Aus dem Leben eines Borkenkäfers
Von
optik
Donnerstag 21.05.2026, 09:00
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oder: der kurzeTraum vom eigenen Heim
Es war in den frühen Morgenstunden. Draußen war es noch nicht ganz hell, als ein fürchterliches, lautes ohrenbetäubendes Getöse sie ganz schnöde aus ihren schönsten Träumen riss. Die Wucht mit der sie aus dem Bett geschleudert wurden, war gewaltig und zerstörte ihre gesamte Wohnung mit einem Schlage. Die Möbel kippten um, zerbarsten und im ersten Augenblick schien es, als hätten sich Blitz und Donner eines Gewitters zu einem stürmischen Unwetter vereinigt. Sie wurden vollkommen überrumpelt.
Die Witterung konnte es doch nicht sein, denn die Wetterlage hatte sich in den letzten Wochen kaum verändert, durchfuhr es Fridolin. Eine so gewaltige Verschlechterung hätten sie instinktiv bemerkt und zur Vorsorge veranlasst. Vollkommen verwirrt und zunächst zu keinem klaren Gedanken fähig krabbelte Fridolin, noch am ganzen Leibe zitternd auf seine Beine und blickte um sich. „Oh Gott, oh Gott, wo ist mein Riekchen“, stöhnte er suchend. Eben lag sie noch eng an ihn geschmiegt in seinen Armen. Er hatte ihren warmen Körper und ihr leichtes Schnarchen neben sich gespürt. „Um Himmels Willen. Wo war sein Riekchen geblieben“? Doch ehe er sich noch einigermaßen aufrichten konnte, fiel er auch schon auf den Rücken. Seine Beinchen versagten unter einem erneutem lauten Gedröhne und Getöse.
Er konnte sich nirgends festhalten und spürte nur noch im Unterbewusstsein, dass er sich von Intervallen durchgeschüttelt in einer waagerechten Lage befand.
Das musste sein letztes Stündlein sein und wie in einem Film durchlebte er die schönsten Augenblicke seines, -ach so jungen und hoffnungsvollen Lebens.
In einer Großfamilie war er fröhlich und ohne Not aufgewachsen. Neben Vater und Mutter bevölkerten eine reichliche Kinderschar ihr Domizil. In ihrer kolonisierenden und stetig zunehmenden Population stand der reichliche Nachwuchs grundsätzlich an erster Stelle, -mit der sich die Großfamilie, mit unzähligen Schwestern und Brüder, dazu Großeltern, Onkel und Tanten, zig Cousins und Cousinen..
Und viele Verwandte gehörten zu dieser illustren Verwandtschaft, die sich regelrecht ausbreiten konnte. Einmütig lebten sie alle nebeneinander. Es gab nie Streit oder Auseinandersetzungen. Sie führten ein wirklich privilegiertes Leben. Selbstverständlich gab es keinen Mangel an genügend Raum in der sie sich ungehindert in der Lebensstruktur ausbreiten durften. Das Kinderzimmer umfasste einen eigenen, immer gut klimatisierten Bereich. Die gesamte Brut konnte sich nach Herzenslust austoben, lümmeln und tummeln. Unbeschwert, ohne Not und mit reichlicher gesunder Nahrung wuchsen sie alle heran.
Neugierig war der pubertierende Fridolin eines Tages auf Entdeckungstour gegangen. Er fühlte sich stark, eigentlich auch schon erwachsen und vor allem selbstständig. Eine neue Umgebung erschloss sich ihm.
Ach-, er sah ja so viel Neues aus luftiger Höhe in dieser schönen Welt, -die Sonne und das herrlich frische Grün um ihn herum und unvermittelt war ihm das Herz aufgegangen. Und- er sah Riekchen, ein junges liebliches weibliches Wesen. Er verliebte sich bis über beide Ohren in die Holde. Sie sah ihn verlegen und scheu an, schlug zunächst noch die Augen nieder, doch dann ließ sie, -von heißen Gefühlen entflammt ihre Wimpern klimpern. Fridolin, der junge Heißsporn war so angetan, dass er sich spontan und ohne weitere Überlegungen in der Familie der Schwiegereltern einnistete. Nachdem sich die erste Leidenschaft gelegt hatte, sie aber immer noch nicht voreinander lassen konnten und glückselig ineinander verliebt waren, wurden beide von dem Gedanken beflügelt -sich ein gemütliches eigenes Zuhause zu schaffen.
Sie gingen auf Wohnungssuche. Zunächst suchten sie in einem noch unerschlossenen Neubaumgelände, in ihrer unmittelbaren Nähe ein schnuckeliges zuhause. Während Fridolin schon die Räumlichkeiten plante, gefiel es Riekchen dort gar nicht.
In den bereits belegten -einzelnen Unterkünften befand sich ein eher neureiches Völkchen, von dem beide Verliebten nur von oben herab angesehen wurden. Riekchen meinte nach reichlich -weiblicher Überlegung , dass sie doch beide in einer Mehrgenerationen Gemeinschaft groß geworden seien. „Ich will Räumlichkeiten wie ich es gewohnt bin -in der wir ebenfalls inmitten einer großen Kinderschar leben können“, sagte sie einige Tage später energisch ihrem Fridolin. Fündig geworden, entschieden sie sich schließlich für einen, im Parterre befindlichen, renovierungsbedürftigen Altbau. Verwandte und Freunde halfen beim Umbau und anschließend beim Umzug.
Stolz und voller Freude hatte Rieke ihr eigens bemaltes Schild, „hier lebt und liebt Familie Borke“ begutachtet und Friedolin gebeten, es heute früh an die Haustür zu schrauben.
Warum musste ausgerechnet heute der Harvester kommen, den Wald roden und damit ihren Traum vom eigenen Leben zerstören?