Der Froschkönig
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 27.08.2024, 08:25
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Der Froschkönig - Eine fast unglaubliche Geschichte über eine zauberhafte Liebe
Was wollte er von ihr? Um ihre Dankbarkeit zu zeigen, solle sie ihm gestatten, sich zu ihr ins Bettchen zu legen? Und das nur, weil er ihre geliebte Goldkugel aus dem Brunnen gerettet hatte und sie in ihrer Not leichtsinnigerweise das Versprechen gegeben hatte, dass er sich zur Belohnung in ihrem Bett an ihre Seite legen dürfe? Welch freches Ansinnen, welche Anmaßung!
Einzig auf das keinen Widerspruch duldende Geheiß ihres Vaters fand sie sich schließlich widerstrebend dazu bereit, ihn vom Boden aufzuheben. Als sie sich nach ihm bückte und mit spitzen Fingern das glitschige, pulsierende Tier ergriff, packte sie jedoch ein solch unwiderstehlicher Ekel, dass sie den zappelnden, sich an ihre Finger klammernden, feuchtwarmen Frosch voll tiefsten Widerwillens heftig an die mit zartrosa Tapete verzierte Wand ihres jungfräulichen Mädchenzimmers warf.
Wie groß war ihr Erstaunen, als plötzlich ein gutaussehender Jüngling in einem blaugrünen Samtanzug und ebensolchen blaugrünen, enganliegenden Stiefeln aus gefärbten Eidechsenleder vor ihr stand und ihr sagte, dass er ein verzauberter Prinz sei. Ihr kühner Wurf an die Wand habe ihn aus seinem, von einer bösen Hexe angezauberten Froschkörper befreit. Mit seiner leicht rauen Stimme bekannte er, dass er sich bereits beim Brunnen, wo sie ihre goldene Kugel verloren hatte, unsterblich in sie verliebt hätte und es sein Herzenswunsch wäre, sich mit ihr zu verehelichen. Sein Vater, der König von Aquarica, sei sehr reich und würde es sicher begrüßen, wenn er sie als Braut in sein Königreich heimführte.
Zunächst stand sie starr vor Schreck. Dann aber fand sie doch Gefallen an dem schmucken jungen Burschen mit dem etwas zu breit geratenen Mund und den gelb gesprenkelten Augen. Nach einigen Überlegungen und auf eindringliches Zureden ihres Vaters, der seine jüngste Tochter gern gut versorgt gesehen hätte, ging sie auf den Antrag des Prinzen ein.
Jedermann war von der Zuvorkommenheit und Höflichkeit des Prinzen beeindruckt. Auch sie war von seinem überaus freundlichen Wesen durchaus entzückt, obwohl sie bisweilen die Vermutung einer gewissen Andersartigkeit des Prinzen nicht ganz unterdrücken konnte.
Ihrem betagten Vater, dem durch sein eigenes ungeschicktes Wirtschaften nur ein kleines Vermögen verblieben war, schien der reiche Prinz ein geeigneter Gemahl für seine jüngste Tochter zu sein. Ihre älteren Geschwister waren schon lange verheiratet, die Mutter vor Jahren verstorben und der Vater war es leid, dass sie einen nach dem anderen ihrer vielen Bewerber einen Korb gegeben hatte. Er selbst hatte sich schon nach einer jüngeren und reichen Frau umgesehen und beabsichtigte, sich in Kürze wieder zu vermählen, wollte aber seine Tochter vorher versorgt wissen. Ein Zufall hatte diesen jungen, reichen Prinzen in sein Schloss geführt hatte und, welch ein Glücksfall, er hatte sich unsterblich in seine jüngste Tochter verliebt.
„Etwas Besseres wirst Du niemals finden!“, redete der Vater seinem noch unentschlossenen Töchterchen zu.
Sie aber fühlte noch ein gewisses Unbehagen an seiner Person. Ein unbestimmter Zweifel an seiner Gestalt und seinem Verhalten blieb.
Die Hochzeit des jungen Paares sollte in der Heimat des Prinzen stattfinden. Der König hatte sich jedoch aufgrund eines Sturzes von seinem temperamentvollen Pferd Aurelio ein Bein gebrochen. Somit war er nicht reisefähig und konnte seine Tochter nicht in das ferne Reich des Bräutigams begleiten. Schweren Herzens ließ er sein Prinzesschen, nur begleitet von einigen seiner treuesten Bediensteten, in die unbekannte Ferne ziehen.
Erst auf dieser Reise erkannte die junge Frau allmählich die seltsamen Gewohnheiten und das überaus befremdliche Gehabe ihres Bräutigams.
Wenn er sie herzen wollte, sprang er ihr auf den Rücken und drückte sie an sich. Sie aber wollte ihn von Angesicht zu Angesicht sehen. Als sie ihm das sagte, löste er sich von ihr und schaute sie mit seinen gelbgesprenkelten Pupillen betroffen an. In einem Anflug von Trauer schloss er die Augen, wobei es schien, als ob sich die Lider nicht wie bei einem normalen Menschen von oben über den Augapfel legten, sondern als kämen sie von allen Seiten wie bei einer Linse zusammen. Ein schmales Rinnsal seiner Tränen floss seine bläulichen Wangen herab.
„Liebst Du mich?“, fragte er sie und schaute sie mit seinen leicht hervortretenden Augen begehrlich an.
„Schon“, meinte sie, „aber ich kenne Dich ja kaum, Liebe braucht ihre Zeit.“
Er nickte bedeutungsschwer und ging mit seinem leicht schwankenden Gang vor ihr her. Seine Oberschenkel waren stark nach außen gewölbt, als hätte er bereits als Junge Pferde zugeritten. Am Abend als er seine blaugrünen engen Stiefel aus gefärbtem Eidechsenleder auszog und sie seine schmalen Füße bewunderte, sah sie zu ihrem Erstaunen, dass er nur drei sehr langgezogene Zehen hatte. Als er ihre überraschten Blicke sah, zog er rasch andere Schuhe an.
„Es scheint, dass mir ein paar Eigenarten aus der Zeit meines Froschdaseins geblieben sind“, meinte er leichthin und betrachtete aufmerksam eine Fliege an der Wand. Dann küsste er sie mit seinen kühlen Lippen zärtlich auf den Mund und sie fühlte, wie seine lange schmale Zunge mit ihrer Zunge spielte.
Sie aber begann, ihn mit anderen Augen anzusehen. Sollte seine Metamorphose noch gar nicht endgültig abgeschlossen sein? War er vielleicht doch kein richtiger Mensch?
Dieser Jüngling war anders, als er sich gab. Ihr schien, als sei dieser Prinz nicht wie sie aus menschlichem Fleisch und Blut. Je länger sie ihn beobachtete, umso mehr fielen ihr Dinge an ihm auf, die ihr fremdartig vorkamen.
Wie hatte sie sich nur so blenden lassen? Warum hatte sie den Wunsch ihres Vaters befolgt und nicht auf ihr eigenes Gefühl gehört?
Das Herz wurde ihr schwer. Aber sie waren schon viele Tagesritte vom Schloss ihres Vaters entfernt. Ein Umkehren wäre unmöglich. Sie fügte sich zunächst in ihr Schicksal.
Am nächsten Tag sagte er zu ihr: „Heute Abend erreichen wir mein Schloss. Du wirst sehen, mein Liebes, es wird Dir gefallen. Es ist ein schönes Wasserschloss, aber Du musst Dich nicht fürchten. Du kommst trockenen Fußes über die Brücke ins Schloss.“
Am späten Nachmittag erreichten sie tatsächlich das Schloss des künftigen Prinzgemahls. Schon von weitem leuchteten die Türme über dem Eingang in einem lichten Blaugrün. Die Sonne schien auf das Wasser im Schlossgraben und zauberte flirrende Lichtwirbel auf die weißen Steine.
Als sie näher kamen, füllte sich die Luft mit einem langsam ansteigenden monotonen Klang. Ja, ja, jetzt hörte sie es ganz genau: Quak, Quak, Quak. Als sie bei der Brücke des Schlosses ankamen und sie in den darunterliegenden Wassergraben schaute, sah sie unzählige Frösche, deren Quaken sich bei ihrem Anblick zu einem ohrenbetäubenden Crescendo steigerte.
„Wo hast Du mich hingeführt?",fragte das Prinzesschen ihren Bräutigam, einer Ohnmacht nahe.
„Beruhige Dich, meine Herzallerliebste. Das sind nur die in Frösche verzauberten Jünglinge, die am Hofe meines Vaters dienten. Auch sie wurden von der bösen Hexe in Frösche verzaubert. Sie haben lange auf Dich gewartet. Ich hatte ihnen fest versprochen, dass ich Dich herbringen würde, sobald ich meine Menschengestalt wieder zurückgewonnen hätte, denn Du, meine Liebe, wirst sie mit Deinen Küssen von ihrem Froschdasein erlösen.“