Eine Investition und das vor einem halben Jahr-100
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optik
Dienstag 14.01.2025, 00:27
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optik
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Wer erinnert sich heute im Jahr 2025 noch an das Wort Zwangsumtausch? Es ist lange her.
Dieser Begriff stammt aus jener Zeit als Deutschland noch geteilt war und wie ich vor Wochen in einer Umfrage hörte, ist dies bei sehr vielen unserer Mitbürger schon lange abgehakt und teils vergessen. Vor 35 Jahren fiel die Mauer. Ich erinnere mich wie ich in jenen denkwürdigen Tagen des neunten November 1989 vor dem Bildschirm saß und die Bilder regelrecht in mich aufsog. Ich konnte nicht begreifen was ich sah. Die so oft erlebten linientreuen Grenzbeamten standen entgeistert und wussten wohl ebenso -wie ich nicht was geschah. Der antifaschistische Grenzwall, wie man die Mauer bezeichnete war plötzlich nicht nur "brüchig" geworden, nein, er fiel. Ein Volk bestehend aus Ost und West fiel sich in die Arme und Willy Brandt sagte: "Nun wächst zusammen was zusammen gehört".
Aber ich hatte ja an den Zwangsumtausch erinnern wollen. Im Jahre 1964 teilte die Regierung der DDR mit, das man ab dem 1.12. einen Mindestumtausch einführen würde. Als unsere Großeltern im Mai 1970 ihre goldene Hochzeit feierten, durften wir nach langer Zeit wieder reisen, zahlten dann auch diese unsinnige Zwangsabgabe. Zu einem festen Ritual wurden unsere Besuche als Oma 1974 verstarb. Jeweils für eine Woche besuchten wir unseren Opa, wenn er am 12. April seinen Geburtstag feierte. Beladen mit Kaffee und Schokolade, Ananasdosen, Kugelschreiberminen, Perlonstrümpfen und was es an Errungenschaften des „kapitalistischen Westens“ gab, führten wir im Gepäck mit. Was letztlich den Zwangsumtausch lockerer erscheinen ließ war: Wir konnten uns jedes Mal an der kulinarischen heimatlichen Hausmannskost rundum satt essen. Wir fuhren gerne. Unvergessen die Wildschwein- oder Entenbraten unserer Tante, der köstliche Spargel und die herrlichen Kuchen und Torten. Dafür wurde bei uns das ganze Jahr gespart. Wir kannten es nicht anders. Es waren Reisen in unsere Heimat, zur Familie und all den altvertrauten Freunden. Eine Einladung von Opa musste erfolgen, um damit die Genehmigung zur Einreise zu beantragen. Dann erhielten wir ein Visum für den Aufenthalt. Am Zielort bei der ortsansässigen Behörde mussten wir uns innerhalb von vierundzwanzig Stunden anmelden. Neben dem Vopo-Gebäude war die Deutsche Notenbank bei der wir den Umtausch vornehmen lassen mussten und darin war man mehr als genau und eigen. Aufregend war es an der innerdeutschen Grenze.
Ja, damals brauchten wir keinen Adrenalinkick. Wer es erlebte, wird sich mit Magengrummeln daran erinnern.
Nach der langen Anreise saßen wir dann in Opas Wohnstube, in der meistens zur Begrüßung die gesamte Familie anwesend war. Ebenso oft auch all die alten Freunde und Nachbarn.
Für die Zeit des Aufenthaltes mussten wir den DM-Wert : Mark-Ost im Kurs 1:1 pro Person tauschen. Allgemein wurde die Ost-Mark im Volksmund Monopolygeld genannt.
Praktisch und sparsam wie unsere Mutti uns erzogen hatte, achtete sie darauf das wir unser Geld vernünftig ausgaben. Sie kaufte Handtücher und Wäsche. Opa riet: "kauft euch man bloß jute Schuhe und Lederwaren. Die werden von hier alle in den Westen exportiert". Mutti hielt nichts von überflüssigen Schnickschnack, Wäsche sei für uns wichtiger!
Es war im Jahr 1977 als unser Opa seinen 90-ten Geburtstag feierte. Auf der Dorfstraße hatte sich ein neuer Laden etabliert. BHG nannte er sich, Bäuerliche Handelsgesellschaft. Dort gab es allerlei für Ackerbau, Viehzucht und Garten zu kaufen. Natürlich war die Neugierde auch bei uns groß. Spontan fand ich für neununddreißig Ost-Mark ein Paar Gummistiefel. Hell-beige in der Farbe mit derb-fester dunkelbrauner Profilsohle. Sie sahen gar nicht wie Gummistiefel der herkömmlichen Art aus. Sie fielen mir sofort ins Auge. Es war ein Spontankauf ohne jede bisher erlebte Reue. Glücklich und voller Stolz kehrte ich zur Familie zurück. Opa war sehr zufrieden mit meiner Wahl. Meine Geschwister grinsten. Mutti schimpfte: "Bist du verrückt! Wie kannste so viel Geld für leppische Stiebeln ausgeben. Als gäbe es bei uns keene und da sind sie wesentlich billiger...." Naja, so etwas kannte ich von meiner Mutti.
Was ich jedoch damals nicht ahnte....
Inzwischen gibt es die DDR nicht mehr. Mein Opa und meine Mutti sind verstorben. Inzwischen gibt es auch keine Ost-Mark und wer hätte es geahnt, auch die gute alte D-Mark gehört der Vergangenheit an. Helmut Schmidt war damals Kanzler, dann folgten achtzehn Jahr Helmut Kohl. Schröder und auch 16 Jahre Merkel. Selbst eine Finanzkrise haben sie überlebt! Und auch vier Jahre Trump. Meine Stiefel gab es immer noch!
Zwar sind sie nicht mehr so sauber hell-beige. Die Jahre hinterließen ihre bleibenden Nutzungs- und Schmutzspuren. Wasserdicht waren sie aber allemal und auch die Sohle blieb tadellos im Profil. Als Schnee- und Rutschsicher bewährten sie sich in den Wintermonaten. Bei matschig-feuchtem Schmuddelwetter blieben sie bisher stets funktionstüchtig und bei der Gartenarbeit einfach unentbehrlich ideal.
Nun ja, wenn ich es richtig bedenke, musste ich oft feststellen: Das mit der DDR konnte nicht gut gehen, denn: So lange hielten bisher keine in einer "freien marktwirtschaftlichen Produktion" hergestellten Stiefel.
Der Wert von neununddreißig Ost-Mark im Tausch gegen neununddreißig D-Mark haben ja alle inflationären Wogen, ja selbst die Ängste des "Kalten Krieges" überstanden. Ein halbes Jahrhundert haben sie mich begleitet - und sie sind noch im jetzt eingeschränkten Gebrauch.
Mit dem Beginn der „Ampel-Ära“ spürte ich zuweilen einen feuchten rechten Fuß. Die Profilsohle zeite Risse. Nachhaltig, meinem Lebensmotto getreu, versuchte ich sie mit der Heißklebepistole abzudichten. Es gelang nicht.
Nun ja, an trockenen Tagen sind sie allemal noch brauchbar, aber: Erstanden hatte ich sie als junger Hüpfer, jetzt im Alter sind meine Gelenke nicht mehr so beweglich. Ich dachte schon an einen Stiefelknecht, wie mein Opa ihn hatte. Ein Holzgestell hinter das man den Hacken klemmen konnte !
Bislang geht es noch an einer Treppenstufe - und der Geist ist ja auch noch helle. Dank meiner selbstgestrickten Wollsocken kann ich das kleine Defizit noch ausgleichen. Wollsocken haben zudem eine doppelte Wirkung. Ich behalte trotz des Alters warme Füße und entledige mich leichter meiner Stiefel, wenn die Socken im Stiefel stecken bleiben.