Warum nur, warum?
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Feierabend-Mitglied
Montag 24.02.2025, 17:57
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Eine Woche verging. Dass ich Melitta nicht gefunden hatte, ließ mich an einen bösen Streich denken – einen Denkzettel. Vielleicht bestraft sie mich nur für viele meiner Fehler. Der Gedanke daran ließ mich hoffen. Kann ja sein, dass sich alles in Luft auflöst. Wir würden unsere kleine Familie trotz aller Widerstände auf einen guten Weg bringen. Es half mir sehr, wenn ich ganz bei mir in Gedanken mit ihr sprach. „Was spielt es für eine Rolle, wenn du älter bist als ich, wenn deine Vergangenheit dich einholt und du glaubst, mich da heraushalten zu müssen? Ich bin doch auch ein Gestrauchelter, ein Getriebener, ein Mann, der manchmal zu viel trinkt. Aber damit ist jetzt Schluss, ich rühre keinen Alkohol mehr an, bin bereit zu kämpfen für unsere Zukunft. Es kann der Wendepunkt für etwas ganz Großes sein.”
Tage verstrichen, ich konnte kaum schlafen. Albträume verfolgten mich jede Nacht. Im Traum rannte ich Frauen, die alle wie Melitta aussahen, auf der Straße hinterher, wollte ihren Namen rufen, und brachte keinen Ton heraus. Stumm und gelähmt blieb ich zurück. Das Erwachen war keine Milderung, das Bett neben mir war leer. Alles war leer.
Ich besuchte meinen Buben so oft ich konnte, bemerkte aber, dass ich Unruhe in Romanas Familie brachte. Sie hatte zwei eigene Kinder, die sich rührend um Ferdinand kümmerten. Es ging ihm gut. Am Sonntag würde ich einen Tag mit ihm verbringen. Das war fix ausgemacht.
Angenehmer, milder Sonnenschein läutete einen bunten Oktobertag ein. Es war Samstag. Ich schleppte meine Einkäufe nach Hause, hauptsächlich Dinge, die Kleinkinder so benötigen, für mich Kaffee und Kekse, das war meine Nahrung in diesen Tagen. Auf Alkohol hatte ich keine Lust mehr. Ich wollte keine Menschen sehen und schon gar nicht ihre Fragen nach Melitta hören.
Vor der Haustür empfingen mich eine besorgt schauende Vermieterin und einige Nachbarn. Die Hausbesitzerin nahm mich am Arm und fragte: „Wo ist Ihre Frau?” Ich stotterte irgendetwas Unverständliches, aber sie unterbrach mich: „Unsere Reinigungsfrau hat am Dachboden, als sie ihre Putztücher zum Trocknen aufhängen wollte, eine Gestalt in Ihrem Abteil liegen sehen. Eine Frau mit einem Pelzmantel. Sie glaubt, dass es ihre Frau ist.”
„Dachboden? Wieso Dachboden? Der war doch fest verschlossen und der Schlüssel hing in meiner Wohnung, das weiß ich ganz genau”, schrie ich sie an, wollte nach oben rennen, die Nachbarn hielten mich zurück. „Bitte bleiben sie hier, gehen sie nicht nach oben. Wir haben die Polizei verständigt. Wir sollen hier auf die Funkstreife warten und auf keinen Fall auf den Dachboden gehen”, sagte irgendwer.
Melitta, Tabletten, Pelzmantel, Ängste, Kalenderblätter, Ferdinand, Dachbodenschlüssel, Wassergläser. Tausende Bilder rasten durch meinen Kopf. Ich weiß nicht, wie lange ich hier stand. Das abklingende Martinshorn des Funkstreifenwagens, der vor dem Haus zum Stehen kam, riss mich aus meinen Gedanken. Polizisten trafen ein und standen bei der aufgeregten Hausbesitzerin, die sofort die Initiative ergriff und drauflos plapperte. Einer der Polizisten sprach mit mir und als er begriffen hatte, dass ich der Lebensgefährte der leblosen Frau auf dem Dachboden war, stiegen wir die enge Treppe hinauf. Die Dachbodentür stand jetzt offen. Ich musste warten, der Polizist ging die letzten Stufen allein hinauf, er wollte sich erst ein Bild von der Situation machen und dann entscheiden, was zu tun sei. Ich hörte undeutlich die Kommentare aus dem Funkgerät des Beamten, offensichtlich erstattete er Meldung an die Zentrale. Sein Einsatzname war Salzach Zwo.
Nach und nach trafen Kripo-Beamte und weitere zivile Ermittler ein. Während ich immer noch vor der offenen Dachbodentür stand, musste ich den Polizisten Rede und Antwort stehen. Was sie mich fragten, weiß ich nicht mehr. Nur dass es ewig dauerte, dann hörte ich die Stimme des Amtsarztes: „Weibliche Leiche, vermutlich Medikamentenvergiftung, Liegezeit mehrere Tage, Obduktion ist anzuordnen.”
Jetzt musste ich hinauf zu dem Platz, wo Melitta gestorben war. „Ist das Ihre Lebensgefährtin, ist das Melitta M., können Sie sie zweifelsfrei erkennen?”
Im Lichtkegel der Polizeischeinwerfer tanzten Staubteilchen. Melitta lag seitlich gekrümmt auf Ferdinands Gitterbettmatratze, ihr Körper war halb mit ihrem Pelzmantel bedeckt. Sie hatte die Augen geschlossen, ihr Gesicht war fahl, die blutleeren Lippen waren zu einem Strich zusammengepresst. Kein Zweifel, das ist oder war meine Melitta.
„Danke, das war es einstweilen. bitte warten Sie in Ihrer Wohnung auf uns, wir sind gleich fertig hier.“ Ich setzte mich auf die Treppe vor unserer Wohnungstür, die Bilder kamen wieder. Ich musste mich übergeben.
Die komplette Mordkommission trampelte mit ihren Koffern und Geräten durch das Stiegenhaus. Die gaffenden Hausbewohner verzogen sich in ihre Wohnungen. Nur der Polizist aus dem Streifenwagen blieb zurück. Der leitende Kripobeamte hatte vor dem Weggehen gesagt, dass er die Bestattung schicken würde. Im selben Atemzug bestellte er mich für den Nachmittag in die Polizeidirektion zum Anfertigen eines Protokolls. Reine Routine, wie er meinte. Der Alltag für Polizisten ist ein anderer als der für Hinterbliebene. Für Bestatter auch, denn diese kamen fluchend über die Enge des Stiegenhauses mit einem Blechsarg über die Treppe herauf. Als sie mich erblickten, fiel ihnen ihr Pietätsauftrag ein und sie fragten höflich, wo die Leiche sei. Ich deutete stumm nach oben. Der Polizist verabschiedete sich, ein paar Minuten später zwängten sich die Sargträger an mir vorbei, ich blieb allein zurück. Schwer wird die Last nicht sein, dachte ich, sie war so schlank.
Ich war auf Ausfüllen von Formularen eingestellt, als ich mich in der Polizeidirektion einfand. Das Schild an der Tür brachte meine erzwungene Ruhe zum Wanken: Zimmer 46 - Gruppeninspektor Schober - Abteilung: Leib und Leben – Mordkommission.
Die vor ein paar Stunden noch freundlichen Beamten mutierten nach anfänglichen Routinefragen zu knallharten Ermittlern. Plötzlich war ich ein Verdächtiger, die Fragen wurden feindseliger, der Ton rauer. Man verdächtigte mich jetzt mindestens der Vorschubleistung zum Selbstmord. Die Krux an der Geschichte war die Dachbodentür. Wieso war die Tür verschlossen und wie kam der Schlüssel in meine Wohnung? Darauf wusste ich keine Antwort, es war einfach so!
Niemand glaubte mir. Spät abends ließen sie mich mit der Auflage gehen, erreichbar zu bleiben. Es dauerte zwei Tage, bis die Kriminaltechniker herausgefunden hatten, dass es möglich war, die klinkenlose Dachbodentür von innen ins Schloss zu ziehen, dass es so schien, als wäre sie von außen versperrt worden. Melitta muss das gewusst haben. Damit war ich entlastet.
Ich durfte Melitta beerdigen. Die Formalitäten hatte ich wie in Trance organisiert, an Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es soll ein schönes Begräbnis gewesen sein, sagten die Trauergäste. Ich werde nie begreifen, was an einer Beerdigung schön sein kann. Für mich war es der Schlusspunkt unter eine große Hoffnung.
Die Trauergäste kondolierten und ich fühlte mich wie eine leere Hülse. Die letzten zwei Menschen, die mir am offenen Grab ihr Beileid aussprachen, kannte ich nicht. Es war ein Mann und eine Frau, sie stellten sich als Mitarbeiter des Jugendamtes vor und baten mich zur Seite. Die Frau sagte zu mir: „Es ist unsere Aufgabe, Ihnen mitzuteilen, dass die Vormundschaft für Ihren unehelichen Sohn Ferdinand jetzt wieder beim Amt liegt.” Sie ergänzte, dass sie es besser fände, wenn das Kind vorerst bei der Pflegemutter bliebe und ich demnächst im Amt vorsprechen solle. Der Mann sagte: „Wir möchten mit Ihnen über eine Adoption sprechen, weil wir geeignete Paare haben, die sich sehnlichst ein Kind wünschen. Überlegen Sie sich das gut. Das wäre für alle die beste Lösung.”
Allerdings benötigten sie für diesen wichtigen Schritt im Leben von Ferdinand mein Einverständnis und meine Unterschrift.
Vor zwei Stunden hatte ich noch an eine Wende zum Guten geglaubt.