Zwei Whiskys
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Feierabend-Mitglied
Mittwoch 09.10.2024, 17:00
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Der Mann hinterm Tresen hatte doch schon sehr schmutzige Fingernägel. Das bemerkte ich als erstes.
Ich hatte mich mit nicht geringer Anstrengung auf den am Boden verschraubten Barhocker gequält. Oben angelangt, drehte ich mich mitsamt dem Sitz in Richtung Tresen.
„Scotch“, sagte ich und ruckelte den Hintern in die angenehmste Position. Da saß ich nun, wartete auf meinen Whisky und guckte die Fingernägel vom Barmann an.
Und ich frug mich, warum sie wohl beim Gläserspülen nicht sauber würden. Das war schon verwunderlich.
Der Barmann schob mir mit einem gekonnten Schubs, den er sich in einem Western abgeguckt zu haben schien, das Glas zu und füllte es dann direkt vor meiner Nase mit der bräunlichen Flüssigkeit. Bevor er die Flasche wegstellte, ließ er mich noch einen Blick auf das Etikett werfen. Insgeheim bewunderte ich die Routine, die in seinem Tun erkennbar war. Trotz der schmutzigen Fingernägel.
Am Ende des Tresens hob der junge Mann, der da mit seiner weiblichen Begleitung saß, einen Finger.
Der Barmann schlenderte hin. Zeit schien er zumindest auch zu haben. Neben den schmutzigen Fingernägeln.
Die Rückseite seiner Weste war ein glänzender hellbrauner Futterstoff, während in der Vorderansicht mit etwas gutem Willen neben den grünlichen Flecken auch Sprenkel der Whiskyfarbe auszumachen waren.
Was der junge Mann bestellte, konnte ich nicht hören. Er war zu weit weg und er war zu leise.
Doch der Barmann hatte es vernommen, registriert und machte sich an die Herstellung.
Zuerst öffnete er eine edelstahlige Türe und nahm zwei solche gestielten Cocktailgläser raus. Demnach also hatte der junge Mann Cocktails bestellt.
Mit gekonntem Schwung schwenkte der Barmann sie durch das klare Wasser des Spülbeckens. Dieser Schwung war so gekonnt geschwungen, dass etliche Milliliter Wasser in den Gläsern verblieben. Das sparte nachher beim Auffüllen des Cocktails mit Sekt einiges an Sekt. Und außerdem war der Schwung so gekonnt geschwungen, dass die Finger nicht nass wurden.
Mein Oma, die Buchwalder, hätte gesagt: „Kleenvieh macht ooch Mist.“ Und wenn man mal bedachte, bei wie vielen Cocktails er das tagtäglich zelebrierte, könnte man sich ausrechnen, wann sich die Milliliterchen zu einem Flascheninhalt zusammengefügt hätten.
Wer wohl zuerst auf diesen Trick gekommen sein mochte?
Ein weiteres Rätsel neben dem der schmutzigen Fingernägel.
Ich nippte an meinem Whisky.
Der Barmann mischte aus den Schlückchen zweier verschiedenfarbiger Flaschen und einigen andern Zutaten die bestellten Drinks zusammen. Es sah sehr gekonnt aus.
Als er die Cocktails hingebracht hatte an‘s Ende des Tresens, tippte ich an den Rand meines leeren Glases. Der Ablauf wiederholte sich. Nur das Glasschubsen fiel weg.
Ich nippte am zweiten Whisky.
Da fiel es mir ein. Beim Öffnen dieser Türe aus edlem Stahl hatte ich doch solche Körbe gesehen. Hinter der Edelstahltüre verbarg sich ein Geschirrspüler für Gläser.
Kein Wunder, dass seine Fingernägel nicht sauber waren.
Er spülte die Gläser ja nicht von Hand.
Ich sinniere.
Immer, wenn meine Fingernägel mal vom Wühlen in der Gartenerde voller Gartenerdereste sind, puhle ich diese mittels eines andren Fingernagels heraus. Meistens nehme ich dazu einen von der anderen Hand.
Warum das der Barmann mit seinen Fingernägeln nicht ebenso machte, konnte ich mir beim besten Willen nicht denken. Daran, dass er keine Zeit hätte, konnte es ja bei drei Gästen nicht liegen.
Ich schaute hinüber zu dem Pärchen. Sie saßen da auf ebensolchen Barhockern, wie auch ich, hielten sich bei den Händen und schauten einander an.
Die Cocktails standen unberührt auf dem Tresen.
Ich schmunzelte in mich hinein.
Dann trank ich den müden Rest meines Glases aus und bezahlte die beiden Whiskys, die es dann geworden waren.
Ich drehte den Hocker um geschätzte hundertfünfunddreißig Grad, hüpfte hinunter, winkte dem Barmann zu und ging.
Die Tür klappte zu und das war es dann.