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Morgengrauen, eine Männergeschichte

Von Feierabend-Mitglied Samstag 14.02.2026, 08:20 – geändert Samstag 14.02.2026, 12:14

Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass ich verkehrt herum im Bett lag. Aus diesem Blickwinkel hatte ich noch nie aus meiner Ein-Zimmer-Souterrainwohnung durch das Fenster nach draußen geschaut. Es graute der Morgen.

Ein früher Sonnenstrahl streifte meine zerwühlte Richard-Cleyderman-Frisur. Wenige Zentimeter vor meiner Nase lag eine Flasche am Boden, daneben breitete sich ein dunkler Fleck am Teppich aus. Ich rührte mich nicht, starrte auf dieses Bild und bemühte mich, es zu begreifen. Es war der ekelhaft süße Geruch von Bacardi-Rum, der mir Wahrheit und Wirklichkeit suggerierte.

War ich gestern Abend im Blue Velvet gewesen? Ja, und ich hatte tüchtig gebechert, daran erinnerte ich mich. Irgendwas war mit Jack, dem Zuhälter, der einmal mein Freund war. Und dann war da noch diese Frau und dann … kurz blitzte in meinem Kopf die Erinnerung an eine Taxifahrt … verdammt, was für ein Tag war heute überhaupt? Ich rollte mich auf den Rücken und setzte mich mühsam auf. Ich hob den rechten Arm und drückte vorsichtig daran herum. Fast hätte ich aufgejault. Oh Gott, jetzt hatte ich den Schlamassel, es war so weit, ich hatte mich endgültig um den Verstand gesoffen. Hatte ich Jack die Freundin ausgespannt? Mich mit ihm geprügelt und dabei verletzt? Und am nächsten Tag hatte ich keinen blassen Schimmer mehr davon. Was war ich nur für ein erbärmlicher Idiot …

Franziska hatte die Frau geheißen, genau, jetzt fiel's mir wieder ein, sie wollte Franzi genannt werden, wie mein zweiter Vorname. Das gefiel mir – und nicht nur das. Wir waren gemeinsam aus dem Blue Velvet raus und ich fragte sie, ob sie mit mir käme, und tatsächlich saßen wir dann gemeinsam in einem Taxi … hatten wir uns nicht sogar geküsst? Aber … war das überhaupt gestern gewesen? Himmel, ich bekam's einfach nicht auf die Reihe. Kein Wunder, ich hatte teuflische Kopfschmerzen ... zu mir war Franzi offenbar nicht mitgekommen und das konnte ich ihr schwerlich verübeln, ich muss wohl ziemlich dicht gewesen sein. Die Frau konnte ich wohl vergessen. Pfeif drauf.

Ich schälte mich aus dem Bett, schlurfte zur Kochnische, hielt zunächst meinen Kopf unter fließend kaltes Wasser und setzte danach Kaffee auf. Am rechten Handrücken klaffte eine verkrustete Risswunde. Mein lieber Jolly, das sah böse aus. Ich fasste es nicht, wie konnte ich mich nur mit dem brutalen Jack auf eine Schlägerei einlassen. War ich schon vollkommen verblödet?

Behutsam bewegte ich die Finger, sie funktionierten tadellos, nur der Ringfinger wollte sich nicht recht krümmen lassen. Wenn ich ihn zu beugen versuchte, schoss ein Schmerz bis in den Ellbogen. Was war ich nur für ein Schwachkopf. Und das alles wegen Franziska, die gerne Franzi genannt wurde – und – soweit ich mich erinnern konnte, eine sehr reizvolle Frau ist. Nichtsdestotrotz war ich aus unerklärten Gründen doch wieder allein. Bei Recht besehen, schien ich noch Glück gehabt zu haben. Die Art von Glück, wie sie nur Kindern, Narren und Besoffenen zuteil wird.

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