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Nebelkinder

Von tastifix Mittwoch 06.11.2024, 20:49 – geändert 24.11.2024, 11:23

Schwade, die Nebelfrau, unternahm mit ihren Kindern Dampfi und Grauchen den ersten Ausflug. Die Drei ließen sich von Wehe, dem Windmann, sanft über die Landschaft schieben. Er war Schwades enger Freund und ging darum mit den Kleinen sehr rücksichtvoll um. So hütete er sich, etwa aus Übermut aufzubrausen, sondern streifte als ein nur laues Lüftchen über die Erde. Die Beiden sollten ja keine Angst vor ihm bekommen, sondern sich an der ersten Kurzreise freuen.

Neugierig lukten Dampfi und Grauchen hinunter zu der ihnen noch völlig unbekannten Welt der Menschen. Vor Aufregung verloren sie ab und zu ein paar Tropfen. Die Wiese dort unten genoss diese unerwartete Erfrischung sehr. Aber Mutter Schwade ermahnte die Kleinen streng:
„Passt ein wenig besser auf. Ihr wollt doch mal anständige Nebel werden. Das Durchnässen der Erde überlasst Tante und Onkel Regen.“
Erschrocken gehorchten die Nebelkinder. Auf jeden Fall wollten sie alles richtig machen.
„Und“, warnte Wehe, „haltet Euch weit fern von der Sonne!“
„Sonne??“, fragten die Beiden verwirrt.
„Sie ist der rote Feuerball, der an manchen Tagen der Erde mit seinen rot-goldenen Strahlen schlimme Hitze beschert. Kommt Ihr der Sonne zu nahe, vergeht Ihr!“

Entsetzt beschlossen die Beiden, sich vor der grausamen Hexe Sonne ganz doll in Acht zu nehmen.
Mutter Schwade tröstete sie schnell:
„Ihr verschwindet dann ja nicht für immer. Sobald auf der Erde die Kälte anbricht, werdet Ihr aufs Neue die Welt der Menschen besuchen.“
Dampfi und Grauchen vergaßen diese Ermahnungen nicht wieder und schwebten stets als sanfte Mini-Nebelfelder gehorsam neben ihrer Mutter her. Wehe war begeistert:
„Schwade, Du darfst wirklich stolz sein. Die Beiden werden bestimmt einmal echte Super-Nebel!“
Mutter Schwade hauchte geschmeichelt:
„Danke, Wehe! - Und Du unterstützt sie so nett dabei. Einen besseren Freund als Dich kann ich mir nicht wünschen!“
Diesmal musste sich der Windmann sehr brenmsen, um nicht vor Freude darüber kräftig loszublasen. Dampfi und Grauchen hatten von all dem dem überhaupt nichts mitbekommen. Sie  wussten gar nicht, wo sie zuerst hin gucken sollten und waren eifrig damit beschäftigt, sich alles einzuprägen.

Der Nebel lag inzwischen als ein milchig-weißer Schleier auf den Häusern und der umliegenden Landschaft und tauchte alles in ein eigenartig unwirkliches Licht.
Dampfi grübelte:
„Mama, mögen uns die Menschen eigentlich?“
Mutter Schwade überlegte einen kurzen Moment, denn mit dieser ernsten Frage hatte sie nicht gerechnet.
„Kleines!“, antwortete sie dann. „Einige ja, viele wiederum nicht.“
„Aber wieso denn nicht?“
Schwade seufzte.
„Oft wandern wir ihnen als dichte, undurchdringliche Nebelwand entgegen, verschlucken ihre Städte wie auch die Felder, Wiesen und Wälder. Alles ist kaum mehr zu erkennen. Menschen, die noch draußen sind, fürchten sich vor uns, weil sie sich nicht mehr zurecht finden. In ihrer Fantasie werden wir zu Feinden, grässlichen Monstern, die die ihnen Böses wollen.“

Als Dampfi und Grauchen dies hörten, wurden sie traurig. Doch plötzlich,guckte Grauchen wieder ein wenig munterer. Ihm war nämlich etwas eingefallen, das ihn tröstete.
„Mama, Du hast vorhin gesagt, dass es aber auch welche gibt, die uns mögen!“
Schwade entgegnete:
„Meine Beiden: Ihr seid ja auch zarte Nebelgebilde. Hüllt Ihr auf Eure Weise Stadt und Land ein, schenkt Ihr den Menschen für Minuten, Stunden oder auch Tage eine Märchenwelt. Sie vergessen den mühsamen Alltag, erträumen sich sanfte Fabelwesen und in ihren Köpfen entstehen Geschichten, in denen sie von uns schwärmen.“

„Geschichten, Mama??“
Dampfi und Grauchen rückten noch näher zu ihrer Mutter, schwebten still auf ein- und derselben Stelle und lauschten gebannt.
„Ja, Märchen, die sie ihren Kindern erzählen. Manchmal schreiben sie sie diese sogar auf und die älteren Menschenkinder lesen sie mit großem Vergnügen.“
„Und dann haben sie uns lieb!!“, ergänzte Grauchen froh und strahlte zuerst seine Mutter, dann auch Dampfi an.
Schweigend lächelte Mutter Schwade zurück.

Eine kurze Weile hingen die Drei still jeder für sich ihren Gedanken nach. Danach aber sahen sich Dampfi und Grauchen ernst an. Sie wussten, dass sie das Gleiche dachten und sagten es auch:
„Mama, wir wollen niemals solch` böse Nebel werden!!“
Gerührt umhüllte Mutter Schwad die Beiden.

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