Memorys
Von
Feierabend-Mitglied
01.09.2024, 11:54 – geändert 01.09.2024, 11:58
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01.09.2024, 11:54 – geändert 01.09.2024, 11:58
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Wir lagen nebeneinander im Gras, die Sonne blinzelte durch die Baumkronen der Saalach-Au.
„Es ist schön hier, Ferry. Bäume so wild wie im Urwald, die Saalach so träge und doch strebt sie dem Meer zu. Fast wie am Amazonas“, flüsterte sie.
„Was siehst du sonst noch, Melitta? Träumst du von Papageien? Springen Horden von Klammeraffen durchs Geäst? Schlängeln sich Anakondas durch die Bäume? Wie weit erstreckt sich der Dschungel? Kannst du das Meer sehen?“
„Ach Ferry, ich seh’ noch viel mehr. Wenn wir einmal aus dem Gröbsten raus sind, fahren wir drei zum Amazonas. Die Welt ist schön, die Welt ist bunt, die Welt ist kugelrund …“, summte sie leise vor sich hin.
Ich drehte mich zu ihr hin, zupfte ihr die fliegenden Samen des Löwenzahns aus dem Haar und fragte: „Willst du wirklich nach Amerika?“
„Ja, ich will mit dir die Rockys sehen, will nach Alaska und Hawaii. Überall will ich mit dir hin.“
Das war ihr Lieblingslied, das kannte ich, es hatte endlos viele Strophen. Melitta schmiegte sich an mich, ergriff meine Hand und spielte mit meinen Fingern. „Und du passt auf mich auf“, haucht sie mir ins Ohr. Dann küsste sie mich.
Jetzt sitze ich allein im hohen Gras der Saalach-Au und fahre mit den Händen durch mein Haar. Alle Gedanken sind bei Melitta, Feuerland, Eisberge … und im Himmel bei ihr. Ich bin sicher, sie schaut mir von irgendwo da oben zu. Es ist ein Tag wie damals, drückend schwül ohne jeden Windhauch. Ich starre in die Baumkronen. Über mir schwebt eine Libelle in der Luft wie ein azurblaues Streichholz. Ich rolle mich auf den Bauch, ziehe Papier und Bleistift aus der Tasche und beginne zu schreiben:
Liebe Melitta, ohne Dich ist die Welt nur ein Wort. Weißt Du noch, wie stolz wir waren? Auf Ferdi, unseren Sohn und dem Tag seines ersten Ausflugs im Kinderwagen, mit uns in unseren Urwald? Erinnerst Du Dich an das Durchstreifen und Entdecken dieses kleinen Paradieses, an das Erobern unserer Welt, an das Träumen vom Meer? Singst Du manchmal unser Lied „The End?: … jeder Fluss strebt dem Meer zu und endet dort sein Spiel, doch die Liebe, die du gibst, ist schöner als ein Traum, denn sie lebt bis ans Ende von Zeit und Raum.”
Ich spüre ein Kitzeln an der linken Hand. Ein Käfer erklimmt meinen Handrücken. Bist Du das? Gibst Du mir ein Zeichen? Ich habe keine Ahnung, wo dieser Käfer herkommt und ich weiß auch nicht, wohin er will …, aber ich weiß, wohin ich noch will. Ich will zu Dir in den Himmel. Bestimmt können wir von dort die Sterne besser sehen. Ach Melitta.
Ich falte den Brief zu einem Schiffchen, setze ihn vorsichtig ins Wasser und winke ihm nach. Vielleicht schippert er bis ins Meer und endet dort sein Spiel.
© photo by Salzbaron
© story by Salzbaron