Doktor Dralle ließ grüßen -
Von
optik
Samstag 10.08.2024, 10:54
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Heute muss man schon weit vorausschauen und einen langen Atem haben, wenn man seinen Urlaub plant. Das war vor gut zwanzig Jahren noch anders. Damals reichte oft schon eine einfache Anzeige in der Zeitung, wie jene: „Ferien für kinderreiche Familie an der Nordsee“. Aus diesen wenigen Worten wurden für uns wahre Abenteuerferien in Holland.
Wie gesagt, es war eine kleine Anzeige die mir damals ins Auge fiel.
Ohne lange zu zögern griff ich zum Hörer, wählte die angegebene Telefonnummer und es meldete sich eine freundliche Stimme. Große Erklärungen um das Ferienangebot waren nicht nötig, denn es entwickelte sich ein freundliches Gespräch über Gott und Welt, über Menschliches und Allgemeines. Gerade so, als würden wir uns schon ewig lange kennen. Ich gebe zu, ich war von dem unbekannten Gegenüber recht angetan und erzählte noch am gleichen Abend der Familie von dieser Begegnung. „Das hört sich gut an“, war die einhellige Meinung, in der die Kinder sofort losjubelten „hurra, wir fahren an die Nordsee“. In froher Erwartung und ohne weitere Überlegungen rief ich jenen netten Herrn am nächsten Tag noch einmal an. „Ach, dass freut mich“, vernahm ich am anderen Ende, aber: „Eigentlich würde sie alle gerne kennen lernen. Wenn es ihnen recht ist, komme ich heute Abend mit Bildern zu ihnen. Dann können wir alles weitere besprechen“.
So geschah es. Mit einigen Fotos von den Räumlichkeiten und der Umgebung stand er abends vor der Tür. Wie sollte es anders sein, wir wurden uns einig. Außerdem ludt er uns zu einem Gegenbesuch im Kreis Marburg, zu eigens gebackenen frischen Vollkornbrötchen, zu denen er auch extra Schmalz mit Röstzwiebeln und Paprika bereitet hatte, ein. Die Kinder fanden den Pool an seinem Wohnhaus als Highlight und veranstalteten mit Springen und Tauchen eine regelrechte Wasserschlacht. Es wurde ein netter Nachmittag. Wir erledigten alle Formalitäten, erhielten die Schlüssel und unserer Fahrt nach Julianadorp in Holland stand nichts mehr im Wege.
Etwas überrascht waren wir allerdings doch, was sich hinter der Adresse des „Ferienhauses“ verbarg. Es war eines von vielen bunten Reihenhäusern in einer echten holländischen Wohnsiedlung, sogar mit Stellplätzen. Von Efeu und wildem Wein umrankt standen wir vor einem drei Etagenhaus.
Unten ein riesengroßes Wohnzimmer mit gemütlicher Sitzecke, offenem Kamin und angrenzender Küche. Der große Esstisch bot Platz für acht Personen. Eine Abstellkammer, ein geräumiger Flur und eine Gästetoilette. In der ersten Etage fanden wir ein großes Schlafzimmer, dazu noch zwei kleinere Räume mit Betten und ein Bad mit WC vor. Dort quartierte sich die Familie meiner Schwester und wir: Mein Sohn und ich fanden die dritte Etage super! Zwei kleine Schlafräume unterm Dach, ein Regal voller Bücher und eine rundum verglaste „Turmspitze“, die den Blick über das gesamte Areal bis zu den Dünen eröffnete. Nach der ersten Inspektion der Räumlichkeiten, dem Abstellen der vielen Gepäckstücke, der Koffer und so weiter begannen die Kinder zu murren „und wo ist nu die Nordsee? Nur Häuser! Da hätten wir gleich zuhause bleiben können“. Es bot sich zunächst an die Gegend kennen zu lernen. Wir marschierten los. Liefen und liefen, fanden einen Supermarkt, etwas weiter entfernt ein Einkaufszentrum, die Feriensiedlung von Julianadorp und viele, viele Wegweiser zum Wasser führend, aber die Nordsee sahen wir nicht.
Zurückgekehrt, einen ersten Kaffee genießend, sahen wir zur Terrassentür, die uns den Blick auf eine Sitzmöglichkeit im Dornröschenschlaf eröffnete. „Hier muss auch eine Heckenschere zu finden sein, gucken wir mal in der Abstellkammer nach“. Wir fanden ein Eldorado an urigem Krimskram und ein heilloses Durcheinander vor. Unter anderem viele, viele Rollen von Klebebänder in verschiedenen Varianten. Es war nur ein „ah“ und „oh“ und „sieh mal was hier liegt“ oder „was ist denn das“ und „ach das kann ich gebrauchen“ zu hören und schließlich entdeckten wir, wonach wir suchten, eine Gartenschere. Nachdem wir unseren gärtnerischen Fähigkeiten sehr großzügig nachgekommen waren, blickten wir in einen großen paradiesischen Garten. Duftende Kräuter wuchsen wild durcheinander, hinter Unkraut kamen herrlich blühende Stauden zum Vorschein. Obstbäume, an denen teils noch Früchte hingen und ganz hinten in dem Gewusel entdeckten die Kinder einen geheimnisvollen, großen Holzschuppen. „Da finden wir bestimmt einen Schatz“, jubelten sie, „lass uns mal nachsehen“. Die Ferien schienen gerettet. „Guck mal, hier sind Angeln und hurra! Wie viele Fahrräder hier stehen, Gummistiefel, ein ganzer Schrank voll Friesennerze und jede Menge Werkzeug“. Schon am nächsten Tag hatte jedes Familienmitglied ein passendes Rad rausgesucht und gefunden. Um drei, vier Ecken hinter dem Garten entdeckten wir die vielen, in alle Himmelsrichtungen führenden „Fiedspads“. Radelnd fanden wir hinten den Dünen auch die Nordsee. Spannend blieben unsere Fahrradtouren allemal, denn die Räder waren seit ewigen Zeiten nicht genutzt, geschweige gewartet worden. Luft pumpen, Reifen flicken, Ketten ölen, aus „Zwei mach eins fahrbereit“ und überhaupt waren sie alle verkehrstechnisch nicht mehr einwandfrei. Wir waren jedoch beweglich mit ihnen und das war die Hauptsache.