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Als ich noch ein Messdiener war.

Von billyblue Samstag 19.04.2025, 19:52 – geändert 20.04.2025, 06:59

Meine Mutter, die sehr religiös war, versuchte mich im richtigen Glauben zu erziehen. Leider, für sie, hat das nicht so richtig geklappt. Je älter ich wurde, umso weniger hat die Dressur gewirkt.
Nach dem Krieg kamen meine Eltern als Heimatvertriebene nach Manderbach einem kleinen Ort im Dillkreis. Heimatvertriebene nannte sie natürlich kein Mensch. Für die Einheimischen blieben sie die Flüchtlinge. Diese Bezeichnung wurde sogar vererbt. In der Schule war ich der Flüchtling, obwohl ich hier geboren bin und damit eigentlich ein Einheimischer war. Untereinander wurde Platt gesprochen, mit mir nicht. Manchmal war ich der verdammte Katholik. Irgendwie war das schon eine Abgrenzung.
Die Vertreibung aus ihrer Heimatstadt Müglitz im Sudetenland hat wohl bei meiner Mutter ein Trauma hinterlassen. Von einer angesehenen Gastwirtstochter zu einem Habenichts war für sie ein tiefer Fall. Sie hat das dann mit ihrer plötzlich erwachenden Religiosität kompensieren müssen. Kurz gesagt, sie wurde fromm. Freitags kein Fleisch und Kirchgang am Sonntag war natürlich Pflicht. Zum Glück lebten wir in der Diaspora und der Kaplan kam nur jeden 2. Sonntag in die evangelische Kirche, die uns wenigen Katholiken Asyl gewährte.
Meine erste „hoheitliche“ Aufgabe war folgende. Da wir keinen Organisten hatten, brachte der Pfarrer ein Tonbandgerät mit den Kirchenliedern mit, die den grausamen Gesang der meist älteren Damen, übertönen sollte. Ich „durfte“ dann auf bestimmte Schlüsselwörter hin die Taste „Wiedergabe“ drücken und die Musik erklang. Manchmal musste der Priester dieses lateinische Wort mehrmals wiederholen, da ich wohl zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt war. Wenn ich dann immer noch nicht reagierte, kam dann ein lautes Werner! ich schreckte hoch und mein Finger sauste auf die Abspieltaste. Statt mehr wurden wir Kirchgänger immer weniger. Als ich dann 13 Jahre alt wurde und mit ganz anderen Gedanken beschäftigt war, stellte sich die Frage nach den Nachwuchsmessdienern. Ich hoffte, dass dieser Kelch an mir vorüber gehen würde, aber die Auswahl war klein. Meine Mutter hat dann sofort für mich „ja gesagt“ und schon war ich den Kreis der „Lehrlinge“ aufgenommen. Damals war ich noch sehr schüchtern. Beim ersten Mal am Altar wäre ich am liebsten vor Scham im Boden versunken. Aber man gewöhnt sich schließlich an alles. Das schlimmste war das Auswendiglernen der lateinischen Liturgie. Von Latein hatte ich keine Ahnung. Irgendwie ging es mir so wie heutzutage den muslimischen Schülern, auswendig lernen aber nicht wissen was es bedeutet.
Et introibo ad altare Dei: ad deum qui lactificat juventutem meam.
Das sind die beiden einzigen Sätze, die mir in Erinnerung geblieben sind. So weit ich mich erinnern kann, war das der Beginn der Messe. (so kommt man zum kleinen Latinum“ )
Da stand ich nun ich armer Tor und war anfangs so schlau wie zuvor. Ich überlegte dauernd was ich als nächstes machen sollte. Erst einmal hoheitsvoll rumstehen. Das klappte schon sehr gut. Aber wie weiter? Die Bibel vom rechten in die linke Ecke tragen, auch das blieb in meinem Gedächtnis hängen. Irgendwann dann aus einem Kännchen Wein in den Kelch des Kaplans gießen. Der trank den Schluck dann in einem Zug leer. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass er gerne einen Nachschlag gehabt hätte. Das hatte das Drehbuch aber nicht vorgesehen. Dann ein Schluck Wasser zum Ausspülen und ein Tuch zum Auswischen. Die Evangelischen haben es da besser, da bekommt jeder etwas ab.
Davor oder danach, keine Ahnung, ich kann mich an die Reihenfolge nicht mehr so genau erinnern, kam das Agnus Dei. Der Priester begann Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt usw. natürlich sagte er das auf lateinisch und die Gemeinde antwortete, mea Culpa. Ich in meiner Unschuld überlegte ich soll ich oder soll ich nicht. Als bimmelte ich mit meiner Schelle drei Mal. Das war natürlich falsch, die Schellen durfte ich nur bei der Wandlung benutzen. Außer dem Kaplan, scheint das aber keinem aufgefallen zu sein. Dann Wandlung, Ausgabe der Kommunion und dem Schlusssegen geschah dann nicht mehr viel und ich war erlöst.
Mit der Zeit bekam ich dann etwas Routine und die große Langeweile fing an. Ich stand nur rum, murmelte irgendwelche lateinischen Antworten (wahrscheinlich hätte sich ein Römer vor Lachen gekringelt) und dazwischen Langweile pur. Aber einen Messdiener lässt das natürlich nicht kalt. Irgendwann kam mir der Gedanke, wie kann man mit den Ohren wackeln. Das war natürlich eine Herausforderung. Ich begann mich auf die Ohren zu konzentrieren, strengte mich an, aber nichts bewegte sich. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Nach etlichen Sonntagen bewegte sich doch etwas. Als Grieche hätte ich jetzt Heureka gerufen aber pst, das war nicht im Fahrplan vorgesehen. Es klappte immer besser, dass ich manchmal fast meinen wichtigen Einsatz im Dialog mit dem Priester vergessen habe. Was mit beiden klappt, sollte doch auch mit einem Ohr allein möglich sein. Also wieder zurück auf los, weiter üben und das Erfolgserlebnis stellte sich nach und nach ein. Was war ich stolz auf meine Leistung. Niemand hatte was mitbekommen, und ich konnte mit den einzelnen Ohren wackeln, was mir heute noch gelingt. So war der Messdienst doch für etwas gut gewesen. Nach einem Jahr war dann Schluss. Es wurde der Kirchenbus eingesetzt und klapperte ein paar Dörfer ab zur Fahrt in die Kreisstadt. Dort war dann die Kirche gefüllt und ich war erlöst.
Eli, Eli, lema sabachthani , waren diesmal nicht meine letzten Worte sondern Deo gratias.

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