Die Opferung
Von
billyblue
Montag 30.09.2024, 12:50
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billyblue
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Eine Woche war Tom nun schon auf seinem Truck unterwegs. Die endlosen Highways erstreckten sich schnurgerade bis zum Horizont. Es war ermüdend. Ab und zu kam ihm ein Kollege entgegen, und er grüßte ihn pflichtbewusst mit der Lichthupe. Im Radio, das auf den Country Kanal HWKB eingestellt war, dudelte „Hank Snow -Married by the bible, divorced by the law“. Die Zeiten ändern sich, auch vor Gott geschlossene Ehen können scheitern. Die Ehefrauen waren nicht mehr auf den „Ernährer“ angewiesen und konnten selbst über ihr Leben entscheiden.
Tom war ein Mann in den besten Jahren. Er hatte immer noch einen Schlag beim weiblichen Geschlecht. Seine Ehe hinderte ihn allerdings nicht daran, frustrierten Frauen, die ihrer Männer überdrüssig waren, Abwechslung in deren Eheleben zu verschaffen. Im Kopf war er seiner Frau treu, diese Art von Abwechslung konnte man nicht gut „fremd gehen“ nennen. Eigentlich war es doch eine gute Tat. Früher war er sehr religiös. Jahrelange Indoktrinierung durch die Sonntagsschule hatte ihre Spuren hinterlassen. In seinem Elternhaus gab es nur ein Buch, die Bibel. Sie hatte starke Gebrauchsspuren. „Ich wette“ dachte er so bei sich, „mein Vater kannte sie auswendig. Man brauchte nur einen Vers beginnen und schon konnte er diesen beenden.“
Tom hatte früh geheiratet und einen Sohn gezeugt, der sein ganzer Stolz war. Die Fahrt wurde immer eintöniger, er döste vor sich hin. Eigentlich fuhr nur noch sein Unterbewusstsein. Plötzlich ertönte eine Stimme „Tom!“. Erschrocken wurde er sofort hellwach. Was war das? Er war doch ganz allein im Truck. Sollte sich einer seiner Kumpels einen Scherz mit ihm erlaubt und einen Sender installiert haben? An PSI Kräfte glaubte er nicht, Telepathie wäre auch zu weit hergeholt. Es blieb ruhig, und er fuhr weiter, diesmal voll konzentriert.
„Hallo Tom“ hörte er wieder. „Ich bin es, Gott“. Langsam werde ich verrückt und höre Stimmen. Er wird doch nicht wie Onkel Herb werden, der hat auch Stimmen gehört vor seiner Einlieferung.
„Nein Tom, ich bin es wirklich. Nach all den Äonen wird es auch für mich Zeit, etwas Abwechslung zu bekommen. Ich bin aus dem Zusammenschluss von Geisteswesen entstanden und seit dieser Zeit allein.“
„Ok, wenn ich nicht verrückt bin, muss ich dich akzeptieren, aber warum hast du ausgerechnet mich ausgesucht?“
„Einfach Zufall, dass es dich getroffen hat. Da ich ja angeblich alles weiß habe ich deine Zweifel an meiner Existenz aufgefangen. Wenn du so lange allein im Raum existiert hättest wie ich, würde dir etwas Abwechslung auch gut tun.“
„Das ist ein guter Witz. Einer der alles weiß will wetten. Da habe ich doch keine Chance, außerdem finde ich sowas suspekt. So wie Hiob bei deiner letzten Wette bin ich nicht, erst alles nehmen und dann belohnen, das ist unmenschlich. Du bist doch angeblich ein Gott der Liebe. Außerdem woher kommt der Satan, wenn du doch die ganze Zeit allein warst?“
„Der Teufel ist eine Inkarnation von mir, um etwas Gesellschaft zu haben. Du würdest es vielleicht schizophren nennen. Warum soll ich ein Gott der Liebe sein? Nur weil mein Sohn, übrigens auch eine Inkarnation von mir, den Wahn hatte, er müsse die Welt von den Sünden erlösen? Er hat es durchgezogen, das muss man ihm lassen. Ich hatte von Anfang an große Zweifel daran, dass er das durchhalten wird. Einen Tag auf dem Höhepunktdurch den triumphale Einzug in Jerusalem, Zwei Tage später der Tod am Kreuz. Seine letzten Worte waren, „mein Gott warum hast du mich verlassen“, ja warum wohl, es war doch seine eigene Entscheidung und laut euren Theologen habe ich euch den freien Willen gelassen. Die mussten jetzt natürlich was erfinden und kamen auf die Theodizee Frage. In the Darkages (wir sind ja in den USA) gab es sogar eine Diskussion, wieviele Engel passen auf eine Nadelspitze? Soweit zu den Theologen.“
„Ok, was schlägst du vor?“
„Du kannst dich doch sicher noch an Abraham erinnern, der sollte seinen Sohn opfern, nur weil ich es wollte. Im letzten Augenblick kam ich noch zur Besinnung und habe das verhindert. Dann wollen wir mal sehen wie weit du gehen wirst. Ich wette mit dir, dass du deinen Sohn opfern wirst, wenn du dadurch das ewige Leben erlangen kannst.“
„Bist du verrückt? So was geht doch gar nicht, das wäre eine Todsünde“
„Sünde, was ist schon Sünde? Im Buddhismus gibt es den Begriff überhaupt nicht. Es gibt doch nur Taten, die jeder einzelne Mensch vor sich verantworten muss. Die Einen haben mehr und die Anderen weniger Skrupel. Das ist individuell verschieden. Letztendlich kommt es darauf an, was den größten Nutzen bringt. Du hast jetzt Zeit bis du nach Hause kommst“ Damit verstummte er.
Mein Gott, das kann doch alles nicht wahr sein. Hat er das alles geträumt? War er verrückt geworden? Nein, wahrscheinlich nicht, es fühlte sich alles so real an. Er könnte seinem Sohn nie etwas antun, seinem eigenen Fleisch und Blut, nein unmöglich. Der unschuldige Kerl. Sein ganzes Leben lag noch vor ihm. Er ist ein toller Footballspieler, sogar Quarterback in der Schulmannschaft, spielt perfekt Orgel. Am Independence Day durfte er immer vor dem großen Auditorium die Nationalhymne Star Spangled Banner spielen. Beim Üben kam dann schon mal die Version von Jimmi Hendrix durch. Auch sonst war er ein Ass in fast allen Fächern. Eine goldene Zukunft lag vor ihm. Diese sollte er ihm nehmen? Nein und nochmals nein!
Der nächste Tag, nur noch wenige Stunden bis nachhause. „Das ewige Leben hätte schon was, keine Angst mehr vor dem Tod zu haben? Was wäre, wenn ich das erreichen könnte? Es reizt mich schon, das hätte ich nicht erwartet. Aber deswegen ein Leben zu opfern, wäre schon ein hoher Preis.“
Seine Bedenken wurden immer größer je näher er seiner Familie kam. Was soll es, die Belohnung lockte unwiderstehlich.
Er schloss die Tür auf und begrüßte seine Frau und Linus. Wie sollte er es anstellen, ohne seinem Kleinen Schmerzen zu zufügen? Nach dem Abendessen ging er mit ihm auf sein Zimmer. Vorher hatte er seine Pistole aus der Schublade geholt und in die Hosentasche gesteckt, aber so, dass sie von außen nicht sichtbar war.
„Linus, ich habe dir etwas zu sagen. Ich liebe dich von ganzem Herzen aber jetzt muss ich etwas machen, was ich nie für möglich gehalten habe. Hab keine Angst, es schmerzt nicht. Er holte das Schießeisen aus der Tasche und hielt die Mündung an seine Stirn. Linus war starr vor Schreck und brachte keinen Ton heraus. Sein gesamter Körper zittert. Ein Schrei zerriss die Stille. Maryrose stürzte auf Tom zu: Nein Tom, was machst du?“ Ein Handgemenge folgte. Plötzlich löste sich ein Schuss, sie sank blutüberströmt zu Boden. Tom kam zu sich. „Was habe ich nur getan? Das wollte ich doch nicht.“ Zu spät, das Schreckliche war bereits geschehen und ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Linus hatte die Gelegenheit genutzt. Und war aus dem Raum gestürzt, um den Sheriff alarmieren: „Kommt schnell, mein Vater hat meine Mutter umgebracht“. Drinnen saß Tom, hemmungslos weinend auf dem Boden, die sterbenden Maryrose im Arm. Draußen hört man bereits die Sirenen, das Blinklicht der Streifenwagen erhellte kurzfristig die Dunkelheit. Tom ließ sich widerstandslos festnehmen. Die Jury erklärte ihn für schuldig. Der Richter betonte die besondere Heimtücke des Mordes und verurteilte ihn zu lebenslang.
Da saß er nun in seiner Zelle, die von nun an sein gesamtes Leben sein sollte. „Was habe ich nur getan“ Plötzlich ertönte wieder die Stimme in seinem Kopf „Hallo Tom, alle Achtung. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass du so weit gehen würdest. Du hast zwar nicht ganz die Wette erfüllt, aber ich gewähre dir trotzdem das ewige Leben.“