Wurzelhof-Tagebuch (2013)
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 10.07.2025, 12:33
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1.
Die Scheibenwischer meines funkelnagelneuen Autos spielen verrückt. Regnet es nur leicht, flitzen die Gummiblätter wild hin und her, wird der Regen heftiger, reduzieren sie wie von Zauberhand geführt ihre Geschwindigkeit und verfallen in den Slow-Motion-Rhythmus. Diese geheimnisvolle Kraft wird von der Autoindustrie als Errungenschaft gepriesen und nennt sich Regensensor. Deutsche Wertarbeit und vollautomatisch – eh klar!
Weil ich seit einer halben Ewigkeit mit dem Autofahren vertraut bin, fällt es mir schwer, die Betriebsanleitung zurate zu ziehen. Ich entschließe mich ohne Halt weiterzufahren. Die Dame vom Navigationsgerät ist unbeeindruckt, sie sagt nur lapidar, dass ich bei gleichbleibender Reisegeschwindigkeit mein Ziel nicht pünktlich erreichen werde.
Mein Reiseziel liegt im Waldviertel und es schüttet. Ich war noch nie in dieser Gegend. Würde mein Scheibenwischer funktionieren, könnte ich sehen, wie in der Talsenke die Spitze eines Kirchturms durch den Bodennebel sticht. So aber kämpfe ich mit einem Scheibenwischer, der seinen Sensor völlig missversteht. Zu allem Überdruss erscheint am Display des Bordcomputers eine Warnung in Rot: „Achtung! - In Waschanlagen den Regensensor abschalten!”
"Was denn, wo denn ...?”
Ich sehne mich nach meinem alten Auto und bin froh, dass hin und wieder ein Reflektor am Straßenrand aufblitzt, wenn er von meinem ultramodernen Xenon-Licht erfasst wird. Sonst sehe ich nur schwarzgrünen Wald und diffuse Nebelschleier. Ich bekomme eine Ahnung, wie die vielen Sagen über das Waldviertel entstanden sind.
Die Navigationsfrau quäkt: „Sie haben ihr Ziel erreicht. Ihr Ziel befindet sich rechts.”
Langschlag bei Groß-Gerungs, Seminar-Gasthaus-Wurzelhof. Wie zum Hohn hört es zu regnen auf und ich kann einen rustikalen Gasthof mitten am Dorfplatz bewundern. Ich bin eine halbe Stunde zu spät, das passt nicht zu mir, denke ich. Ich drücke die Klinke der mächtigen Haustür und trete in eine kühle Vorhalle. Das hohe Kreuzgewölbe gibt dem Raum etwas Sakrales, fast hätte ich mich bekreuzigt. Ich besinne mich, höre gedämpfte Stimmen hinter einer Tür mit der Aufschrift: Extrazimmer. Vier ausgetretene Steinstufen führen in diese besondere Gaststube. Durch gelbgrüne Butzenscheiben dringt nur schwach das Tageslicht. Eine vom Tabakrauch der Jahrhunderte gebeizte Holztäfelung umgibt den ganzen Raum bis tief in die Fensternischen der meterdicken Mauern. Hellrote Begonien wuchern aus kupfernen Gefäßen und filtern so das spärliche Tageslicht, das durch die Fensterluken scheint. Aus geschmiedeten Lampenschirmen werfen Glühbirnen ihr warmes Licht auf den Herrgottswinkel.
Der Wirt passt zur guten Stube, er wirkt wie geschnitzt, ist aber freundlich. Er ist der Herbergsvater der Seminaristen, die mich alle herzlich begrüßen. Ich bin jetzt einer von ihnen - der achte Teilnehmer des Seminars der Literatur-Werkstatt-Wurzelhof. Ich bin angekommen..
2.
Das bekannt raue Wetter des Waldviertels gibt sich alle Ehre. Ein erster Blick aus dem Fenster zeigt zäh aufsteigende Nebelschleier. Der Kastanienbaum vor Haus duckt sich unter Wolkenfetzen. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein, kein Mensch ist zu sehen. Es wirkt düster und mystisch.
Zum Frühstück gibt es hausgemachte Marmeladen und sogenannte Mohnflesserl, ein typisches Gebäck im Waldviertel, sagt Hans, der Wirt. Ich bin gestärkt und aufnahmebereit für geistige Nahrung.
In dieser Woche werde ich also erstmals an einem Seminar für autobiografisches Schreiben teilnehmen. Margit Schreiner, selbst erfolgreiche Autorin, leitet diesen Kurs. Der Leitgedanke lautet: „Imaginieren statt erfinden.“
Wir sind eine bunte Truppe, sechs Frauen und zwei Männer, vom Studenten bis zum Pensionisten. Ich bin der Älteste in der Runde und wie vermutet, der einzige Nichtakademiker. Den vermeintlichen Bildungsrückstand kann ich aber mit reicher Lebenserfahrung kompensieren. Bei der obligaten Vorstellungsrunde gebe ich den Leuten einen kurzen Einblick in meine Vita, so nennt man in Autorenkreisen eine Kurzbiografie, sagt man mir. Es ist fast ein Schock für die Leutchen, als sie von mir erfahren, dass ein echter Alkoholiker vor ihnen steht. Zwar trocken und nüchtern, aber trotzdem ein Mann, der so gar nicht dem Klischee eines Säufers entspricht, dass sie offensichtlich im Kopf haben. Aber als Thema ist das natürlich interessant, meinen sie unisono.
Die erste Kurzübung trägt den Titel: „Ich war ...“
Zehn Minuten nachdenken - dann zehn Minuten schreiben. Danach wird der Text ausgedruckt, verteilt und die Runde beginnt mit Feedback. Das Wort ist auch neu für mich, aber ich reime mir die Bedeutung zusammen: sie meinen damit eine Rückmeldung auf den Text. Alles klar, ich habe verstanden. Dann die Analyse von unserer Kursleiterin Margit. Auch neu für mich: Alle duzen sich! Das ist angenehm. Genau wie die folgende Mittagspause.
Das Essen schmeckt hervorragend, Veronika, unsere Wirtin, stellt große Backbleche mit dampfenden Köstlichkeiten auf einem langen Tisch zu einem Buffet zusammen. Jeder holt sich, was er mag, Getränke gibt es beim Wirt an der Schank. Die moderaten Preise stehen handgeschrieben auf einer Schiefertafel, die vermutlich schon der Kaiser gesehen hat.
Überhaupt ist alles in einem urigen bäuerlichen Ambiente gehalten. Bierkrüge aus Zinn stehen auf Borden mit gehäkelten Bordüren. Wie einst bei meiner Oma, einfach zum Gernhaben.
Nach einer schöpferischen Pause, die ich für einen Rundgang durch den Ort benutze, geht es weiter im Programm.
Ich bin sehr engagiert, will auf keinen Fall etwas versäumen und bin pünktlich zurück. Und ich habe Kopfweh, wahrscheinlich vom vielen Nachdenken. Die Grammatik macht mir zu schaffen, wechselnde Perspektiven in den Texten werden gnadenlos aufgezeigt.
Neben mir sitzt Anna. Sie bemerkt, dass es mir nicht gut geht. Aus der Vorstellungsrunde weiß ich, dass sie im Berufsleben für das Internationale Rote Kreuz arbeitet. Sie ist weltweit in Flüchtlingslagern unterwegs. Sie will auch mir helfen, sagt sie. Ich winke ab und bagatellisiere, doch Anna lässt nicht locker, sie will mein Kopfweh in den Griff bekommen.
„Und mit was?“, frage ich.
„Red' nicht lang herum“, sagt sie, „nimm diese Tablette.“
In der nächsten Pause fragt sie nach: „Na, Ferdinand, hat's geholfen?“
„Ja, erstaunlich schnell. Was sind das für Tabletten?“
„Ach, nichts Besonderes, habe ich immer dabei. Es sind Tabletten gegen Menstruationsbeschwerden.“
Allgemeines Gelächter, die Stimmung ist bestens.
Die nächste Übung steht an. Wieder zehn Minuten nachdenken – dann zehn Minuten schreiben. Das selbe Prozedere.
Das Thema jetzt: „Ich bin ...“
Meine Texte sind noch etwas holprig, die Gruppe hilft mir und langsam ändert sich mein Denken. Ich bin nicht der Außenseiter, ich gehöre dazu. Das ist schön. Ich lerne, was ein Feedback ist und dass der Text im Vordergrund steht, nicht der Autor.
„Schluss für heute“, sagt Margit Schreiner, „aber es gibt eine neue Aufgabe. Überschrift für das Thema von morgen ist:
„Ich stehe zwei Stunden an einer Haltestelle ...“
Verwirrung. Was soll ich dazu schreiben?
©Text & Foto by ferdinand