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REMINISZENZEN

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 02.04.2025, 11:58


Heute hatte ich beim Schreiben die entsetzliche Vorstellung, dass die Leser meinen Intentionen nicht folgen könnten. Stehe ich doch selber machtlos den Erlebnissen vergangener Zeiten gegenüber. Dunkel vor aller Welt, lange dunkel vor mir selber, sind sie plötzlich da! Kennen das die Leser auch von sich selbst? Haben sie ähnliche Flashbacks? Wenn ja: Willkommen im Club.
Noch eine Bemerkung: Ich verstehe meine Storys als geschriebene Briefe an Unbekannt. Briefe, von denen nur der Absender bekannt ist, nicht der Empfänger. Je wunderbarer ich mir meine Leser denke, umso besser die Briefe. Mit anderen Worten: ich bemühe mich, so gut wie möglich zu schreiben.
Zurück zum Anfang. Ich schreibe Geschichten, die ich selbst erlebt habe und bemühe mich, authentische Bilder zu erzeugen. Heute geht es um Glück und Dilemma. Die Episode liegt lange zurück. Ich stand damals ziemlich neben den Schuhen, wie man sagt, wenn’s grad mal nicht so gut läuft. An jedem Tag begann das Leben neu. Für diesen besagten Tag hatte ich die Devise ausgegeben: Es braucht wenig, um glücklich zu sein. Man muss nur daran glauben.
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In aufrechter Haltung, den Kopf gesenkt und möglichst unauffällig ging ich einst durch die Straßen Salzburgs, Zögernd, oft einen Schritt zurück steppend, immer wieder mit der Schuhspitze ein kleines Ding schiebend oder drehend, einen Kronkorken, einen Fetzen Papier. Unsicher, bald nach links, bald nach rechts, ging ich in mancherlei Richtungen, ohne erkennbares Ziel. Ich suchte etwas. Ja, etwas zu finden habe ich in meine Gedanken gesetzt, es brannte in mir, zehrte an mir: Jederzeit verloren viele Menschen etwas, fanden viele etwas – warum sollte gerade ich nichts finden? Verlangte ich zu viel? Erwartete ich etwa Gegenstände großen Werts, eine pralle Geldtasche? Nein. Und doch: einen kleinen Seitenblick, einen verborgenen, warf ich in Abfallkörbe. Mit meinen Geistern hatte ich mich geeinigt, dass mich vielleicht eine kleine Münze anlacht. Soviel nur forderte ich vom Schicksal; ich wollte nicht maßlos sein. Gerade so viel wie nötig. Ich fühlte mich nicht als der Ärmste, das harte Dasein nahm ich hin, weil ich wusste, dass es selbst verschuldet war; aber arm war ich doch.
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Ein Papier, zunächst nur grau-schwarz-grün, einem Zeitungsausschnitt ähnlich, blitzte durch das Gitter des Abfallkorbes. Ich hielt den Atem an, traute der Szenerie noch immer nicht. Ein verstohlener Rundumblick gestattete mir ein Aufatmen – ich griff hinein ins Glück. One Dollar! United States of America. Die Banknote war echt. Der Wechselkurs: knapp zwanzig Schilling. Ich war mir sicher, das war ein Gruß von oben, ein Zeichen vom Schicksal, ein Zeichen, dass es gelungen war, die rätselhaften Mächte gnädig zu stimmen … Und zugleich befand ich mich in einem Dilemma: Was kaufe ich mir mit dem Geld? Ich hatte die Qual der Wahl: Entweder Zigaretten für den Tag oder einen Imbiss für den Moment. Ich entschied mich für mein Stammbeisl. Der Dollar machte sich gut am Tresen, gleich neben dem Zapfhahn fürs Bier.

© text by ferdinand
© photo by ferdinand

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