Misteln und Maroni
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 03.12.2024, 13:14
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Heute erlaube ich mir, mich in Nostalgie zu wälzen. Ich werde am Abend in die Altstadt gehen, einen Maronibrater aufsuchen und mir ein großes Stanitzel Maroni vergönnen. Warum Nostalgie? – Weil ich vor vielen Jahren selbst einmal ein Maronibrater war! Nur aushilfsweise, aber dafür umso prägender. Es war damals, in meiner dunklen Zeit. Am besten ist, ich erzähle die Geschichte, sie heißt: „Misteln und Maroni“
Mein Nachbar Kurt war Maronibrater. Manchmal besuchte ich ihn bei seinem Stand am Alten Markt, wärmte mir an seinem Ofen die Hände und vertrieb mir die Zeit bei ihm. Wir kannten uns seit ein paar Monaten, er bewohnte die zweite Garconniere im Souterrain neben mir. Ich wohnte allein – er auch. Es war Adventszeit, zwei Wochen vor Weihnachten. Ich war arbeitslos, selbstverschuldet, weil ich wieder einmal über die Stränge geschlagen hatte. Der Alkohol hatte mich damals fest im Griff, aber das ist eine andere Geschichte. Es soll auch keine Ausrede sein.
Ich war chronisch pleite und überlegte krampfhaft, wie ich meine Situation verbessern könnte – da hörte ich im Radio zufällig eine Geschichte über die mystische Kraft von Misteln. Sie sollen Glück bringen und gegen viele Krankheiten gut sein. Man sprach von wiedererwachtem Brauchtum und dass die Leute, jetzt vor Weihnachten, ganz verrückt seien auf diese Mistelbüsche und dafür gutes Geld zahlen würden. Das hörte sich wie ein Konzept an, mein Loch in der Kasse zu stopfen. Das ist die Idee! Das ist meine Chance, sagte ich mir, zog meine dicksten Stiefel an und begab mich auf den Weg. Ich wohnte am Stadtrand von Salzburg; hinter meinem Haus lagen die abgeernteten Felder, weiter hinten begann der Wald, dort, so vermutete ich, könnte ich Misteln finden.
Der Himmel war schwer, selbst die kürzesten Wege schienen sich in einem dicken Nebel zu verlieren. Der frische Schnee machte mich blind. Der Weg wurde immer schwieriger und verschneiter. Von dem früheren, fröhlichen Knirschen unter den Stiefeln war nichts mehr zu hören, im Gegenteil, es wurde stiller und kälter, der Schnee staubte jetzt weg wie weißes Pulver. Die Krähen waren verstummt, die Wipfel der Bäume rühren sich kaum.
Am Rande eines verlassenen Hofes stehen vereinzelt alte Obstbäume. Als ich näher kam, stiegen zwei Krähen auf, sonst bewegt sich nichts. Die Streuobstwiese war mit einem morschen Holzzaun eingegrenzt, etwas außerhalb stand ein verfallenes Steinhaus. Jede Menge Gerümpel dümpelte rund um einen halb zugefrorenen Löschteich. Zunächst interessierte ich mich die herrenlos herumliegenden Geräte – könnte ja sein, dass man daraus Geld machen könnte. Ich schaute hinter das alte Haus, das wahrscheinlich einmal eine Mühle war und sah einen knorrigen, vom Wind zerzausten Apfelbaum, der über und über mit Misteln überwuchert war. Welch' Freude. Der Baum hatte seine eigenen Blätter schon lange abgeworfen, hie und da hingen einzelne Äpfel im Geäst, ansonsten leuchteten zwischen den immergrünen Mistelblättern nur weiße Perlen, die Früchte der Misteln.
Geschafft, dachte ich, holte mein Taschenmesser aus dem Rucksack und begann mit der Ernte. Mit klammen Fingern ergriff ich eine Zaunlatte und schlug so auch die letzten Äpfel von meinem Glücksbaum. Mein Rucksack war prall gefüllt mit den Glücksbringern und einer Wegzehrung zusätzlich in Form von tiefroten Äpfeln. Auf geht’s auf den Markt, sagte ich mir und stapfte durch den Schnee Richtung Stadt.
Bevor ich zum Grünmarkt ging, um meine Misteln zu verkaufen, besuchte ich Kurt an seinem Stammplatz hinterm Maroniofen. Der Grund war simpel – bei ihm war es warm und außerdem erhoffte ich mir, einen Teil seiner Speckjause zu ergattern. Kurt stammte aus dem steirischen Almenland. Wenn er aus einem Heimaturlaub zurückkehrte, schleppte er immer Unmengen von Schwarzgeselchtem mit. Er wusste um meine finanzielle Misere und teilte gerne mit mir.
Es war nicht viel los am Stand. Kurt stand wie immer mit seinem urigen Schladminger-Lodenrock hinter dem Ofen, die Ohrenschützer lugten unter dem Steirerhut hervor. Er werkelte an seinem Ofen herum, schürte die nicht und nicht richtig brennen wollende Holzkohle und fluchte leise vor sich hin.
„Was ist los?“, fragte ich. „Gibt's ein Problem?“
„Kann man wohl sagen. Die verdammte Kohle ist feucht geworden und raucht mehr als sie brennt.“ Er erklärte mir lang und breit, warum das so war. Ich zeigte mich interessiert und eh ich mich versah, bekam ich einen Schnellkurs im Maronibraten verpasst. Er schien beruhigt, die Kohle hatte er vergessen, aber ganz der Alte war er noch nicht.
„Eigentlich ist das ein schöner Job“, sagte ich, „immer schön warm.“ Kurt antwortete nicht, er grantelte weiter, sprach von Problemen mit seiner Schwester, die den Christbaumverkauf am Friedhof betrieb und dass sie überraschend krank geworden wäre und er sie vertreten solle.
„Kann ich dir helfen?“, fragte ich rein rhetorisch.
Es schien, als hätte er genau auf diese Frage gewartet.
„In der Tat, du könntest mir helfen“, sagte er, gar nicht mehr grantig.
„Und wie?“, fragte ich.
„Ich brauche einen Maronibrater!“
„Echt? Du glaubst, ich kann das?“
„Habe ich dir nicht vorher gezeigt, wie das geht?“
„Ja schon, aber …“
„Nix aber! Willst du oder willst du nicht?“
„Natürlich will ich. Für wie lange?“
„Vorerst bis Weihnachten oder besser noch bis Silvester, auf jeden Fall solange, bis meine Schwester wieder gesund ist.“
Ich war plötzlich hellwach geworden und vergaß meine Misteln. Das war die Lösung. Wenigstens für das alte Jahr. Weihnachten war gerettet. Ich fragte zögernd meinen liebsten Nachbarn. „Wie viel?” Und rieb Daumen und Zeigefinger.
„Zweihundert Schilling am Tag und Naturalien von meinem Bauernhof im Steirischen. Ich bringe dir ein halbes Schwein zu Weihnachten. Bist du einverstanden?“
„Na ja, eine halbe Sau fällt ja dauernd um, hast du keine ganze?“
Kurt brauchte einen Moment, dann hatte er verstanden und wir brüllten los.
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