Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

11 12

Stadtstreicher

Von Feierabend-Mitglied Montag 05.08.2024, 16:07

Ich habe Salzburg, meiner Stadt, den Rücken gekehrt und jetzt bin ich als außenstehender Beobachter zurückgekehrt.
Am Kai herrscht dichtes Gewühl, Fußgänger rauschen vorbei. Von mir nimmt keiner Notiz, kein alter Bekannter kommt des Weges. Vielleicht halten mich die für einen Stadtstreicher? Das soll mir recht sein.
Nicht nur die bekannten Postkartenansichten machen diese Stadt aus. Für mich sind es vor allem die stummen Mauern, die mich mit ihr verbinden. Salzburg ist jene Stadt, die wie keine andere mein Leben geprägt hat. Im Moment mag sie für mich wie Staffage wirken, aber wenn ich mir die unbekannten Menschen wegdenke, ist mir plötzlich alles bestens vertraut. Auch weil ich weiß, dass hinter diesen Mauern meine erlebten und gehörten Geschichten hausen. Deshalb werde ich sie aufs Neue entdecken, aber nicht allein. Ich habe meine Freunde vom Literaturclub eingeladen, die schönste aller Städte mit mir zu genießen.

Am ersten Tag meiner Visite besuche ich meinen alten Freund Otmar Schreyvogel. Otmar ist geprüfter Fremdenführer und steinalt. Trotz seines hohen Alters stellt er noch seinen Mann und trägt seine Plakette „Austria Guide” mit Stolz auf der Brust. Ich erhoffe mir von ihm einen Tipp für meine Altstadtrunde mit den Literaten. Lässt er sich zu einem humanen Preis überreden, ist er mein Mann.
Als er mich in seinem Häuschen im Nonntal begrüßt, weiß ich sofort, dass ich seine profunden Kenntnisse nicht in Anspruch nehmen kann. Otmar Schreyvogel hat seine Stimme verloren! Ich muss verdammt aufpassen, um seine krächzenden Töne zu verstehen. „Kehlkopf”, sagt er nur und tippt auf seinen faltigen Hals.

„Contenance bewahren”, denke ich. Auf keinen Fall will ich ihn mit meiner Traurigkeit belasten. Er seinerseits lacht wie ein Rabe und fragt, was er für mich tun könne. Otmar und ich, wir kennen uns seit Jahrzehnten. Er weiß um meine Vergangenheit, weiß von Obdachlosigkeit und Trunksucht, aber auch von meiner Aufholjagd auf der Überholspur ins jetzige Leben. Also erzähle ich ihm von meinem Vorhaben mit den Leuten der schreibenden Kunst. Das gefällt ihm, und er gibt mir einen ungewöhnlichen Tipp: „Erzähl‘ doch deinen Freunden von der Zeit, als du in dieser reichen Stadt ganz unten warst, oder noch besser – zeige ihnen die Stätten der Unwürdigkeit.“
„Nein Otmar, das kann ich niemand zumuten, das ist doch keine Pilgerfahrt zu den Mauern, an denen meine Geschichte klebt.“
„Keine Sorge, Ferdinand, ihr werdet Spaß haben. Die Leute wollen hinter die feinen Fassaden schauen. Die alten Mauern stehen noch – im stillen Erwarten deiner Rückkehr.“

© foto & text by salzbaron

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Stadtstreicher