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Pappkartons und eine tote, untote Oma (3)

Von tastifix Dienstag 29.10.2024, 18:29 – geändert Mittwoch 30.10.2024, 19:22

„Na, da staunst Du, ja? Echt cool, nüch?“
„Abaa Oma, wie redest Du denn!?“
„Man muss mit der Zeit gehen, Kind!“
Selbstbewusst setzte sie ihrem Werk die I-Tupfen-Krone auf, K. bemerkte erst nur einen schwachen Lichtschein, der kräfiger wurde, bis sich in ihm Ringe zeigten, die sofort lautlos den ihnen vorbestimmten Platz ansteuerten, dabei ständig intensiver leuchteten und dann blitzend über den Tassen und Tellern schaukelten.
„Heiligenscheine!! - Den für sich selber hat Oma aber vergessen!“
Inzwischen brachte K. so schnell nichts mehr aus der Fassung. Schon gar keine über Tassen wackelnde Heiligenscheine.

Oma beschäftigten andere Sorgen, denn sie erwartete vierfachen Besuch.
„Schnell, die Pizzatorte!“
„P..Pizzatorte?“, stotterte K. ungläubig und war kurz davor, endgültig vom Glauben abzufallen.
„Klar doch. In fünf Minuten haben wir Gäste!“
„Wo willste denn so fix ´ne Torte her nehmen?“, gab K. zu bedenken.
„Null Problemo! Backen, was denn sonst!“
Unbeeindruckt griff Oma in die Luft, hielt eine Tüte Mehl in der Hand, stellte sie auf den Tisch und fasste nochmals ins Leere. Diesmal folgten eine Packung Tomaten wie auch mehrere Gewürzdosen, danach noch Eier, Käse und zuletzt wie die Vögel im Schwarm hintereinander her fliegende Salamischeiben. K.`s Gelassenheit war dahin.
„U..Und n..nun?“, stotterte sie schwach.
„Ganz einfach!“, meinte Oma, kippte alles zusammen, vergaß auch mitnichten die Gewürzdosen, was ihre Enkelin in extreme Zweifel stürzte, was den eigenen, denn nun erneut ziemlich angegriffenen Geisteszustand betraf.
„Irre!“, murmelte K.. „Entweder ´es` oder gar ich!“
„Oma ...“, mahnte sie ihre emsig Teig rührende Ahnin. „Die Gewürzdosen ... Auf denen sind die Deckel noch drauf!“
Doch Oma störte dies überhaupt nicht und mengte weiter:
„Hach, Ihr jungen Dinger von heute habt wirklich keine Ahnung! Gewürzdosen und gar ohne Deckel, tz, tz. Jeder gute Bäcker weiß, dass vor allem die mit Deckel dem Teig den peppigen Pfiff geben!“
K. schwieg dazu lieber.

Derweil erleichterte sich Oma die Arbeit ganz erheblich und erledigte sie per kurzem Kopfnicken. Die Torte wuchs zu einem makellos runden und fast 30cm hohen Gebilde.
„Oma, die passt aber nicht in ... Ich mein`, der Backofen ist doch viel zu klein dafür!“
„Papperlapapp!“
Es gab wohl nichts, was es nicht gab. Oma klatschte nämlich in die Hände, die Torte begab sich in ruhigem Flug auf die Reise gen der sich bereits hilfsbereit öffnenden Backofentür, schlüpfte problemlos hinein und stellte sich auf das für sie passende Blech.
„So, und nun fix!“, forderte Oma.
Die Torte gehorchte auf ihre ganz eigene Art. Aus großen Tomatenaugen unter den grünen Gewürzbrauen blinzelte sie Oma ergeben an.
„Brav!“, lobte die.
Eine knappe Minute später meldete sich der Backofen:
„Torte fertig!!“
Eilig befreite Oma sie aus deren sprechender Sonnenbank und ließ sie behutsam auf eine über und über mit Engelsköpfen verzierte Glasplatte gleiten, die sich dann mittig auf die Tafel platzierte.
„Na, meine Freundinnen werden staunen!“
K. war begeistert:
„Mensch, Oma! Die sieht ja echt toll aus!“
Oma freute sich zwar, jedoch:
„Das ´Mensch` möchte ich nicht gehört haben. Jenes Stadium habe ich längst hinter mir!“
„Tschuldigung!“, stotterte K., vermochte sich aber irritiert noch nicht mal zu schämen. Oma hatte den Fauxpas bereits wieder vergessen und betrachtete stolz ihr Werk:
„So, alles fertig. Wo bleiben die Anderen denn bloß? - Na ja, Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Aber die sind ja nur Geister!“

Kaum hatte sie es ausgesprochen, standen vier Gestalten an der Tür, ebenfalls leichenblass, gleichfalls in blendend weißes Leinen gekleidet und jede mit einem blitzenden Heiligenschein versehen. Der einzige Unterschied außer jenem zu Omas kalkigen Ton- in-Ton-Outfit waren deren verschieden farbige Schärpen um die kaum erahnbaren Taillen. Gleich Oma zählten die Vier zur uralten und eher rundlichen Geistergeneration. Ihr Anblick versöhnte Oma wieder. Es folgte eine begeisterte Kicher-glucks- und Säusel-Begrüßung, K. jedoch fiel das Gezirpe gewaltig auf die Nerven.
„Amalie, Esmaralda, Tusnelda, Minna - wie schön, dass Ihr da seid!“
Oma verteilte Küsschen hier und Küsschen dort.
„Prächtig seht Ihr aus. Toter geht’s nimmer!“
Die vier Freundinnen nickten geschmeichelt.
„Und Du erst, Otilie!“
Otilie hieß K.`s Oma.
„Und dies hier ist meine Enkelin!“, stellte Oma vor.
„Oh, wie reizend! Man sieht gleich die Ähnlichkeit!“
´Die brauchen `ne Brille! - Außerdem, Wenn ich so weiß wäre wie die, dann ...`, dachte K. pikiert, wovon sie sich aber gut erzogen nichts anmerken ließ.

„Wir haben Dir etwas mitgebracht!“, verriet Amalie und zog ein Päckchen aus ihrer Tasche.
„Du hast bestimmt schon danach gesucht!“, setzten die anderen Drei hinzu.
„Her damit!“, forderte Oma vor Neugierde total undamenhaft und jubelte:
„Gibt’s ja gar nicht!“
In der Hand hielt sie ihren schon so lange schmerzlich vermissten Heiligenschein.
„Ja“, erklärte Esmaralda, „Der war so´n bisschen angedunkelt. Deswegen haben wir den zur Überholung gebracht und danach zum Heiligenschein-Tüv.“
„Den hat er übrigens mit Bravour überstanden!“, ergänzte Tusnelda.
„Oma ...?“, mischte sich K. ein. „Wieso angedunkelt??“
Sichtlich verlegen, druckste Oma Otilie ein wenig herum:
„Ja, also, wegen hervorragenden Benehmens hattren wir die Sondererlaubnis bekommen, immer mal wieder des Nachts für 1 Stunde zur Erde fliegen zu dürfen. Allerdings mit der strengen Auflage, unbedingt pünktlich wieder oben zu sein. Tja, und ich hab vor einiger Zeit mal die Geister-Ausgangssperre missachtet, deshalb!“
„Ach,nee!“, entfuhr es K..
Um von der Peinlichkeit jenes Geständnisses abzulenken und von ihrem Oma-Vorbild-Image zu retten, was vielleicht noch zu retten war, griff sich jene das nun weithin strahlende Etwas und beförderte es an seinen angestammten Platz. Die Geisterehre war wieder hergestellt. ...

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