Nachruf für ein Rufzeichen (1)
Von
tastifix
Samstag 04.10.2025, 12:10 – geändert 05.10.2025, 22:00
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tastifix
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Jenes Rufzeichen war soeben brutal per technischem Radiergummi ´Back Space` aus dem von ihm in dessen Aussage so toll verstärkten Satz entfernt worden. Sollte dies der Dank für seine äußerst zuverlässige Jahrhunderte andauernde Hilfe, den Aussagen der Menschen eine kolossale Bedeutung zu verleihen, sein? Hatte es das etwa verdient?
Alles hat einen Namen. Ihm war tatsächlich ´Augustchen` angehängt worden. Der dafür Verantwortliche war nicht mehr auffindbar. Sprach aber Bände, was dessen Intelligenzniveau betraf. Denn er hätte bedenken müssen, welche bedeutende Position jenes Kind der Schreibkunst, dieses Rufzeichen, zukünftig einnehmen würde. Doch zu seiner Entschuldigung sei gesagt, dass er ja wahrscheinlich noch keine Erfahrung im Umgang mit Schriftzeichen hatte. Dummerweise konnte sich Augustchen ja nicht gegen diese scheinbare Herabwürdigung wehren.
Zum Glück war ihm aber sofort noch der Stempel ´selbstsicher`aufgedrückt worden. Mit der Kraft seines dadurch unterstützten Selbstbewusstseins und zudem echt klug, gelang es ihm, sich wegen ´Augustchen` in Selbsttherapie Trost zuzusprechen.
„Na ja“, sagte sich also Augustchen und murmelte quasi zum Angewöhnen wiederholt seinen ja doch mit einen zweifelhaften Ruf behafteten Namen vor sich hin. Offensichtlich ein wenig verunsichert, ob es nicht mit der nachfolgenden, beachtenswerten Überlegung sichh vielleicht irren könnte könnte:
„Warum eigentlich sollte es mir schwer fallen, mich damit zu arrangieren? Denn es gibt ja nicht nur den dummen August im Zirkus. Nein, aus vielen Texten, an deren dann auffallend akzentuierter Formulierung ich maßgeblich beteiligt bin, kenne ich ´August` in einer Bedeutung, die alles in einem viel helleren Licht erscheinen lässt!"
Denn jenerAugust traf immer in der strahlenden Sommerzeit ein und hieß mit Nachnamen ´Monat`. Brachte die Ferienzeit und sorgte damit für gute Laune der Menschen. Die packten die Koffer und fuhren in Urlaub. Wahrlich begeistert mussten sie sich dort allerdings oftmals mit Mücken-, Bienen- odar gar Wespenstichen herumplagen oder litten häufiger unter Sonnenbarand, der im Extremfall das vorzeitige Ende des Urlaubs erforderte.
„So“, folgerte Augustchen, „ist ´August` trotz jener fiesen Randerscheinungen etwas Angenehmes und sehr Beliebtes. So angesehen wie auch ich fast!“
Je nachdem, welcheAussage es jeweils in deren Prestige beträchtlich anhob. Ja, allmählich hatte Augustchen gelernt, seinen Namen zu lieben.
Doch nun eliminierte es ein Schriftsteller kalten Herzens per Mausklick ins Weiß der flimmernden Dokumentenseite, in der sich das schlanke Augustchen in wenigen Sekundenbruchteilen verflüchtigte. Undank ist eben der Welt Lohn. Nun war Augustchen tot. Doch selbst jetzt wurde sein selbstloser Einsatz für die Menschheit nicht im Geringsten gewürdigt, obwohl sie sich nur mit seiner unablässigen Hilfe schriftlich Meinungen und Empfindungen nachdrücklich mitteilen konnten. Die Enttäuschung ließ Augustchens Seele zwischen den weißen Flimmerfasern der besagten Dokumentenseite nicht in Frieden ruhen. Obwohl es ja doch nur eine Zeichenseele war. Sie litt zu sehr unter der Gleichgültigkeit der Menschen. Zutiefst verletzt, kämpfte sie sich als ein schattenähnliches Geistwesen zwischen den Schriftzeichen der bereffenden ehemaligen Sätze hindurch. Deprimiert beobachtete Augustchen das desorientierte Treiben der ihres ja so gewichtigen Zeichens beraubten Einzelteile seiner Buchstabengruppe. Völlig verwirrt tanzten diese Anteile des ehedem so geordneten Wortgefüges über den Bildschirm und riefen verzweifelt nach ihm:
„Wo bist Du? Du musst wiederkommen. Wir brauchen Dich als einen Satzabschluss. Ohne Dich sind wir nicht vollständig!“, jammerten sie.
Ein heilloses Chaos rumpelte und polterte über den Schirm.Vokale suchten in Panik entsetzt nach ihren nachfolgenden Konsonanten, die wiederum nach den ihnen folgenden Vokalen fahndeten.Wörter schrieen in schwarz-weißer Aufregung nach vermissten Silben. Verständlich, denn ohne diese waren sie ein Nichts.Und nichts zu sein, gefiel ihnen gar nicht. Nichts zu sein bedeutete, keine Bedeutung zu haben. Für Buchstaben, Silben und Sätze endete das im weißen Tod. ...