Nabelschnur am Lebensende
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Feierabend-Mitglied
Montag 30.06.2025, 23:28
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Die letzten 8 Monate bis zu ihrem Tod lebte ich mit den Kindern bei meiner Mutter. Sie war sehr krank, konnte kaum noch Aufstehen, in den 6 letzten Wochen hat sie das Bett nicht mehr verlassen. Nach meiner Trennung von meinem Mann begann ich ganz von vorn, hatte nichts und sparte auf eine eigene Wohnung. In diesen Monaten ging ich an die Grenzen meiner Kräfte.
Morgens versorgte ich Mutter, brachte die Große in die Schule und ging mit der Kleinen zu meiner Kindergruppe. Mittags nach Hause, kochen, Hausarbeit , ein paar Worte mit den Kindern und Mutter, am Nachmittag zwei 2 Putzstellen bei alten Leuten, da konnte ich meine Mädchen mitnehmen, meine alten Damen freuten sich, sie spielten mit den Kindern. Gegen 18 Uhr war ich daheim, Abendbrot richten, Zeit für Mutter und Kinder, Vorlesen, ins Bett bringen und wieder los. Ich verkaufte am Zoologischen Garten Würstchen, und jobbte um 23 Uhr als Platzanweiserin im Kino in der Spätvorstellung.
Erschöpft kam ich weit nach Mitternacht nach Hause und saß noch eine Stunde am Bett meiner Mutter, manchmal im Gespräch, oft nur ganz stumm, während ich ihre Hände hielt. Diese Zeit war für mich die Kostbarste des ganzen Tages. Morgens um 5:30 Uhr begann für mich der neue Tag.
Meine Erschöpfung wurde chronisch, ich spürte mich nicht mehr und hatte ständig ein schlechtes Gewissen. Meine Oma lebte im selben Haushalt, aber sie war ein “Besen”. Meine Mutter ließ sich von ihr nicht versorgen, sie hatten ständig Streit, mir warf sie täglich vor, dass eine Frau ihren Mann nicht verlassen darf, das sei eine schwere Sünde und dass ich mich zu wenig um meine Kinder kümmerte.
Die letzten Wochen vor ihrem Tod hatte meine Mutter eine berührende Idee. Sie sah, wie fertig ich war, ich kam morgens kaum noch aus dem Bett, mein Schlaf war inzwischen fast komatös geworden, ich hörte keinen Wecker mehr und Mutter quälte sich aus dem Bett, um mich zu wecken. Als sie nicht mehr aufstehen konnte hatte sie einen Gedanken.. Sie bat mich, ein langes Band zu besorgen, das machte sie, nachts, wenn ich insBett ging, an ihrem Handgelenk fest und ich befestigte es an meiner Hand, die Schnur zog sich durch den Flur bis zu meinem Zimmer. Morgens wenn es Zeit war, aufzustehen ruckelte sie mit ihrer Hand und ich spürte es sofort, egal wie tief ich schlief. Jedesmal brach ich in Tränen aus und ich ging als Erstes zu ihr, es ging ihr selbst so elend. So hatte uns am Ende ihres Lebens noch einmal eine Nabelschnur verbunden.
An einem Morgen wurde ich um 5 Uhr mit einem Schreck wach, es hatte nicht geruckelt. Ich ging zu ihr, sie war bewusstlos. Zwar hatte ich ihr versprochen, sie nicht mehr in ein Krankenhaus zu bringen, ich war in einem furchtbaren Konflikt. Dann rief ich aber doch die Feuerwehr, Oma blieb bei den Kindern und ich fuhr mit. 7 Stunden später starb meine Mutti mit 55 Jahren in meinem Arm. Sie ist still erloschen, wie eine Kerze.