Niemand
Von
tastifix
Mittwoch 11.12.2024, 13:18 – geändert Dienstag 17.12.2024, 06:06
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tastifix
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Unglücklich saß es inmitten einer schönen Wiese. Rundum zwitscherten die Vögel, surrten die Insekten und blühte es in allen Farben. Aber keiner kümmerte sich um jenes Häuflein Elend, dessen Eltern umgekommen waren und das weder seinen Namen kannte noch wusste, wer es eigentlich war. Es war eben Niemand.
Der Nachmittag verstrich, allmählich wurde es kälter. Bald würde die Nacht anbrechen und Niemand würde jämmerlich frieren. Denn, wo sein Zuhause war, in dem es bestimmt gemütlich warm gewesen wääre, wusste es ja auch nicht. Bald knurrte ihm der Magen und es wanderte in den angrenzenden Wald, pflückte sich Beeren gegen den Hunger und trank etwas Regenwasser, das von den Blättern der Bäume perlte. Das musste genügen.
´Wäre ich doch nicht so einsam, sondern hätte einen Kameraden, dem ich alles sagen dürfte, was mmich so traurig macht!´, seufzte es. Doch da gab es keinen.
Mittlerweile litt es so sehr darunter, dass es sich deswegen fast krank fühlte. Nein, es wollte dagegen an gehen, denn lange würde es dies nicht mehr aushalten. Darum verließ er den Wald wieder, marschierte weiter und weiter durch fremde Täler und ausgedehnte Wälder und hoffte sehnlich, irgendwann und irgendwo Freunde zu finden. Nachts suchte es sich als Schutz vor der Kälte eine Höhle oder wühlte sich in einen Laubberg. Tagsüber hielt es es nichts lnger an einem Ort, denn es war auf der Suche nach seinem Ich.
Als es so mehrere Tage unterwegs gewesen war, kam es durch ein Dorf. Es grüßte die Leute freundlich und sie - grüßten genauso höflich zurück. Ein Mann fragte:
„Wer bist Du und woher kommst Du?“
„Ich bin Niemand und komme von weither“, antwortete es.
„Niemand? Ein wunderlicher Name!“
Verstndnislos sah ihn der Mann an.
„Nun, dann wünsche`ich Dir noch eine gute Reise, Niemand!“, meinte er und schaute ihm noch grübelnd nach, als es seines Weges ging.
Wieder verging fast ein halber Tag. Die Sonne stand hoch am Himmel und es wurde heiß. Niemand war müde vom anstrengenden Wandern, durstig war es auch und lief auf der Suche nach einer Mahlzeit durch eine kleine Stadt.
„Wie heißt Du?“, fragten es neugierige Passanten.
„Niemand!“, entgegnete es.
„Wiiee … ?“, staunten sie. „´Niemand` ist doch kein Name. Wer bist Du?“
Niemand blieb ihnen die Antwort schuldig. Was hätte er denn auch sagen sollen? Sie hätten es nicht verstanden und ihn vielleicht gar verspottet.
Seufzend marschierte er von dannen.
„Wenn ich doch jemanden treffen würde, der mir sagen könnte, wer ich bin und woher ich komme. Als ein Niemand werde ich bald zugrunde gehen!“
Fast hatte er schon aufgegeben, als er am Waldrand auf einem Baum eine Eule sitzen sah.
„Hallo!“, rief sie ihm fröhlich zu. „Wart` doch mal. Wer bist denn Du?“
Neugierig flatterte der vogel herab und landete neben ihm. Beklommen und nur ganz leise erwiederte er:
„Ich bin Niemand, kenne meine Eltern nicht, weiß nicht, was ich bin und woher ich stamme.“
„Du weißt nicht, wer Du bist??“
Irgendwie konnte sie sich das nicht erklären.
´Jeder, den ich kenne, weiß, wo er zuhause ist und wer seine Eltern sind.´
„Hm!“, machte sie. „Hm hm!“
Und sie dachte:
´Dem muss geholfen werden! Aber wie?´
Niemand hatte plötzlich schrecklichen Durst:
„Du, Eule, ich muss unbedingt etwas trinken! Gibt es hier in der Nähe vielleicht einen Bach oder so?“
Eulen sind kluge Vögel und schon kam sie auf die richtige Idee.
„Gleich da vorn ist ein kleiner See. Komm, ich begleite DIch dorthin.“
Erleichtert lief Niemmand neben ihr her an den See. Es wehte kein Lüftchen und die Wasseroberfläche war so glatt und durchsichtig wie ein Spiegel. Hastig schlürfte Niemand von dem köstlichen Nass, bis ae der Durst gelöscht war. Die Eule neben ihm lächelte.
„Guck` doch nochmal richtig hin. Was siehst Du da?“
Verwirrt sah es die Eule an. Dann aber warf es einen prüfenden Blick ins Wasser. Und sah sich.
„Na?“. fragte der Vogel gespannt.
„Ich sehe mich, einen Niemand!“, entgegnete er traurig.
„Irrtum! ´Niemand` würde sich nicht im Wasser spiegeln. Also, was siehst Du?“, hakte sie nochmals nach.
Niemand grübelte, aber dann begann er zu verstehen. Fast wagte er es nicht zu glauben:
„Ich sehe ein braunes Gesicht !!“, jubelte er und hüpfte vor Freude herum. „Eule, ich bin kein Niemand. Ich bin Wer!!“
Fröhlich genoss Niemand,der nun ein Jemmand war, jetzt den Anblick des Sees, der zum See der Erkenntnis geworden war, ließ den Blick über die Wiesen und Felder streifen und freute sich am Gesang der Vögel oben am Himmel.
„Danke, Eule!“, sagte er innig. ´Sie ist ja so klug. Ob sie mmir vielleicht auch sagen kann, wer eigentlich ich bin und wo mein Zuhause ist?`, überlegte Jemand.
Als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, verriet ihm die Eule:
„Du bist ein Frischling aus dem Wald jenseits des Sees. Dort lebt Deine Familie. Du hast Tanten, Onkel und viele Geschwister. Komm, ich bring` Dich zu ihnen.“
Auf dem Wege dorthin trafen sie eine Gruppe von Spaziergängern.
„Hallo, wer bist Du denn?“
Stolz erklärte Jemand:
„Ich heiße Wildschwein und meine Familie wohnt dort hinten im Wald!“
Glücklich strahlte er die Eule an. Nie mehr wäre er gezwungen, allein zu bleiben. Er war Jemand, kannte seinen Namen und wusste auch, wo sein Zuhause war.
Von da an wurde das kleine Wildschwein von Allen geachtet.