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Die Wilde

Von billyblue Samstag 09.11.2024, 19:54 – geändert Montag 11.11.2024, 20:01

Es war ein sonniger Wintertag. Paul saß in seinem Wintergarten, blickte auf seinen Garten. Es war trotz der Sonne kühl und er hatte sich in eine Decke gehüllt. In seiner Hand hielt er zum Aufwärmen ein Glas Glühwein. Bis auf den Alkohol war es fast wie in seiner Kindheit. Es kann natürlich sein, dass sich seine Erinnerungen im Laufe der vielen Jahre etwas positiver gefärbt haben, als sie sich in Wirklichkeit abgespielt haben. Angeblich soll das Gehirn die negativen Erinnerungen langsam ausblenden und nur noch das Angenehme übrigbleiben. Er schaute durch die Glasscheiben, geschützt vor der Kälte, auf seinen Garten, der mittlerweile etwas bizarr aussah. Das satte Grün hatte einem leichten Braun Platz gemacht. Nachdem er dieses Jahr den Gärtnern freie Hand gelassen hat, nutzten diese die Gelegenheit, um einen Kahlschlag zu verursachen. So hatte er aber freien Blick auf die Futterstelle der Vögel. Dort war ein kommen und gehen. Viele Arten pickten eifrig die Körner auf. Kohl- und auch Blaumeisen waren die häufigsten Gäste, sogar ein Dompfaff war zu sehen.
Paul schaute ihnen intensiv zu, langsam wurde sein Blick starr. Seine Gedanken schweiften ab und die Erinnerungen stiegen langsam in seinem Innersten empor. Monique kam ihm in den Sinn, eine schöne, wenn auch im Grunde genommene unerfüllte Liebe. Damals war ihm der Sex noch sehr wichtig gewesen. Das hat sich mit zunehmendem Alter doch sehr relativiert. Mittlerweile war ihm die Zärtlichkeit, das Geborgensein sowie die Streicheleinheiten verbunden mit intensivem Körperkontakt, viel wichtiger.
Bei einer der letzten Veranstaltungen durch Feierabend, war ihm eine Frau aufgefallen, gutaussehend, zwar nicht mehr ganz taufrisch aber doch sehr sympathisch. Was heißt schon „nicht mehr ganz taufrisch“. Auf Paul traf das natürlich auch längst zu. Wenn er sich so im Spiegel betrachtete, hatte sich sein äußeres Erscheinungsbild doch etwas gewandelt. Von ursprünglich 1,80 waren nur noch 1,76 m übriggeblieben, dafür stieg sein Gewicht von 63 Kg auf 73 Kg. Das war eben der Lauf der Zeit. Sein Schönheitsideal war mit der Zeit auch etwas, wie soll man das einfach ausdrücken, etwas fülliger geworden. Nicht mehr die Superschlanken, sondern die „Normalen“ waren ihm lieber geworden.
Irgendwie sprang seine Auserwählte nicht richtig auf seinen Smalltalk an, sie blieb einsilbig. Dann war das Treffen auch schon zu ende, Paul machte sich auf den Heimweg. Am selben Abend folgte dann der nächste Versuch, er schickte ihr eine Nachricht. Dann wartete er auf eine Antwort. Nichts geschah. Er wollte schon alles abhaken, doch 2 Tage später kam doch noch ein Lebenszeichen. Zwar nichts Weltbewegendes, aber immerhin etwas. Er gab nicht auf, langsam entwickelte sich ein kleiner Briefwechsel. Dabei stellte er fest, dass sie in vielen Dingen übereinstimmten z.B. in ihrem gemeinsamen Interesse für Musik und Bücher. Paul nannte immerhin eine Bibliothek von über 4.000 Büchern sein Eigen, da musste doch eine Gemeinsamkeit zu finden sein. Sein Musikgeschmack war zwar vorsichtig ausgedrückt etwas abseits des Mainstreams. Die Lieder schienen ihr trotzdem zu gefallen, wenn er mal einen YouTube-Link sendete. Man sah sich jetzt öfters über einen Videotalk, hatte dann immer das Gefühl, bei einem persönlichen Gespräch gegenüber zu sitzen.
Mittlerweile kam auch das Bedürfnis auf, sich persönlich zu treffen. So kam es dann zu ersten Verabredung. Nächsten Mittwoch gegen 15 Uhr in ihrer Wohnung. Ein gutes Zeichen, dass das Treffen nicht in einem anonymen Café stattfinden sollte. Am Mittwoch machte sich Paul auf den Weg. Das Navi wurde programmiert, über eine Stunde Fahrtzeit, ganz schön happig. Angekommen fand er sich in einer netten Straße mit viel Grün wieder und machte sich auf die Suche nach einem Parkplatz. Dieses entpuppte sich als etwas schwierig. Zum Glück fuhr gerade jemand fort, und mit etwas rangieren stand das Auto am Straßenrand. Nicht unbedingt so wie er es in der Fahrschule gelernt hatte, doch ganz annehmbar. Er suchte die auf seinem Zettel notierte Hausnummer, und stand dann schon vor einem Dreistöckigen Haus. Ihr Name stand ganz oben auf der Klingelleiste. Ihm rutschte das Herz in die Hose. Drei Stockwerke und natürlich kein Lift. Paul war froh, dass die Treppe ein Geländer hatte. Diese Tatsache hatte er in der letzten Zeit sehr zu schätzen gelernt. Dadurch konnte er seine Schenkel toll entlasten.
Auf dem Weg nach oben wurde er immer langsamer, die Beine dafür schwerer. Sein Atem ging stoßweise wie nach einem Hundertmeterlauf, doch schließlich schaffte er es und klingelte. Die Tür öffnete sich und da stand sie vor ihm in ihrer vollen Pracht, seine Angebetet, endlich. Zur Begrüßung fiel sie ihm um den Hals, drückte ihn fest und ihre kräftige Zunge raubte ihm fast den Atem. Langsam, langsam, ein alter Mann ist doch kein D-Zug mehr. Sie führte Paul ins Wohnzimmer an einen gedeckten Kaffeetisch. Es gab Mohnschnecken und Zitronenröllchen, seine Lieblingskuchen. Wieder eine Übereinstimmung, die allerdings ziemlich wichtig war, Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Er schaute ihr tief in die Augen und sie hielt dem Blick stand. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie stand auf, kam um den Tisch herum auf Paul zu. und umschlang ihm von hinten, wobei sie sich fest an ihn presste. Er machte sich frei und stand dann vor ihr. Sie umarmten sich, finge an mit Küssen, den Mund gegenseitig zu verschließen. Rosi nahm ihn bei der Hand, zog ihn ins Schlafzimmer, der Kaffee sollte ruhig kalt werden, es gab wichtigeres zu tun. Wieder eine Rosi, das musste damals ein Modenahmen gewesen sein, im Laufe der Zeit war das jetzt die Vierte. Schnell hatten beide sich ausgezogen und fielen ins Bett. Meine Güte, war sie noch beweglich, Alterssex hatte Paul sich eigentlich etwas ruhiger vorgestellt. Ihrer beider Atem ging immer schneller und dann war es vorbei. Erschöpft drehten sie sich auf die Seite. Es war einfach nur toll gewesen. Da hatte er sich doch bei der Suche nach Nr. 4 dauernd vergeblich versucht, diese Intimität herzustellen, heute hat es sich von ganz alleine ergeben. Eine Weile lagen sie noch still nebeneinander, dann ging es wieder zum Kuchen, der immer noch unberührt auf dem Tisch stand. Es wurde frischer Kaffee gebrüht, und sie ließen es sich schmecken.
Der Rest des Tages verging wie im Flug und es hieß leider Abschied nehmen. Aus der einen Stunde Fahrtzeit wurden dann fast die doppelt durch den täglichen Stau. Doch das war ihm völlig egal. Paul hatte dadurch mehr Zeit, die vergangenen Stunden noch mal gedanklich zu genießen.
Langsam wurde Pauls Blick wieder klarer und er tauchte aus den tiefen Erinnerungen wieder auf in die Realität.


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