Pappkartons und eine tote, untote Oma (1)
Von
tastifix
Montag 28.10.2024, 09:13 – geändert Mittwoch 30.10.2024, 19:03
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tastifix
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Vor unserem Haus hielt ein riesiger Lkw. Den Nachbarn fielen vor Neugierde fast die Augen aus dem Kopf: Ein Karton, ein zweiter usw. ...Danach brachte der Papa noch den TV, K.`s Zwillingsschwester T. folgte mit einem Lautsprecher und K. selber mit einem Wäschekorb voller sting-CD. Die mussten unbedingt mit ins neue Heim. Nach einer halben Stunde starteten wir endlich.
„Und das alles mussen wir gleich wieder ausladen!“
Nach zwanzig Minuten erreichten wir hatten wir K.`s neue Heimat. Ach, wie wahrlich praktisch: Omas 70qm-Wohnung. die K. nun beziehnen würde, lag im 98. Stock und einen Fahrstuhl gab es nicht.
„Deshalb also war Oma bis zum Schluss dermaßen fit!“
Wir schleppten also Geräte plus Wäschekorb die Teppen hoch nach oben. Doch bezüglich des Inhaltes der Kartons wussten wir uns zu helfen. Der Papa klemmte sich einen großen Bastkrob mit einer ungefähr 200m-Wäscheleine darin unter den einen Arm, unter den anderen den zweiten Lautsprecher und imitierte mit zunehmender Begeisterung Reinhold Messner. Nur wäre der, oben angelangt, nicht dermaßen groggy gewesen. Tapfer stiefelte K. auf den 10cm-Absatz-Stiefeltten hinter ihm her.
Oben wunderten sie sich dann sehr, dass die Wohnung noch vollständig eingerichtet war. Allerdings waren die Möbel mit Leinentüchern abgedeckt. Sie sollten ja nicht verstauben.
„Papa! Auf dem Tisch stehen ja noch Kaffeetassen! Komisch ...“
K. fröstelte es plötzlich. Doch wartete ja viel Arbeit auf sie und die lenkte ab. Derweil öffnete der Papa das Fenster, knotete das eine Ende der Leine um dessen Griff und das andere um den Korb. Der reiste dann außen an der Hausfassade entlang langsam nach unten. Dort hatten T. und ich bereits sämtliche Kartons wieder ausgepackt, verstauten nun Teil für Teil in den Korb, der die luftige Reise zurück nach oben antrat. Er war jedesmal so voll, dass er schwer wie ein Sack wurde und wir angespannt beobachteten, ob er vielleicht gar auf halber Höhe streiken würde. Der Korb ergab sich zum Glück in sein Schlepp- und Hievschicksal, immerhin so lange, bis auch das letzte Fotoalbum oben war. Dann jedoch ratschte es deutlich und der Griff war ab, woraufhin der Papa den kaputten Korb durchs Fenster entsorgte, so dass der wenige Sekunden später mit einem dröhnenden Knall um Haaresbreite neben meinen Füßen landete.
"Der hat ausgedient!”, meinte T. so richtig.
Missmutig erklommen auch sie und ich nun dieTreppe und schlurften pustend in die Wohnung. Nach kurzer Verschnaufpause bauten wir Omas Bett ab und K.`s dafür auf.
„Ich will nämlich Probe schlafen!“
Eine Stunde später beim Abschied war es uns allen ziemlich elend zumute.
„K., wenn was ist, ruf an!“
„Hm!“, nickte sie.
Zuhause äußerte ich alle paar Minuten Bedenken wegen K.`s vielleicht möglichen Unwohlbefindens.
„Mamaa!! Stell` Dich nicht so an!“
„Ja, aber, falls doch ... “
„Quatsch!“
Das kam von T. sehr überzeugend und ich schalt mich eine sentimentale Kuh, riss mich am Riemen und redete den Rest des Tages ausschließlich in sehr gewählten Worten ausgesprochen vernünftig, was T. hoch zufrieden folgendermaßen quittierte:
„Endlich biste wieder normal!“
Abends lag ich grübelnd im Bett:
„Sie hat recht!! Ist ja alles in bester Ordnung!“
Und schlief endlich beruhigt ein. Aber:
´Irren ist menschlich.`
Wie sehr jener Spruch in dieser Nacht izutreffen sollte, ahnte ich zum Glück nicht.
K. war erleichtert:
„Immerhin haben sie nicht geheult!“
Sie marschierte von einem Zimmer ins nächste, bewunderte stolz ihr halb eingerichtetes Schlafzimmer und landete schließlich im Wohnzimmer:
„Morgen müssen aber Omas Möbel raus!“
Ihr Blick streifte den kleinen Couchtisch mit dem darauf stehenden Porzellan:
„Komisch!“
Aber es abzuräumen war sie zu bequem. Sie gähnte herzhaft, kroch ins Bett und war sofort eingeschlafen.
Stunde um Stunde verging, K. träumte selig: Im Wohnzimmer stehend, schnippte sie in Mary-Poppins-Manier mit den Fingern, Omas Möbel verschwanden durchs Fenster nach draßen, flogen hinweg, waren bald nicht mehr zu sehen und K. deswegen sehr zufrieden. Sie schniptte nochmals und prompt stellten sich ihre eigenen Möbel genau dorthin, wo sie sie sehen wollte.
„Sieht klasse aus!“
Euphorisch schnippte sie ein drittes Mal. Lut rumpelnd versammelten sich sämtliche Pappkatons vor ihr, standen dort wie Soldaten und harrten offensichtlich auf weitere Befehle.
„Was, wie, wohin?“
„1-5 ins Schlafzimmer, auspacken und der Inhalt in den Kleiderschrank und auf die Regale. Aber ordentlich!“. forderte K., die daheim sehr gerne unordentlich gewesen war.
„6 - 12 fix ins Wohnzimmer: Cds aufs Regal, Schmuckkasten in die Kommode und Porzellan in sowie Besteck in die Vitrine!“
Zackig drehten die Kartons ab. K. hörte es klappern und klimpern, dann war es still. Beunruhigt eilte sie hinzu, kontrollierte, was vor sich ging und war des Lobes voll:
„Gut gemacht!“
Und forderte:
„Achtung: Flach zusammenklappen!“
„Jawohl, Frau General!“
Eine Minute später lagen die Kartons platt aufeinander gestapelt neben der Eingangstür. K. staunte, vor allem deshalb, weil sie sich so gar nicht über all jenes ver-rückte Geschehen wunderte:
„Komisch!“
Auch die Pappkartons blieben dort, wo sie gerade lagen.
„Die bring ich morgen weg!“
K. wankte ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Was sich in dieser Nacht noch alles zutragen sollte, ahnten weder sie noch ich daheim.
...