Warten auf bessere Zeiten
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 24.06.2025, 11:42
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Warten auf bessere Zeiten
Morgens, sieben Uhr.
Ich wartete auf Arbeit. An sich nichts Ungewöhnliches – vor dem Arbeitsamt. Dennoch war ich kein echter Kunde dieses Amtes – denn ich stand vor dem Haus, am sogenannten Arbeiterstrich.
Schwarzarbeiter und Tagelöhner sind auf schnellen Lohn angewiesen. Ohne Wohnung, ohne Versicherung, manchmal auch ohne Papiere, konnte man keine reguläre Arbeit annehmen. Die Zeit bis zur offiziellen Lohnauszahlung wäre zu lang gewesen. Sich zu outen hätte außer Diffamierung nichts gebracht, so die Rechtfertigung vor mir selbst. Ein Rest von Stolz hatte sich erhalten, also lebte ich weiter von der Hand in den Mund und wartete geduldig auf einen mehrtägigen Aushilfs-Job, der ein finanzielles Polster bedeutet hätte.
Mit der glühenden Zigarette versuchte ich mir in der hohlen Hand die Finger zu wärmen. Eigentlich lächerlich, weil mir klar war, dass es wenig nützen würde. Es zeigte aber vom ungebrochenen Glauben, dass kleine Dinge vielleicht doch etwas bewegen könnten.
Der Morgen verlief wie immer. Potenzielle Arbeitgeber, aber auch Private, die eine billige Kraft suchten, fuhren mit ihren Autos an den Fahrbahnrand und suchten sich jemand aus, der ihnen angemessen erschien. Ich hatte gelernt, nicht jeden Job anzunehmen und fragte sicherheitshalber nach, was zu tun sei. Es gab mitunter fürchterliche Drecksarbeiten, bei denen man sich die ohnehin einzige Kleidung vollends ruinierte und die außerdem unfallträchtig war. Ohne Versicherungsschutz war das gefährlich.
Mittlerweile war es neun Uhr geworden.
Die beste Zeit war vorbei, die Nachfrage riss langsam ab. Die Sonne stieg am Horizont hoch, der feuchte Asphalt dampfte. Die Zigaretten wurden knapp, mein Alkoholikerhirn meldete: Durscht!
Mal sehen, was der Tag noch bringt, sagte ich mir im Stillen und zog in Richtung Altstadt. Der Himmel war grau, die Wolken hingen tief. Ein leichter Windhauch wehte den vertrauten Geruch vom nahen Fischmarkt in meine Nase. Ich saß auf einer dieser modernen Sitzbänke, das kalte Gitter drückte in meinen Rücken. Allmählich verließ mich das morgendliche Aufbruchsgefühl.
Aber dann kam Robert Fiala. Unter diesem Namen kannten ihn nur wenig Menschen in der Stadt. Die, die ihn mochten, nannten ihn Bobby. Für alle anderen war er ein namenloser Bettler. Ich wusste etwas mehr über ihn, zum Beispiel, dass er gerade seinen sechzigsten Frühling erlebte. Nach heutigen Maßstäben war er noch nicht wirklich alt, aber das Leben auf der Straße hatte seine Spuren hinterlassen. Bobby war beinamputiert. Er klagte nicht – im Gegenteil – er befand diesen Umstand als geschäftsfördernd. Bobby dachte unternehmerisch, allerdings ließ ihn sein Alkoholismus nicht mehr über den Tag hinausdenken. Erste Priorität war die nächste Flasche Wein, an ihr hielt er sein Leben fest. In diesem Punkt waren wir uns ähnlich.
Ich sah den Menschen zu, wie sie unter sorgsam gepflegten Frisuren ihre müden Gesichter umherschleppten. Ein Blick auf die digitale Uhr unter dem Dach der Bushaltestelle zeigte die präzise Uhrzeit: 09.55 Uhr. Nicht mehr lange, dann wird sich der Menschenstrom der internationalen Tagesgäste unermüdlich vom Bus-Terminal über den Makart-Steg in Richtung Altstadt wälzen.
Ich studierte die Menge mit ihren unendlich vielen Gesichtern. Manchmal erkannte ich alte Bekannte aus früheren Zeiten – und senkte meinen Blick. Ich rauchte die Zigarette zu Ende, schnippte die Kippe auf den Boden und beobachtete, wie sie vor sich hin glomm.
Plötzlich durchschnitt eine ätzende Stimme die Luft:
„Na, bist arbeitslos?”
Es war Bobby, er war auf dem Weg zu seinem Stammplatz in der Mitte des Fußgängerstegs. Wie gesagt, wir kannten uns. Bobby warf seine Krücken zur Seite und ließ sich mit einem Seufzer auf meine Bank nieder.
Ich antwortete lustlos auf seine Frage über meine Arbeitslosigkeit: „Du weißt ja, wie es ist, Bobby. Manchmal gibt es Jobs – manchmal nicht. Was soll’s? Für einen festen Arbeitsplatz bin ich zu zittrig. Hast du was zu trinken dabei, Bobby?“
„Nix da”, sagte er. „Erst die Arbeit, dann der Wein!“
„Arbeit? Wie meinst du das?“
„Du wirst mein Partner!“
„Ich versteh nicht, Bobby.“
„Okay, dann in Deutsch: Es ist ganz einfach. Du bist jung genug, um andere junge Leute zu animieren, mir etwas in den Hut zu werfen. Dein Job ist es, mit gutem Beispiel voranzugehen. Ich gebe dir Kleingeld – du gehst über den Steg, bleibst demonstrativ vor meinem Hut stehen, wirfst eine große Münze rein und gehst, nicht ohne den Leuten hinter dir ein smartes Lächeln geschenkt zu haben, weiter. Kapiert?“
„Das ist alles?”
„Vorerst ja, nach zwei Stunden wird bilanziert. Danach gibt es deinen Anteil und Wein beim Kiosk im Stadtpark. Einverstanden?”
Die Moral von dieser G’schicht’? Bettler werden wollt‘ ich nicht.
©Bild & Text by ferdinand