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Mister Dschinn

Von Salzbaron heute, 15:58

„Schreib endlich das Buch, so wie du es versprochen hast“, sagt Mister Dschinn, „das kann doch nicht so schwer sein. Reiß dich am Riemen.“
Ihn habe ich fast vergessen – Mr. Dschinn – er ist meine innere Stimme, mein Einflüsterer.
„Na ja, ganz so einfach ist das nicht“, erwidere ich. „Schreiben ist Arbeit, mein Freund. Schwerarbeit.“

Mister Dschinn ist mein ehemaliger Verführer. Er, der mich lange Zeit dämonisiert hat, mag das Wort Dämon nicht mehr hören. Es ist ihm peinlich, weil ich ihn seinerzeit umgepolt habe. Dämon war er früher, als er auf meiner Schulter saß, mich zum Trinken animierte und billigend in Kauf nahm, dass ich fast gestorben wäre.

Ja, es gibt ihn noch immer, aber er hat sich gewandelt, ist zum guten Geist geworden. Seitdem ist er mein „Mister Dschinn“. Er hat einsehen müssen, dass sich sein langjähriges Medium radikal geändert hat. Seine teuflischen Appelle, mich mit Alkohol in andere Sphären zu schießen, wirken nicht mehr.

Neuerdings hat er sich auf meine Gedankenwelt spezialisiert. Ich gebe zu: Manchmal sind seine Vorschläge wirklich gut. Seit seinem Wandel ist er zum inneren Kritiker geworden. Er will mich zum Perfektionisten machen. Er achtet penibel darauf, dass ich meine Pläne auch ausführe. Wenn er merkt, dass ich partout nicht auf ihn hören will, zieht er sich aber zurück. So wie jetzt auf meinem besinnlichen Heimweg durch die Allee. Diskret verkrümelt er sich in einen meiner Gehirnlappen, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Vielleicht ist es ihm aber auch nur zu kalt auf meiner Schulter.

Tagsüber war es feuchtkalt, jetzt ist Nebel eingefallen. Leiser Wind streichelt das Laub der Platanen, hier und da segelt ein Blatt herab wie ein kleines Schiffchen in Gelb, Braun oder Rot. Die Kronen der Bäume beginnen sich zu lichten, aber noch tragen sie ihren spätsommerlichen Schmuck und geizen nicht mit dem vorletzten Farbenspiel der Natur in diesem Jahr. Das Rascheln der Grashalme unter meinen Füßen und mein dampfender Atem scheinen mir zu zeigen, dass es zunehmend herbstlicher wird.

Ich denke an meinen Roman, an die verlassene Villa, an die neue Zeit, die dort Einzug gehalten hat. Und an die Arbeiten im Haus, die Franz Fink, mein Protagonist, gerade beginnt. Vor einem Jahr bekam er den Zuschlag bei der Versteigerung der denkmalgeschützten Jugendstilvilla. Franz Fink war der einzige Bieter, denn niemand sonst wollte die Auflagen der Denkmalschützer erfüllen. Seit Kurzem lebt er in der intakt gebliebenen Bibliothek, das ist sein Refugium: Raumtäfelung aus Nussbaumholz, hohe Flügeltüren und uralte Bücherregale, in denen Holzwürmer ihre Festivals abhalten. Wenn alles still ist, kann er sie hören.

Für ihn steht fest: Das ist der Ort, wo er leben will – und schreiben. Franz Fink zieht aus der Schreibtischlade das Namensschild mit der Gravur Fink & Sohn heraus. Ein Vermächtnis seines Vaters, der es nach dem Konkurs der Firma von der schweren Eichentür der Villa abmontierte. Als Talisman für seinen Sohn.

Hier schließt sich der Gedankenkreis.
Meine Seele wird lebendig und ich beginne zu schreiben.

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