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Garten nach dem Sommerregen

Von Feierabend-Mitglied 20.09.2026, 18:29

Garten nach dem Sommerregen
Der Regen hatte gerade aufgehört, und der Garten roch nach Erde und nassen Blättern. Die Frau stand auf der Terrasse, noch unschlüssig, ob sie hinausgehen sollte. Obwohl noch alles nass war, zog es sie hinaus.
Gestern Abend hatte sie die kleine, reich geschnitzte Holzkiste aus dem Schrank genommen. Der Sommerregen, der gegen die Fenster prasselte, hatte sie plötzlich an etwas erinnert – an etwas, das in dieser Kiste lag. Sie hatte den alten Messingschlüssel nur in der Hand gehalten, ihn gedreht, als wolle sie sich vergewissern, dass er noch da war. Öffnen wollte sie die Kiste nicht, noch nicht. Aber der Gedanke daran war warm gewesen, fast tröstlich.
Dann fiel ihr der Hund ein, der draußen ungeduldig wartete. In der Eile steckte sie den Schlüssel unbewusst in die Tasche ihrer Jacke, ging hinaus, rief den Hund – und irgendwo zwischen den Kräutern und dem Gras musste der Schlüssel ihr entglitten sein.
Sie ging weiter, Schritt für Schritt, den Blick auf den Boden gerichtet. Der Hund trottete hinter ihr her, als wüsste er, dass sie etwas suchte. Ab und zu blieb er stehen, schnupperte, sah zu ihr hinauf, als wolle er sagen: Ich helfe dir, so gut ich kann.
Der Garten war still. Nur das Tropfen der letzten Regentropfen aus den Blättern war zu hören, ein leises, unregelmäßiges Klicken, das sich mit ihrem Atem mischte. Sie schob eine Staude zur Seite, sah zwischen die Kräuter, hob ein Blatt an, das noch schwer vom Wasser war.
Der Messingschlüssel musste irgendwo hier liegen. Ein winziges Ding, alt, glatt, warm vom vielen Anfassen – und doch so leicht zu verlieren. Sie erinnerte sich daran, wie er sich gestern Abend in ihrer Hand angefühlt hatte. Nicht wie ein Gegenstand, sondern wie ein kleines Stück Vergangenheit, das man nicht oft berührt, aber nie vergisst.
Sie kniete sich hin, die Knie wurden sofort feucht vom Gras. Der Hund setzte sich neben sie, als wäre das eine gemeinsame Aufgabe. Sie strich mit der Hand über die Erde, vorsichtig, damit sie nichts übersah.
Dann sah sie etwas. Kein Schlüssel – nur ein weiterer Tropfen, der an einem Grashalm hing. Die Frau lächelte. Es war nichts Besonderes – nur ein Tropfen nach einem Sommerregen. Rund, klar, vollkommen, wie eine eine winzige Glaskugel. Für einen Moment blieb sie einfach so sitzen und betrachtete ihn. Die Frau beugte sich näher. Für einen Moment war es, als könnte man in diesem Tropfen etwas sehen – nicht nur den Garten, sondern etwas Dahinterliegendes. Es war seltsam, wie ein Regentropfen die Welt anhalten konnte.
Sie richtete sich langsam wieder auf. Der Schlüssel war noch nicht gefunden. Aber sie spürte, dass sie ihn finden würde. Nicht weil sie suchte – sondern weil der Garten ihn ihr irgendwann zeigen würde. So wie er ihr eben den Tropfen gezeigt hatte, der wie eine kleine Welt wirkte.
Sie atmete tief ein. Der Duft war wieder da – dieser besondere, der den Garten wie neu erscheinen ließ, obwohl er derselbe war. Ein Duft, der Erinnerungen weckte, ohne dass man wusste, welche.
Ein leises Staunen breitete sich in ihr aus, und sie ging weiter, den Hund an ihrer Seite, und der Garten war still und freundlich um sie herum.

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