinunter – aber nur, wenn keiner zusieht. Es sieht einfach zu bescheuert aus.
Unter diesem Aspekt plane ich eine Wanderwoche in meiner alten Heimat. Motto: ‚Auf den Spuren meines Vaters’. Was mir zu seinen Lebzeiten nie gelungen ist, will ich jetzt nachholen – ihm näherkommen, mit ihm sprechen. Spirituell, versteht sich. Vielleicht spricht er ja mit mir.
Das Wetter ist mies. Kein Tag ohne Regen. Mehr als kleine Touren sind nicht drin.
„Was würdest du an meiner Stelle tun?“, frage ich den Himmel. Statt väterlicher Weisung kommt ein Platzregen. Er schweigt. „Auch gut“, sage ich trotzig. „Dann eben nicht. Bleibt mehr Zeit für mich.“
Vor dem Hotel straffe ich mich und marschiere los. Fünfzig Jahre ist es her. Die Gassen wirken enger, die Gehsteige glatter, keine Pfützen mehr. Ich denke an damals, als ich bei jedem Wetter draußen herumturnte, egal wie schwer die nasse Pelerine wurde. Ich balancierte über Bäche, kletterte auf Bäume, zog Mädchen an den Zöpfen und war abwechselnd Räuber und Gendarm. Kindheit und Jugend – ein Mosaik aus tausend bunten Steinchen.
Die Namen kommen zurück. Birgit, die auf kariertem Zettel mit lila Schrift schrieb: „Warum bist so schiach zu mir?“ und ihn mir heimlich in den Schulranzen geschoben hatte. Und Andrea, deren Lippen mir bis heute seltsam präsent sind.
Ich flaniere durch die Stadt, halte Ausschau nach Gleichaltrigen. Schwierig, Gesichter von einst in die Gesichter von heute zu übersetzen. Vor dem Café Kornmesser sitzt eine Frau und trinkt Schorle. Ich setze mich an den Nebentisch, beobachte sie aus den Augenwinkeln. Das muss die Greti sein, denke ich. Als sie den Kellner ruft, erkenne ich die Stimme.
Ich nehme all meinen Mut zusammen.
„Bist du die Greti aus der Schiffgasse?”
„Wer will das wissen?”
„Der Ferdinand aus dem Achter-Haus.“
„Ach du liebe Güte – der Ferdinand, dessen Fuß ich verzweifelt gesucht habe?“
„Genau der.“
„Du bist damals beim Klettern am Mur-Felsen abgestürzt, hast dir das Bein gebrochen und bekamst einen Gipsfuß. Ich Naivchen hatte mir, in meiner kindlichen Liebe zu dir, es in den Kopf gesetzt, dein vermeintlich verlorenes Bein am Mur-Ufer zu suchen. Man hat mich deswegen lange gehänselt.”
Ich lache, aber es rührt mich auch. Ich mag sie sofort wieder.
Ich sehe das Mädchen von damals, das sich mit kindlicher Inbrunst in eine Suche warf, die aussichtslos und doch voller Bedeutung war.
„Weißt du, Greti“, sage ich, „die Welt wäre schöner, wenn es mehr von deiner Sorte gäbe.“
Sie prostet mir zu.
Ein Moment lang sind wir einfach zwei alte Kinder, die sich zufällig wiedergefunden haben.
Und mein Geh-Punkt? Hält sich raus. Der weiß, wann er nicht stören soll.
© story & photo by ferdinand