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Nofretete

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 25.02.2025, 17:31


Die Wohnung in der Linzergasse hatte ich vor kurzem verloren. Allein zu leben war nicht gerade das, was ich am besten konnte. In der Zeit nach Melittas Tod häuften sich die Momente, in denen ich morgens nicht mehr wusste, was gestern war. So wie in dieser föhnigen Nacht.

Mein Mund war trocken und der Schädel brummte. Meine salzige Zunge leckte über spröde Lippen. Mir ging es elend, ich pfiff aus dem letzten Loch. Beim Versuch, den Kopf zu heben, spürte ich, dass ich anders gebettet war sonst. Mein Rücken schmerzte zum Erbarmen. Ich lag auf einer Bank im Kurgarten hinter dem Schloss Mirabell und blickte in den Himmel. Resignierend fand ich mich damit ab, dass ich wohl den Weg in meine Unterkunft nicht mehr geschafft hatte. Kismet, dachte ich, und lenkte das Augenmerk auf die taubenetzten Bäume und Sträucher, die, genau wie ich, in der morgendlichen Sonne den neuen Tag begrüßten.

Ich lebte in einer der schönsten Städte der Welt und konnte sie nicht wirklich genießen. In letzter Zeit waren die Freuden in meinem Leben nicht gerade dick gesät. Die Momente des Glücks warteten nicht mehr an jeder Ecke auf einen wie mich. So viel hatte ich längst kapiert. Man verliert immer mehr, als man gewinnt. Ich tastete Hose und Hemd ab, ob noch alles da ist, was der Mensch so braucht: Schlüssel, Brieftasche, Zigaretten und Feuerzeug. Alles okay, ich brauchte dringend einen Drink.

Ich saß im Café Tosca, nippte an einem Glas Kräuterbitter und blätterte gelangweilt in einem Magazin. Mein Blick blieb an einem Zitat von J. M. Simmel hängen: 'Es gibt im Leben nur eine Sünde, und die ist: den Mut zu verlieren.'
Der hat leicht reden, dachte ich, dem fliegen die Herzen seiner Leser zu. Und mir? Mir blinzelte das Mädel hinter der Bar zu. Also bestellte ich den nächsten Drink, weil’s eh schon egal war. Ich spürte, dass mein Leben aus dem Ruder lief. Seit Melittas Freitod vor einem Jahr war ich auf bestem Wege, mich vollkommen gehen zu lassen.
Das war der Moment, in dem ich sie sah. Die Tür des Lokals stand einladend offen. Sie hatte auf den Bus gewartet, mich erkannt. Und jetzt kam sie auf mich zu – Gelli, die Verrückte. So hatte ich sie, die Freundin Melittas, insgeheim genannt. Verrückt deswegen, weil sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit von irgendwelchen ägyptischen Pharaonen schwärmte.

Unsere letzte Begegnung war bei Melittas Begräbnis gewesen. Gelli hatte ihre Hilfe angeboten, doch ich war nicht darauf eingegangen. Offen gestanden hatte ich Angst vor Gellis koketten Avancen. Und jetzt stand sie vor mir.
„Hast du eine für mich, Ferry?”
„Hä?”
„Eine Zigarette.”
„Ach so. Natürlich.”
Warum hast du mich nie angerufen?”, fragte Gelli.
Bevor mir noch eine glaubhafte Antwort einfiel, fuhr sie fort: „Hast auch schon mal bessere Tage gesehen; wer bügelt eigentlich deine Hemden?” Sie nahm ein paar tiefe Züge und musterte mich von oben bis unten.
„Bist du gekommen, um an mir herumzumäkeln?”
„Nein. Sei nicht so empfindlich. Ich möchte helfen, möchte aus dir wieder den Mann machen, der du immer warst.”
Ich wollte aufbegehren, doch gegen Gellis eigenartigen Charme war ich machtlos. Sie gab mir ein Küsschen auf die Wange und lud mich für morgen zu sich ein. „Ich muss jetzt … Ciao, Ferry.”
Ich dachte an das Zitat von Simmel vom Mutig-sein. Und warum nennt sie mich Ferry? Das war Melittas Kosename für mich, nicht ihrer.
Mich muss der Teufel geritten haben, als ich am nächsten Tag vor ihrer Tür stand, und alle moralischen Bedenken und Vorurteile über Bord geworfen hatte. Ich drückte die Klingel und sprach mir innerlich Mut zu: „Ich bin auch nur ein Mensch.”

Die Tür ging auf. Gelli stand vor mir – total verändert. Sie hatte die Haare hochgesteckt und trug eine rot-goldene Galabia mit Pharaonenmuster. Das Kleid war seitlich geschlitzt, darunter sah ich nichts außer atemberaubender High Heels. Ich traute meinen Augen kaum, wo hatte ich bloß die ganze Zeit hingeschaut? Kannte ich die Signale einer Frau nicht mehr? Gellis Faible für Altägyptisches war mir bekannt, aber dass sie leibhaftig als Nofretete vor mir erschien um meine Libido anzuheizen, war schon phänomenal. Ich sah mich nie als Frauenheld, aber so etwas wie verwegene Beherztheit, ja, die hatte ich.
Sie bot mir eine Art ägyptischen Kaffee an, tiefschwarz mit Bodensatz und sehr süß. Wir sprachen von Dingen, die nicht in die Situation passten. Ich war noch nie ein Smalltalker, also überließ ich Gelli die Initiative.
„Sonst noch Wünsche”, fragte sie.
„Ja, ein Glas Cognac könnte ich vertragen.”
„Komm mit Ferry, ich zeig dir meine kleine Bar.”
Gellis rote Lippen signalisierten pure Erotik, als sie mich nach hinten führte und durch eine ganz normale Tür in einen erregenden Raum führte. Ich war baff vor Bewunderung, wir befanden uns in einem orientalischen Separeé. Der Duft von Sandelholz verdrehte mein Gehirn. Meine Skepsis über Gellis ägyptisches Gehabe war wie weggeblasen – oh mein Gott, wie schön kann Verrückt-sein sein.
Nofretete fragt mich leise: „Gefällt es dir, gefalle ich dir?”
„Was für eine Frage! Ich ahne, wie sich Echnaton damals gefühlt hat!”

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