Die Farben eines Tages
Von
annagreta49
Mittwoch 07.08.2024, 17:04
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annagreta49
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»Guten Morgen, lieber Morgen,
bist du auch schon wieder da.«
Ein neuer Tag drängelt sich schleichend in mein Leben. Heute vermisse ich die rosaroten Brillengläser und stehe viel zu lange vor dem Spiegel.
Er bildet mich gnadenlos ab.
Graues Haar bedeckt mein Haupt, braune Flecken meine Stirn. An den Augenwinkeln bilden sich tiefe Linien. Oberhalb der Lippe sehe ich `Katzenfalten´, die Haut am Dekolleté zeigt Knitterfalten. Der weiße Körper, nicht mehr straff, verrät sein Alter.
Im uralten Baum vor dem Fenster sammeln sich schwarze Nebelkrähen mit hörbaren Krah-Rufen. Mir fehlt der freudige Blick für die ersten Rosenknospen in meinem Garten wie auch himmelwärts zur blassen Morgensonne.
Auf dem Küchentisch stapeln sich bunte Werbeblätter. Daneben liegt ein Briefumschlag mit schwarzem Rand, darauf mein Name mit blauer Tinte geschrieben.
Das Frühstück fällt heute schmal aus. Der Toast wurde zu braun, die rote Marmelade beginnt zu gären, wie auch frische Kaffeesahne in meinem Kühlschrank fehlt.
Ich werde gleich die grauen Hausschuhe mit farbigen Pumps tauschen. Zuvor entscheide ich mich für Dessous mit champagnerfarbener Spitze, lege die Halskette in bicolor um, ziehe das hellgelbe Kleid an, schminke meine Lippen purpurrot, hänge die warme Kaschmirjacke über meine Schultern, greife zum Haustürschlüssel und schlendere hinaus in eine morgendliche Frische.
Einmal mehr gewöhnen sich meine Augen an die Farben des Tages.
Auf der anderen Straßenseite sehe ich den weißhaarigen Nachbar, der mit seinem braun gescheckten Hund die gewohnte Runde geht.
Am Straßenrand stehen volle Mülltonnen mit blauen wie auch braunen Deckeln. Davor liegt achtlos hingeworfen ein leerer Pappbecher.
Hier und da entdecke ich in den Rillen der grauen Pflastersteine den gelb blühenden Löwenzahn. Für einen Moment verweilen meine Augen in den Vorgärten, folgen den huschenden Blaumeisen, erfreuen sich an violett blühenden Fliederblüten wie auch rosarot farbigem Weißdorn.
Über mir höre ich den Flügelschlag der Brieftauben, sehe, wie sie in Schlagnähe ihre Kreise fliegen, kann mich nicht loseisen, zumal in weiter Ferne noch ein bunter Heißluftballon am Himmel entlanggleitet. Stehenden Fußes werde ich von ihren Flugfreiheiten beseelt. Sanft streichelt der Wind mein Gesicht, fordert mich auf, einmal mehr hochzuschauen, zeigt mir sein Spiel mit den zart weißen Federwolken, treibt sie ruhelos vor sich her und verleiht ihnen bizarre Formen.
Langsam lösen sie sich auf. Sie entschwinden in der azurblauen Weite. © annagreta49