Die Nosferatu Spinne
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 19.11.2024, 08:44
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Die Nosferatu-Spinne
Gestern, nächtens um drei Uhr, auf dem Weg zur Toilette, sah ich einen großen schwarzen Punkt, der sich zielstrebig auf der im leichten Wind wehenden weißen Gardine meines Schlafzimmers fortbewegte. Eine Riesenspinne! Für mich der schlimmste aller vorstellbaren Albträume.
Und immer, wenn es um die wirklich elementaren Dinge des Lebens geht, war mein Ehemann nicht greifbar, sondern weilte auf einer Geschäftsreise im fernen Mexiko.
Nur unter Aufbietung aller Kräfte unterdrückte ich einen lauten Schrei und raste mit frenetisch klopfendem Herzen in die Küche, wo ich mir eine größere Alu-Schüssel griff. Mein Versuch, die Spinne von der Gardine auf den Boden zu schlagen und dort die Schüssel über sie zu stülpen, schlug fehl. Erstens war sie zu schnell und darüber hinaus auch strategisch gewitzt, denn sie versteckte sich in den Falten der Gardine und verwehrte mir so den schnellen Zugriff. In meiner Panik wedelte ich so heftig mit den Stores und Vorhängen, dass schließlich die gesamte Hängevorrichtung aus der Wand brach und zu meiner größten Überraschung mit einem lauten Krachen zu Boden fiel. Gardinen und Vorhänge samt Stangen lagen am Boden und meine Fenster waren für alle Blicke geöffnet. Nur eine leere Stange hing haltlos in der baumelnden Fassung, quer über beide Fenster und drohte jeden Augenblick herunterzufallen.
Ich hatte keinen Blick für das Chaos, das ich angerichtet hatte, denn auf einmal sah ich die Spinne vor mir auf dem Boden. Sie konnte aber wegen des hochflorigen Teppichbodens nicht so schnell laufen. Mein Herz raste und ich stand kurz vor einem Herzinfarkt, als ich es doch schaffte, die Metallschüssel über das Biest zu stülpen. Zur Sicherheit holte ich noch das kiloschwere, vom verstorbenen Schwiegervater selbstverfasste Standardwerk über seine Erfahrungen mit der ‚Nebeltruppe im Zweiten Weltkrieg‘ und platzierte es über die Schüssel. Dann legte ich mich zitternd vor Angst und Aufregung wieder ins Bett. Der Schlaf wollte und wollte nicht kommen. Irgendwann muss ich dann aber doch eingeschlafen sein.
Als ich am frühen Morgen erwachte, galt mein erster Gedanke der Spinne. Zur Vorbereitung ihrer Gefangennahme entledigte ich mich meines langen, weit schwingenden Nachthemds und zog die engsten aller meiner Jeans an, aus Furcht, die Spinne könne mir unter die Wäsche gehen und ich das Haus mit meinen lauten Schreien aus seiner Beschaulichkeit wecken. Dann nahm ich ein Schraubglas und ein festes Kartonstück und lüftete vorsichtig die Schüssel. Keine Spinne zu sehen. Jetzt bemerkte ich, dass sie sich an den inneren Rand der Alu-Schüssel festgeklammert hatte. Ich schlug die Schüssel auf den Teppichboden. Und, da war sie! Eine prächtige braune Spinne mit mindestens sechs cm Länge. Blitzschnell drückte ich das Einmachglas über sie, schob den Karton unter das Glas, drehte es um und schüttelte es, bis die Spinne am Boden lag. Erleichtert schraubte ich den Deckel auf das Glas und betrachtete sie mit wachsendem Grausen. Dann machte ich ein Foto und schickte es meiner Freundin Malu, einer Lehrerin, die auch Biologie unterrichtet und ebenfalls eine ausgemachte Spinnenhasserin ist. Sie antwortete sofort. Das sei eine Nosferatu-Spinne und daher leicht giftig. Ich solle sie unbedingt töten.
Und da kommen wir zu einer dummen Sache, dass ich Spinnen zwar fangen, aber nicht töten kann, es sei denn, sie greifen mich an, haha. Ich meine, mich hätte vor längerer Zeit im Keller meiner Eltern einmal eine besonders dicke schwarze Spinne hörbar angezischt und zwei ihrer Vorderbeine in Abwehr gegen mich erhoben, bevor ich sie unter einem Glas fangen konnte. Vielleicht hat mir mein aufgeregtes Gehirn das aber nur vorgegaukelt.
Dann rief ich meine Schwester an und fragte nach einer anderen Möglichkeit, sie aus dem Weg zu schaffen. Sie riet mir, die Spinne mitsamt Glas in die Tiefkühltruhe zu geben. Das tat ich. Ich hoffte, dass die Spinne, ausgestattet mit nur einem einfachen Nervensystem, den Übergang vom Leben in einen alternativen Zustand beim langsamen Hinwegdämmern nichts von alldem mitbekäme. Da lag sie nun zwischen Eiswürfeln und tiefgekühltem Fisch und Gemüse und harrte des kommenden Todes, der, so beschwichtigte ich mein schlechtes Gewissen, beim Erfrieren sehr schonend sein soll.
Nach drei Stunden holte ich sie aus dem Gefrierfach. Beim leichten Schütteln des Glases stellte ich fest, dass sie zu Eis gefroren war und leise klirrte. Ihr waren ein paar Beine abgefallen. Oh du lieber Gott, was habe ich mich an dieser unschuldigen Kreatur versündigt! Sie suchte einfach nur einen Platz zum Überwintern und ich war so hartherzig, ihr die Zuflucht zu verweigern.
Am Nachmittag verließ ich das Haus, um die Spinne im Grünen zu entsorgen. Vorher wollte ich noch in meinen Postkasten schauen. Mein Vermieter, der gerade von einem Spaziergang zurückgekommen war, stand neben mir, als ich den Kasten öffnete und zu meinem Entsetzen eine große dunkelbraune Spinne sich darin bewegen sah. Schon wieder eine Nosferatu-Spinne! Ich ließ einen hysterischen Schrei los. Der Hausherr zuckte erschrocken zusammen und sagte, dass ich bei seinem Anblick doch nicht schreien müsse und meine Reaktion stark übertrieben sei. Ich musste ihn erst auf die Spinne aufmerksam machen. Er versuchte, sie mit einem Werbeprospekt zu verscheuchen. Da sprang sie voller Panik aus dem Postkasten, segelte zu Boden und verkroch sich irgendwo. Wo die Spinne jetzt ist, ich weiß es nicht. Vorsichtshalber holte ich das Glas mit der toten Spinne aus meiner Handtasche, um sicherzugehen, dass sie nicht auf wundersame Weise wieder zum Leben erweckt worden war und sich in meinem Postkasten niedergelassen hatte. Nein, sie ruhte still auf dem Boden des Glases. Ich habe sie dann in unserem Vorgarten unter dem schönen Ginkgobaum in die ewigen Gefilde entlassen und ein kleines Ave-Maria gebetet. In den folgenden Wochen habe ich jedenfalls meine Post nur mit äußerster Vorsicht aus dem Kasten geangelt.
Die Kosten des Einbaus der neuen Hängevorrichtung für die Gardinen betrugen übrigens mehrere hundert Euro. Ich wollte dieses Mal eine luxuriösere und stabilere Ausstattung für das Schlafzimmer. Mein Mann schüttelte nur mit dem Kopf. Aber wenn ich darauf bestünde, dann müsse ich mich auch erkenntlich zeigen, meinte er. Dabei schaute er mich mit einem Augenzwinkern an. Ich klimperte mit den Augendeckeln und warf ihm ein Bussi zu. „Mal sehen, was du zu bieten hast.“