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Verrückter Traum

Von tastifix Samstag 08.02.2025, 15:25 – geändert 09.02.2025, 09:29

Am anderen Ende der Leitung hängt ein total verzweifeltes Etwas:
„Mama, schluchz!", piepst es mir entgegen.
Schlagartig wird mir klar, wer da offensichtlich in Not ist: Diese zittrige, dünne Stimmc gehört meiner Ältesten und das ´Schluchz` bedeutet, es geht um Leben oder Tod.
„Kleines, was ist denn passiert?"
„Püchen ist, heul, vom Schrank geplumpst, schnief, und jetzt hat er nur noch ein Auge. - Mamaa...?!!!!"
Es klingt wie das SOS in Erwartung des drohenden Weltunterganges. Obwohl meine Tochter bereits 19 Jahre alt ist. Aber es handelt sich bei dem gefallenen Unglücksraben um ihren Teddy; der einst mich durch Kindheit und Jugend begleitet und den ich ihr dann geschenkt hatte.

„Mama", tönt es schon wieder. „Hilfst Du ihm? Es ist ja soo fuurchtbar, heuul.?!"
„Nooch schlimmer kann der Weltuntergang auch nicht werden!", denke ich, schweige aber dazu, bin ja keine gemeine Mutter:
„Schwing Dich ins Auto und bring mir den Patienten. Haste das Auge denn wieder gefunden?"
"D.. das ist untern Schrank gekullert. Ich bin drunter gekrabbelt und hab es mit der Krücke vom Regenschirm hervor gefischt, schnief."
„Des Regenschirmes!“, korrigiere ich im Stillen.
In Anbetracht der schlimmen Lage behalte ich es aber für mich.
Eine kurze Pause, dann spricht sie ein bisschen munterer:
„Püchens anderes Auge hat bei dessen Anblick richtig gestrahlt!"
Für die Fantasie kann dieer sie nichts. Die hat sie von mir.

Eine halbe Stunde später klingelt es, meine Tochter mit dem bedauernswerten Teddy auf dem Arm bemüht sich tapfer, die Tränen zu unterdrücken, was ihr erstaunlich gut gelingt. Na ja, der Unfall ist ja schon eine Weile her und auch Püchen wirkt schon etwas gelassener. Vielleicht überwiegt jetzt die Wiedersehensfreude mit seinem Ex-Frauchen. Sein linkes Auge blitzt mich schelmisch an. Das andere kann dies nicht. Es ist ja nicht mehr dort, wo es hin gehört. Was ich dann sofort bemerke, ist der kleine Rucksack, den das Kerlchen auf dem Rücken trägt.
„Weshalb bringt er den denn mit?", frage ich verblüfft.
„Da ist sein zweites Auge drin. So geht es wenigstens nicht verloren!"
Ich fass es einfach nicht!!

Vorsichtshalber geleite ich die Zwei erst mal in die Küche und krame den Cappuchino und die Büchsenmilch aus dem Schrank. Den Kaffee für meine Kleine, damit sie vielleicht wieder in die Realität zurückfindet und die Büchsenmilch für Püchen als Trostleckerei. Beide schlürfen mit Begeisterung und beruhigen sich almählich. Als der Puls meiner Tochter sich wieder noralisiert hat, schicke ich sie gen Heimat:
„Aber, Mama, Du sagst mir doch sofort Bescheid, falls ..."
„Selbstverständlich, Kind!", entgegne ich, schiebe sie zur Tür hinaus und schließe diese fix. Die Augen zur Decke verdrehend lache ich laut los. Irgendwie scheint mir das Ganze so verrückt.
..
Doch dann holt mich die Problematik um den Bären wieder ein ir vergeht das Lachen und ich empfinde alles als äußerst tragisch. Besorgter Miene eile Iich zurück in die Küche, in der Püchen vor dem Kühlschrank hockt und sich mit der Zunge übers Maul leckt. Wahrscheinlich denkt er, macht er das nur lange genug, dann regnet es noch mehr Büchsenmilch. Jedoch steht ihm eine Operation bevor und deshalb muss er zumindest einigermaßen nüchtern bleiben. Aber den Versuch zu starten, dies einem Teddy zu erklären, wäre mehr als blödsinnig. Also bereite ich eilig alles für den komplizierten Eingriff vor.

Der Küchentisch avanciert zum OP-Tisch. Püchen verschwindet, wie es sich bei einer anständigen Operation geziemt, unter einer grünen Servierte, die nur noch die leere Augenhöhle frei läst. Das ist unbedingt erforderlich, denn wo sonst soll ich jenes arme Guckinstrument implantieren? Unter der Hinterpfote würde es total deplatziert wirken, denn es ist ja kein Hühnerauge. Erschüttert starre ich einen Moment lang auf das unschöne Loch vor mir.
„Keine Angst, das haben wir gleich!“, suggeriere ich dem vor Panik wie gelähmt dort liegenden Bären.
Keine Antwort. Hat er bereits mit seinem Leben abgeschlossen? Schnell streife ich Gartenhandschuhe über (wegen der Sterilität!) und stülpe mir noch den größten meiner Fingerhüte über den Zeigefinger der rechten Hand. Teddys Haut ist sehr dick und eine Ledernadel piekt nicht nur am unteren Ende.
Moment, ich habe doch etwas Wesentliches vergessen ...Was nur? Ach ja, richtig, nooch ist der Bär bei vollem Bewusstsein.
´Ne, das geht wirklich nicht!´
„Entschuldige, Püchen, aber das muss jetzt sein!“, flüstere ich dem armen Kerl zu, hole aus und verpasse ihm eine heftige Backpfeife. Sein linkes Auge sieht mich kurz überrascht an. Dann kippt sein Kopf zur Seite und mein Patient befindet sich im Traumland. Diese äußerst liebevolle Art und Weise, ihn zu narkotisieren, ist umwerfend gewesen.
„Garantiert schluckert der dort jetzt eimerweise Büchsenmilch, während ich mich hier abmühe!“, grummele ich.
Mit ein paar Stichen nähe ich das Auge fest. Hoffentlich habe ich ihn nicht dazu verdonnert, in Zukunft schielend durchs Leben zu traben. Vorsichtig hebe ich die Serviette etwas an. Nein, die Operation ist geglückt, das Auge sitzt. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Die nachlassende Anspannung führt dazu, dass ich stutze. eEnen Augenblick lang überfällt mich ein zweites Mal die Realität und damit zugleich die schockierende Erkenntnis.
„Ich habe soeben einem Stück Stoff mit Sägespänenfüllung eine runter gehauen!“, zweifele ih fast an meinem Verstand.
Doch bevor ich mich noch selber für Irrenhaus reif erklären kan, verwischt ein mitleidiger Blick auf den Bären denselbigen für die Wirklichkeit. Ob Püchen wohl Wundschmerzen haben wird?

Pflichtbewusst rufe ich meine Tochter an. Anscheinend hat sie sich vor Sorge um ihn die ganze Zeit nicht vom Telefon weg gerührt. Wieder höre ich die ängstliche Stimme:
„Mama, ist alles okay?“
Ich versichere ihr, ihrem Bären geht es gut. Doch merke ich, dass sie noch eine weitere Frage auf dem Herzen hat.
„Mama. Du hast ihn aber doch hoffentlich nicht ohne Betäub ..!!?“
„Für wen hältst Du mich eigentlich?!“, entrüste ich mich.
Stille in der Leitung. Es bleibt so still, dass ich davon ausgehe, es ist gut, dass ich nicht erfahre, was sie denkt. Um allen ungerechtfertigten Zweifeln an meinem Charakter vorzubeugen, schleudere ich ihr, vielleicht ein wenig zu heftig, entgegen:
„Ich habe ihm natürlich vorher eine geklebt!“
Hätte ich das besser anders formulieren sollen?? Wiederum herrscht Stille. Diesmal ist es eisige Stille. Dann ein unkontrollierter, irre wütender Wahnsinnsaufschrei:
„Also wirklich, Mamaa!“
Das Gespräch ist beendet, der Hörer liegt.


Neben meinem rechten Ohr bimmelt es schrill und hartnäckig. Ich greife hinüber. Zu meinem Glück entpuppt sich der Störenfried als mein Wecker, der mir das Ende der Nacht ansagt.
Es ist alles nur ein Traum gewesen.

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