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Münchner Freiheit

Von Feierabend-Mitglied Samstag 22.02.2025, 17:42


In München herrschte Goldgräberstimmung, jedenfalls in der Baubranche. Auch ich profitierte davon seit einem Jahr – als Fliesenleger – beim Bau des U-Bahnhofs Münchner Freiheit in Schwabing. Die Zeit war knapp, nur noch zehn Monate bis zu den Olympischen Sommerspielen. Schon nächste Woche sollte die erste U-Bahnlinie in Betrieb gehen. Politiker und Architekten kamen seit Tagen auf die Baustelle, spendierten Fleischkäse und Bier, um positive Stimmung zu verbreiten – und standen uns im Weg. Als ob nicht ohnehin bis zum Umfallen im Akkord gearbeitet würde. Ihre Einladung zur großen Eröffnungsfeier ließ mich kalt. Meine Gedanken waren bei unserer eigenen, privaten Feier. Weil wir früher als geplant mit dem Auftrag fertig geworden waren, versprach der Bauleiter Sonderurlaub und lud spontan zur internen Abschlussfeier in die Kantine, die in einem ehemaligen Gasthaus eingerichtet war. Das Haus stand leer, die Stockwerke wurden vor Beginn der Bauarbeiten für die U-Bahn als Studentenwohnheim genutzt. Jetzt wohnten hier Maler, Fliesenleger und andere Handwerker.

Ich war gerade in der Gemeinschaftsdusche, als die Tür aufgerissen wurde und ein Kollege durch die Dampfschwaden brüllte: „Ferdinand, Telefon!”
Es konnte nur Melitta sein, sonst rief mich hier niemand an. Zu dumm, dachte ich, jetzt habe ich es verpasst. Ich wollte ihr mit meinem Anruf zuvorkommen und sie schonend darauf vorbereiten, dass ich später als ausgemacht nach Hause kommen würde. Bis vor kurzem wusste ich selbst nichts von unserer Baustellenfeier. Ich wollte unbedingt dabei sein, nicht nur weil es ein zünftiger Abend zu werden versprach – es ging auch um die Beschäftigung am nächsten Einsatzort, dem Olympischen Dorf. Da war jede Menge Geld zu verdienen, das hatten wir fix eingeplant. Wir – das waren Melitta, Ferdinand, unser Bub, der in diesen Tagen gerade das Laufen lernte, und ich. Wir wollten wieder eine richtige Familie werden.

„Guten Abend, Schatz”, sagte ich und zog meine nassen Haare aus dem Kragen des Bademantels. Mich fröstelte. Rund um meine Badelatschen bildete sich eine Wasserpfütze auf dem Boden unter dem Wandtelefon am Gang.
„Geht’s dir gut?”, fragte Melitta.
„Ja, bestens! Mit dem Lohn im Sack, ist alles ein wenig leichter zu ertragen. Es war eine harte Woche. Das Gute: Die neue Waschmaschine ist abholbereit, ich habe telefoniert.” Ich kam mir ein wenig dumm vor, wegen dieser nüchternen Aussage. Viel lieber hätte ich ihr laszive Sätze ins Ohr gehaucht, aber ich stand hier am Gang, wo jeder mithören konnte. Ich versuchte ihr die Verspätung zu erklären.
„Es gibt ein kleines Problem, es kann später werden. Vielleicht erwische ich den Nachtzug nach Salzburg, ansonsten bin ich morgen früh bei dir. Ich freue mich.”
„Oh nein”, sagte sie, „gerade jetzt.” Ihre Stimme war kaum zu verstehen, als würde sie flüstern.
„Melitta, was hast du?”
„Ferry, ich hab Angst.”
„Angst? Wovor, vor wem?”
„Ich weiß nicht.”
„Hast du getrunken?”
„Nein.”
Das kam zögernd. Ich hakte nach: „Gar nichts?”
„Nein … Äh, ein bisschen.”
„Bitte, Melitta, reiß dich zusammen. Du wirst sehen, alles wird gut – nein, falsch – alles ist gut!”

Das war es nicht immer gewesen. Melitta bekam Probleme mit dem Alleinsein. Ihr fiel die Decke auf den Kopf, wie sie es nannte. Das ging vor ein paar Monaten so weit, dass sie den kleinen Ferdinand vernachlässigte. Es war einfach zu viel für sie und sie brach aus. Von einem Tag auf den anderen war sie verschwunden. Auf Intervention des Jugendamtes kam Ferdinand zwischenzeitlich in ein Säuglingsheim, am Wochenende war er dann wieder bei mir. Nach unserer Versöhnung organisierten wir für Ferdinand eine Pflegemutter: Romana. Sie hatte selbst zwei Kinder und würde Ferdinand auch in für immer in Pflege nehmen, wenn es gar nicht mehr anders geht, sagte sie. Damit war das Jugendamt einverstanden. Melitta konnte wieder arbeiten gehen. Sie begann in einer Apotheke im Labor. Diese Lösung funktionierte ganz gut. Ich reduzierte mein Trinken und so führten wir ein normales Leben. Wir wuchsen zusammen.

„Ich weiß nicht, ob alles gut ist.”
„Hör zu, Melitta, wir machen es genau so, wie wir es vor vierzehn Tagen am Jugendamt besprochen haben. Wir holen Ferdinand morgen früh bei Romana ab, sie ist ab sofort nur mehr Tagesmutter. Ferdinand braucht keinen Pflegeplatz mehr, sein Platz ist jetzt wieder in unserer Mitte.”
„Ja, aber …”
„Nix, ja aber. Herrgottnochmal, freu dich doch auch einmal”, fuhr ich sie an – und lenkte ein: „Bitte entschuldige, es war nicht böse gemeint. Ich mache dir einen Vorschlag: Gehe heute zu Romana und Ferdinand und bleibe bei ihnen über Nacht, sie freuen sich, wenn du kommst, das weißt du. Ich hole euch morgen Vormittag ab, zuvor aber organisiere ich einen Helfer, der mir hilft, die Waschmaschine zu tragen und zu montieren. Einverstanden?”
Jetzt lachte sie plötzlich. Es klang tiefer, unkontrollierter als sonst. Also doch Alkohol, dachte ich und sagte erleichtert: „Dann bis morgen. Baba!”
„Baba, Ferry!”
Sie hatte aufgelegt.
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Fortsetzung folgt.

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