Rolltreppen
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 12.05.2026, 10:17
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Rolltreppenfahren
Rolltreppen fahren ist eine feine Sache, trotzdem nutze ich sie nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern wegen meiner, ein Leben lang drangsalierten, Fliesenlegerknie. Treppen sind wie ein Synonym für mein Leben, denke ich. Bergauf plage ich mich gern, es gibt mir ein Gefühl des Bezwingens, des Vorwärtskommens aus eigener Kraft. Bergab geht es immer viel zu schnell.
Meine Beziehung zu Rolltreppen geht aber viel tiefer. Mein erster Flirt mit dieser Technik liegt lange zurück. Es war in den frühen Fünfziger-Jahren, ich war etwa acht oder neun Jahre alt und wie jedes Jahr, bei meiner Tante am Laaerberg in Wien in den Ferien. Tagsüber, während die Mizzitant zur Arbeit ging, wurde ich bei Babička, der böhmischen Oma, zwischengeparkt. Um ihr finanziell nicht zur Last zu fallen, bekam ich täglich zwei Schilling mit, so dass ich mir beim Greißler eine Knackwurst kaufen konnte. So war es jedenfalls gedacht. Ich aber hatte andere Pläne, meine Abenteuerlust wollte gestillt werden.
Mein Freund Berti erzählte mir, dass man beim Fahren mit der Straßenbahn x-mal umsteigen dürfe, aber nur in eine Richtung, also nicht zurück. Ein Kinderfahrschein kostete damals 70 Groschen. Mein Ehrgeiz war geweckt – ich wollte mit nur einer Fahrkarte rund um Wien fahren. Das wäre vielleicht auch gelungen, hätte ich nicht dieses Werbeplakat in der Mariahilferstraße gesehen. Da stand in großen, farbigen Buchstaben: Herzmansky-Modernstes Kaufhaus Österreichs – jetzt mit der ersten Rolltreppe in Wien – Eröffnung - Heute! Das musste ich sehen.
Jetzt stand ich da, in diesem, für kindliche Begriffe, riesigen Einkaufstempel, der über mehrere Stockwerke verteilt war. Und in diese Verkaufsetagen führten die viel gerühmten Rolltreppen. Ein Mann, ich glaube, es war der Portier des Kaufhauses, wies die Besucher ein, erklärte den Zögernden, was sie tun sollten, um sich nicht zu verhaspeln. Ganz wichtig wäre es, sagte er, dass die Schuhbänder gut gebunden seien, denn sonst könnte es passieren, dass sich so ein Schnürsenkel in den Ritzen der fahrenden Stufen verfängt. Was dann passieren könnte, das wollte er nicht weiter ausführen. Einige Zuschauer drehten daraufhin ab und nahmen die normalen Stufen zum Obergeschoß. Ich nicht. Jetzt ging’s erst richtig los. Natürlich streunte ich als Erstes durch die Spielzeugabteilung. Es war wie im Schlaraffenland. Ich hatte die Zeit vergessen, fuhr rauf und runter und weiter und weiter … bis Tante Hermi, eine meiner vielen Aufpasser-Wahltanten, plötzlich neben mir stand und vollkommen entgeistert war, mich ganz allein in diesem Trubel zu sehen. Auf die Frage, wo denn die Mizzitant sei, konnte ich nur kleinlaut antworten, dass ich ganz allein hier war!
Tante Hermi war so entsetzt, dass sie ihre Einkaufspläne abrupt abbrach, mich bei der Hand packte und mit sich zog. Wir brauchten eine Stunde bis wir zu Hause am Laaerberg ankamen. Auweia, das war wohl nix. Ich war ziemlich zerknirscht und kassierte tapfer die unausweichliche Erziehungs-Ohrfeige von Mizzitant. Die spüre ich heute noch. Egal – Hauptsache ich war einer der Ersten, der in meinem Land mit einer Rolltreppe gefahren ist!