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Stufen

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 08.08.2024, 08:55 – geändert Donnerstag 08.08.2024, 12:09

Noch drei Schritte und schon hat Monika die letzte Stufe der Steintreppe erklommen. 153 Stufen und das bei 30 °C in der Sonne.

Kalter Schweiß rinnt ihr über Stirn und Rücken. Ihr Herzschlag ist an seiner Grenze angekommen, sie auch!

Der Puls trommelt ihr laut in den Ohren, fast spürt sie sein Klopfen überall. Welch eine Herausforderung, doch sie hatte es geschafft. Langsam, aber ohne eine Pause. Schritt für Schritt war sie die Treppe emporgestiegen. Ein Blick auf ihre Uhr, sechs Minuten und sechsundzwanzig Sekunden.
Monika strahlt stolz und wischt mit dem Ärmel von ihrer langen Bluse den Schweiß von Gesicht und Hals. Sie war schnell gegangen, schneller als die anderen, um diesen Zeitvorsprung zu erlangen! Die Jüngste war sie ja auch nicht mehr. Immerhin ging sie ja schon auf die siebzig zu.
Doch was sagt das schon, man muss nur wollen. Von wegen keine Lebensenergie. Hoch aufgerichtet, wenn auch immer noch nach Luft ringend, steht sie auf der obersten Stufe der ziemlich steilen Treppe. Lächelnd blickt sie über die vielen Stufen hinab ins Tal, wo die anderen Wanderfreunde nun beginnen, ebenfalls nach oben zu steigen. Nur an wenigen Stellen hüllen die großen Tannen die Natursteine der Treppe in kühle Schatten.

Niemand in der Reha-Klinik wusste, dass Monika sich für diesen Wanderausflug angemeldet hatte. Und sie, sie wollte vor der Wanderung auch keine Kommentare hören. Heute Abend, wenn sie mit allen den anderen im Speisesaal sitzen würde, vielleicht könnte sie ja was erzählen. Doch wenn sie an die launische Marlies, die an ihrer linken Seite sitzt, denkt, vergeht dieser Gedanke sofort.

Nein, sie wollte diesen persönlichen Erfolg für sich ganz allein genießen. Sie würde heute Abend besonders kräftig in ihr Butterbrot beißen. Wenn Marlies dann wieder anfing zu meckern, weil das Essen nicht schmeckt, dann würde sie sich schmunzelnd zurücklehnen und an die bezwungene Treppe denken.

Welch ein Tag!

Monika schaut nun mit frohen Gedanken auf die restlichen drei Wochen, die hier in der Klinik noch vor ihr liegen. Sobald sie wieder zu Hause ist, wird sie einen Wanderclub suchen. So war letztendlich also auch etwas Gutes daran, dass das Auto sie erwischt hatte. Die Schmerzen waren eh nicht mehr so schlimm. Monika wusste, ohne diesen Autounfall hätte sie nie Freude am Wandern gefunden.

„Na, da hatte es eine Dame aber eilig, hier hinaufzusteigen“, sagt die nette Frau lachend, die nach ihr und mit hochrotem Gesicht oben ankam.

„Sie sind aber das erste Mal dabei, oder?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, erzählte sie schon weiter, hakte sich bei Monika unter und beide gingen den kleinen Weg gemeinsam weiter.

Bild: webfund
Text: Mali5

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