Eine neue Küche
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 03.09.2024, 09:56
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Wie sie zu einer neuen Küche kam
An einem schönen Samstagmorgen schien die Sonne hell durch das Küchenfenster auf ihren Wäschetrockner. Ordentlich sortierte sie die noch warmen Wäschestücke und legte sie zu kleinen Häufchen zusammen. Versonnen blickte sie auf ihr Werk. Wäsche. Dann aber wurde ihr die Ungerechtigkeit des Lebens einer berufstätigen Frau bewusst. Ein Großteil der Wäsche gehörte natürlich ihm, dem ihr angetrauten Ehemann, der sich jeden Tag ein komplettes Set an Slip, Unterhemd und Oberhemd aus dem Schrank holte, ohne darüber nachzudenken, wie die so hygienisch und angenehm duftenden Teile dort hinein gekommen waren. Nur die Socken trug er jeweils zwei Tage. Gottseidank litt er nicht an Fußschweiß und war an sich auch sonst ein reinlicher Mensch, mit dem sie auch ganz gern Körperkontakt hatte.
,Andere Männer, die ihr vor ihrer Ehe vor die Füße gelaufen waren und speziell in ihrer Studentenzeit, hatten es da leider mit der Körperreinigung nicht so genau genommen. Lebhaft erinnerte sie sich noch an einen netten jungen Mann, den sie ganz bezaubernd fand, bis er sich seiner Unterwäsche entledigte und ihr der Geruch seines ungewaschenen Leibes in die Nase stieg, die urplötzlich jegliche Vorstellung einer intimen Annäherung ihrer beiden Körper unmöglich erschienen ließ. Sie war jedoch zu feinfühlig, besser gesagt, zu feige, ihm den wahren Grund ihres plötzlichen Sinnenwandels zu erklären und täuschte eine Unpässlichkeit vor.
„Wie, eben warst du doch noch ganz heiß auf mich?“ „Ja, aber jetzt ist mir so übel…“
Natürlich war zu berücksichtigen, dass man als Student meist nur über ein karges Zimmer mit Waschbecken ohne Bad verfügte und sehen musste, wie und wo man die Körperhygiene in den Griff bekam. Manche gingen zu Freunden oder in die öffentlichen Bäder, manche ließen es darauf ankommen.
Nein, ihr Ehemann war ein sehr auf seine Hygiene und Pflege bedachter Mensch und meistens war es so, wenn sie abends ausgingen, dass sie auf ihn warten musste, weil er noch dieses oder jenes Wässerchen an seinem Körper oder Gesicht auftragen, irgendein störendes Haar aus der Nase entfernen oder seine Fingernagelpflege beenden musste, ehe er die Wohnung verließ. Es war schon vorgekommen, dass seine letzten Verschönerungsaktivitäten so lange dauerten, dass sie vor Erschöpfung auf dem Sofa eingeschlafen war und er sie wecken musste. Ja, er war ein schöner Mann und dafür tat er auch einiges. Sie verzieh es ihm, denn sie erkannte seine Attraktivität in den Blicken der Frauen, die ihn heimlich anschmachteten und war so eingebildet zu glauben, dass ihr Mann nur Augen für sie hatte.
Jetzt aber, an diesem sonnigen Samstagmorgen, wurde ihr die Ungerechtigkeit ihrer Situation als Ehefrau und Dienstleiterin bewusst. Er traf sich fast jeden Samstagvormittag mit seinen Rechtsanwalt-Skatfreunden in der Innenstadt von Frankfurt und vergnügte sich bei Bier und einigen Klaren und, wie er ihr immer versicherte, bei hochgeistigen Gesprächen über das Leben im Besonderen und im Allgemeinen. „Nicht, dass du meinst, wir führen nur so primitive Kneipengespräche“.
Sie dagegen kümmerte sich um den Haushalt und nur ab und zu dämmerte ihr, dass das kein emanzipiertes Leben war, das sie führte. In ihrem Beruf war sie die taffe Geschäftsfrau, die durch die Welt jettete und Verhandlungen über Produkte, Konditionen, Marketingpläne und hochkarätige Investitionen führte und zuhause war sie die Hausfrau im Dauerzustand. Sie musste diese Missstände endlich mal mit einer gewissen Härte anprangern und abstellen. Zu lange hatte sie ihm alles durchgehen lassen.
In ihre langsam wachsende Wut über seinen Egoismus mischte sich ein Geräusch, das schon seit längerer Zeit in ihrer Küche zu hören war. Beim Anspringen der Kühlfunktion des Eisschranks klirrte das Geschirr im oberen Teil der Hängeschränke ihrer Einbauküche. Sie hatte schon alle Teile im Schrank umgeräumt, aber das Geräusch blieb. Heute, in ihrer Unzufriedenheit kam ihr das Geräusch sehr störend vor. Schon vor einiger Zeit hatte sie nachgesehen, woher diese Laute kamen und festgestellt, dass das ganze obere Teil der Einbauküche nicht nur an der Wand verdübelt, sondern auch mit dicken Schrauben an der Verkleidung des Kühlschranks befestigt war. Als sie ihren Mann einmal darauf hinwies, meinte er lediglich, „Da musst du mal einen Handwerker beauftragen. Ich kann das nicht!“
Verbittert rührte sie das Gulasch im Schmortopf um. Er liebte ihr Gulasch. Morgen sollte es auf den Mittagstisch kommen. Alles blieb an ihr hängen. Kochen, putzen, waschen, bügeln……
Da, schon wieder klirrte das Geschirr im Hängeschrank. Das war jetzt zu viel für ihre angekratzten Nerven. Kurz entschlossen holte sie den großen Schraubenzieher aus dem Werkzeugkasten und die Leiter aus der Kammer. Dann musste sie als Frau eben das Problem alleine lösen. Die Schrauben gingen erstaunlich leicht heraus. Beim nächsten Anspringen der Kühlfunktion war kein Klirren mehr hörbar. Triumphierend schaute sie sich um. So einfach war es. Das würde sie ihm beim Heimkommen sofort unter die Nase reiben, diesem Nichtskönner, diesem handwerklichen Versager!
Noch während sie sich selbstherrlich auf der Leiter umblickte, vernahm sie ein leichtes Knirschen, das zunehmend lauter wurde. Erschreckt sah sie, wie sich der Hängeschrank samt Dunstabzugshaube in Bewegung setzte und im Zeitlupentempo nach unten sank. Instinktiv versuchte sie, mit ihrer linken Schulter die Schränke vom Niedergang abzuhalten. Dann öffneten sich urplötzlich die Türen der Schränke und die ersten Teller segelten an ihrem Kopf vorbei auf den gefliesten Boden der Küche. Die restlichen Teller und Schüsseln samt den Gläsern folgten und zerbarsten dort zu einem unbeschreiblichen Chaos. Das Gulasch köchelte derweilen weiter vor sich hin. Abstellen konnte sie den Herd nicht, weil sie sich nicht wagte, von der Leiter abzusteigen. Die Schränke ihrer Schulterstütze beraubt, hätten sie sicher beim Aufprall am Küchenboden zerquetscht. Lange konnte ihre Schulter das Gewicht der Schränke aber nicht mehr tragen. Panik und Verzweiflung packten sie. Dann senkte sich das ganze obere Teil noch weiter nach unten, wobei sich die Dunstabzugshaube auf wundersame Weise über den Topf platzierte, in dem das Gulasch vor sich hin köchelte und so dem Weiterrutschen der ganzen oberen Konstruktion ein jähes Ende setzte. Tatsächlich hielt die Dunstabzugshaube dem Druck der an ihr hängenden oberen Schränke stand und sie konnte endlich, am ganzen Körper zitternd, von der Leiter steigen, die Kochplatte abstellen und sich Gedanken über das weitere Vorgehen machen.
Als Erstes rief sie ihren Mann an, der mit seinen Freunden gerade Skat spielte und schilderte ihm die ganze Geschichte und dass er nach Hause kommen und ihr helfen solle. Da musste sie sich noch anhören, wie er seinen Skatkollegen vor Lachen glucksend von ihrer fehlgeschlagenen Mission erzählte und dass sein bester Freund ihm warnte, dass sie den ganzen Zirkus nur angestellt hätte, damit sie eine neue Küche bekäme. Großes Gelächter im Telefon. Abrupt beendete sie das Gespräch. Sie hatte in Lebensgefahr geschwebt und die Herren lachten sich kaputt.
Gekränkt rief sie einen ihrer vier Brüder an, der in der Nähe wohnte. Alle ihre Brüder waren geschickte Handwerker, nur sie war an einen Mann geraten, der es kaum schaffte einen Nagel in die Wand zu schlagen. Roland, ihr zweitältester Bruder kam sofort und half ihr, den restlichen Teil der hängenden Konstruktion abzubauen und alles sicherzustellen. Ihr Mann kam erheblich später zum Unglücksort und war etwas verwundert über das Ausmaß des Schadens. Er machte ihr keine Vorwürfe, im Gegenteil, er schloss sie in seine Arme und dankte Gott, dass sie unverletzt geblieben war. Und, ach ja, schon bald hatte sie eine neue Küche, denn natürlich war die alte nicht mehr zu gebrauchen.