Nach der Demo ins Piccola
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Feierabend-Mitglied
09.02.2025, 07:05
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Ich war jetzt Ferry, nicht mehr Ferdinand. Was so eine Demo alles bewirken kann. Die Würstel waren super und Melitta sowieso. Das bisschen Taschengeld von den Kommunisten änderte freilich nichts Wesentliches, aber für einen Besuch in meinem Stammcafé bei Ria im Piccola reichte es. Bei Kaffee und Apfelstrudel kamen wir uns zwar nicht so nahe wie unter dem Regenschirm, aber dafür hatten wir mehr Augenkontakt. Wir erzählten uns Dinge, die wir bei einem ersten Treffen nie erzählt haben. Weil sich das nicht gehört. Jetzt fühlte es sich richtig an. Je tiefer wir in die jüngere Vergangenheit eintauchten, umso nachdenklicher wurde meine neue Freundin. Ja, ich verstieg mich in meiner Einbildung so weit, dass ich in ihr eine Seelenverwandte sah. Das sagte ich natürlich nicht. Wiewohl ich das Gefühl hatte, dass sie ähnlich empfand.
Melitta erzählte mir, dass sie quasi als U-Boot bei einer Arbeitskollegin wohnte und aushilfsweise in einer Reinigungsfirma arbeitete. Glücklich war sie darüber nicht, aber „Besser als nichts”, sagte sie kleinlaut. „Sie werde im Juli vierzig”, sagte sie, „wer will schon eine alte Frau.”
„Na ja, ich zum Beispiel.”
„Ach Ferry, du machst mich verlegen.”
„Steht dir gut, wenn du verlegen bist. Fühlt sich nach echtem Leben an, oder?“
„Ja, so wie du das sagst, mit einem Augenzwinkern … könntest du recht haben. Mir gefällt dein stiller Humor. Du hältst nicht viel von Wehklagen, stimmt’s?” Jetzt lachten wir beide. Und weil’s grad so schön war, sagte ich ihr, dass ich während der Demo schon die Vermutung hegte, dass wir viel gemeinsam haben könnten.
Ria, die Wirtin, spielte in der Musikbox ein Lied für uns: Only One Woman und setzte sich zu uns. Die zwei Frauen verstanden sich prächtig. Ria hatte bemerkt, was da gerade ins Laufen kam.
Ich bemühte mich, den richtigen Ton zu finden. Da saß mir eine attraktive Frau gegenüber, die, und das konnte man durchaus übersehen, um siebzehn Jahre älter war als ich. Man soll mich steinigen, wenn ich davon auch nur irgendetwas abhängig gemacht hätte. War ich verliebt? Ja, aber anders als sonst. Nicht so von Testosteron getragen, was nicht heißt, dass da keine Erotik im Spiel war. Ich war sehr darauf bedacht, Melitta nicht zu erstürmen. Bei dem Gedanken musste ich schmunzeln, denn eigentlich war sie es, die mich an Land gezogen hat. Und jetzt, wo ich wusste, dass sie ähnliche Probleme wälzte wie ich, mutierte ich plötzlich zum Fährmann, der sie ans rettende Ufer bringen wollte, obwohl die Löcher in meinem Boot nur notdürftig geflickt waren. Verkehrte Welt.
Wir haderten beide mit unseren Unterkünften. Melitta, weil sie in ihrer Bleibe nur vorrübergehend geduldet war, und ich, weil die ehemalige Hausmeisterwohnung im Souterrain der Ceconi-Villa dementsprechend abgewohnt war. Zwar hatte ich die gröbsten Mängel ausgebessert, die versifften Möbel entsorgt und mit teilweise edlen Stücken aus der Beletage ergänzt, aber einladen konnte ich in dieses Provisorium im Moment niemand. Schon gar nicht eine Frau, denn das Badzimmer war unbenutzbar. Noch, denn ich arbeitete auf Hochdruck daran, die Misere zu beenden. Eine Waschmaschine war kurzfristig nicht zu organisieren, aber ich war mit dem Elektriker im Gespräch. Die Zeit drängte, denn Melitta wollte mich demnächst besuchen. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel und vor allem so schnell gearbeitet. Ich hatte mit Walter Christ, dem Bauherrn gesprochen und wie nebenbei gefragt, ob er was dagegen hätte, wenn meine Freundin bei mir einziehen würde. Ich hatte ihn richtig eingeschätzt – er war einverstanden. Mehr noch: Herr Christ (Nomen est omen?) sagte: „Umso besser, wir können jede Hand gebrauchen.”