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Die unheilige Familie

Von billyblue Montag 23.12.2024, 12:46 – geändert Montag 23.12.2024, 12:52

„Langsam flipp ich aus, schon wieder alles belegt. Ich will ein Zimmer haben und nicht nur Absagen“
„Hättest ja was reservieren können.“
„Jetzt fällst du mir noch in den Rücken, wer sollte denn ahnen, dass hier in dem kleinen Ort so viele übernachten wollen? Seit wir die Bundeskanzlerin Weidel haben ist alles anders geworden. Ob zum Guten oder Schlechten sollte jeder selbst entscheiden. Wahrscheinlich trifft sie den Kern vieler
Wähler, sonst hätte sie nicht schon die dritte Amtsperiode. Weil sie sich mit ihrem Kumpel Trump einig ist, sind digitale Wahlen nur ein Einfallstor für Fälschungen, also musste das Rad der digitalen Stimmabgaben wieder zurückgedreht werden, jeder muss persönlich erscheinen. Das mag ja bei Kommunalwahlen gehen aber doch nicht bei einer Volkszählung. Viele sind doch mittlerweile in der gesamten Republik verstreut. Wer sollte denn auch so was Unwichtiges manipulieren? Etwa Putin? Der ist doch ihr bester Freund und Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj (ein toller Name) sitzt doch irgendwo in Sibirien in einem Gulag.“
„Was kann ich für deine Versäumnisse? Ich hätte auf meine Mutter hören sollen.““ Wenn schon einer Kevin heißt kann doch mit dem Mann nichts los sein, hat sie immer gemeint.“ Hätte ich doch nicht im März auf der Party so viel getrunken, ich wäre nie mit dir im Bett gelandet. Jetzt haben wir den Salat, ich bin im neunten Monat schwanger! Dann noch diese Reise, kein Zimmer, irgendwie habe ich die Schnauze voll. Winter, Weihnachten, obdachlos, hochschwanger, mehr kann das Leben wohl nicht bieten. Ich will wieder heim in unsere warme Wohnung“
„Stell dich nicht so an Maria. Einmal nicht die behütete Tochter und den „Unbilden“ der Realität ausgesetzt zu sein, wirst du schon überleben.“
„Ja, ja, du hast gut reden, du hast keinen dicken Bauch und du leidest nicht an Übelkeit.“
„Jetzt gib Ruhe, da vorne ist noch ein Gasthof. Er sieht nicht besonders einladend aus, aber mittlerweile bin ich so weit, auch in einem Loch unterzukommen, Hauptsache ein Dach über dem Kopf.“
Kevin und Maria starten einen neuen Versuch. Es handelt sich wohl um den Dorfgasthof. Hinter dem Tresen steht ein dicker Wirt.
„Hallo, ich habe eine vermessene Bitte, wäre es möglich, dass Sie noch ein Zimmer frei für uns hätten. Es braucht nichts exklusives zu sein, nur 4 Wände und ein Dach, durch das es nicht rein regnet.“
Der Wirt grinst: „Doch es ist vermessen. Wissen Sie überhaupt was überall los ist? Die Kanzlerin hat doch in diesen Tagen befohlen, dass sich Jeder in seiner Geburtsstadt registrieren solle. Das ist zwar schon vor 2.000 Jahren schief gegangen, aber anscheinend ist es schon zu lange her, als dass man daraus hätte lernen können. Ein Zimmer kann ich Ihnen zwar nicht bieten, aber oben auf dem Dachboden hätte ich noch einen Verschlag. Der ist zwar nicht ganz billig 250 €. Ich stell Ihnen noch einen Heizofen auf, Toilette ist ein Stockwerk tiefer. Was Besseres werden Sie heute Nacht nicht finden.“
Zähneknirschend willigte Kevin ein, Maria wurde nicht gefragt. Mühsam erklommen sie die uralte, steile, knarrende Treppe und schauten sich das Luxusapartment an. Ein schmales Bett, eine Ablage für den Koffer und ein paar große Nägel an der Wand. Daran sollte wohl die Kleidung aufgehängt werden. Besser die, als sich selbst vor lauter Verzweiflung. Einfach nur traurig, so was dürfte es im 21. Jahrhundert nicht mehr geben. Wahrscheinlich kommt nach dem Lichtlöschen eine Armee von Ungeziefer aus den Ritzen hervor um sie zu peinigen. Jetzt fehlte nur noch, dass ein Ochse und ein Esel zur Tür hereinschauen würden. Sie machten es sich so bequem wie möglich, was bei den begrenzten Möglichkeiten nicht schwer war. Komfort gab es ja nicht. Eine Wasserflasche hatte der Wirt noch großzügig gespendet. Knabbereien hatten sie noch im Handgepäck, das frugale Mahl konnte beginnen. Nach einer Weile wurden die Augenlieder schwer und sie kuschelten sich auf der schmalen Pritsche zusammen. Bei Marias dickem Bauch war das gar nicht so einfach. Plötzlich ein Schrei. Kevin fuhr hoch. Maria war die Ursache des Geräusches.
„Kevin, es geht los. Die Fruchtblase ist geplatzt.“
Kevin war hilflos, völlig überfordert. Was sollte er machen? Eine Geburt hatte er noch nie live erlebt. Zum Glück hatte er noch ein Handy. Alles was ihm einfiel war die Nummer 112.
„Guten Abend, hier ist die Notrufzentrale. Mein Name ist Oliver Piepenburg, was kann ich für Sie tun?“
„Schnell, schnell, schicken Sie jemand, ich glaube bei meiner Frau hat gerade die Geburt begonnen“
„Nicht so aufgeregt, dass kommt doch oft vor und ist kein Unglück. Wie heißen Sie und wohin sollen wir kommen?“
„In den Westfälischen Hof, dort haben wir ein Zimmer. Mein Name ist Kevin Krassnitzer“
„Ok, es kann sich allerdings etwas verzögern, durch die Volkszählung gibt es ein starkes Verkehrsaufkommen.“ danach wurde aufgelegt.
In der Zwischenzeit stöhnte Maria laut auf. Kevin legte ihr eine Decke unter. Was hatte er noch in Erinnerung? Er schaute auf YouTube nach. Da kann man alles lernen. Also heißes Wasser, woher sollte das hier oben herkommen. Er schrie nach unten, nach dem Wirt. Es dauerte, aber schließlich hörte er ihn die Treppe hoch schnaufen.
„Los, los, ich brauch heißes Wasser und Handtücher. Bei Maria haben die Wehen eingesetzt. So schnell wie man es dem Dicken gar nicht zugetraut hätte, machte der kehrt. Nach einer Weile kam er mit einer Schüssel und einer großen Kanne heißem Wasser wieder zurück, im Schlepptau folgte seine Frau. Kevin war erleichtert, so fiel ihm nicht die ganze Verantwortung zu. Er setzte sich hinter Maria und hielt ihren Kopf. Die Wirtin sprach beruhigend auf die Schwangere ein, gab ab und zu die Anweisung: „Pressen, pressen, ja das machst du gut“
Dann war das Kind da, mit einem lauten Schrei begrüßte es die gar nicht so tolle Welt. Es war ein Junge, Sie würden ihn bestimmt nicht Jesus nennen. Die Parallelen waren zwar nicht zu übersehen, aber man war im Deutschland der Kanzlerin Weigel und nicht in Spanien.
Mittlerweile waren auch die Sanitäter die Treppe hochgepoltert. „Alle Achtung“ kam von dem einen, „das habt ihr gut gemacht.“ Sie schnallten die Mutter und den Neubürger auf eine Trage und brachten sie in die nächste Klinik. Nach einer Erstversorgung ging es den Beiden wieder gut. Zum Glück waren nicht alle Ärzte in ihre Heimat zurückgekehrt.
So kommt man doch noch zu einem sauberen Zimmer.

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