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Kakerlaken

Von Feierabend-Mitglied 22.06.2025, 23:44

Kakerlaken
Angeregt von einem kürzlich erschienenen Artikel in der BILD-Zeitung über die Kakerlaken Plage in Rom, erinnerte ich mich an meine Studienzeit in Heidelberg.
Ich bekam ein staatliches Stipendium, das allerdings so gering war, dass ich gerade die Miete zahlen konnte und am Monatsende von Marmeladenbrot und Bouillon-Brühe lebte. Meine geliebten Eltern hatten sich den Luxus von sechs Kindern gegönnt und vertrauten darauf, dass sich ihre Brut ohne größere finanzielle Zuwendungen ihrerseits selbst versorgen konnte. In dieser Zeit habe ich gelernt, mit sehr wenig Geld im Monat auszukommen. Außerdem habe ich mir durch diverse Arbeiten ein Zubrot verdient.
Deswegen war ich wie elektrisiert, als mir eine Freundin sagte, man könne sich die Mietkosten sparen, wenn man bei Amerikanern Babysitten würde. Im Gegenzug erhielte man ein kostenloses Zimmer. Da ich unter ständiger Geldnot litt, war ich sofort dazu bereit.
Damals gab es in Heidelberg spezielle Siedlungen für amerikanische Soldaten mit ihren Familien. In diesen meist drei- oder vierstöckigen Wohnblöcken existierte im Keller eine weibliche Unterwelt, in der Frauen aus asiatischen Ländern zusammen mit Studentinnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in primitiv ausgestatteten Zimmern nebeneinander wohnten. Als Bezahlung für diese kargen Zimmer mussten sie auf die Kinder aufpassen oder Haushaltsarbeiten für sie machen. Meine Familie war nicht sehr anspruchsvoll. Nur hin und wieder musste ich auf ihre drei Kinder aufpassen, wenn die Eltern abends ausgingen.
Es war eine ausschließlich weibliche Gesellschaft, die sich im Keller zusammengefunden hatte. Neben mir wohnten die Studentin Maia aus Finnland, die blonde Kay aus Wales und dazwischen eine Philippinin, die als Haushaltshilfe bei den Amis arbeitete und viele andere junge Frauen mehr.

Hier kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Kakerlaken in Kontakt. Nie zuvor hatte ich sie in deutschen Häusern gesehen. Aber hier waren sie quasi überall. Wenn sie nicht schnell genug waren und man aus Versehen auf dem harten Betonboden auf sie trat, gab es ein kurzes scharfes Knacken wie beim Brechen eines Knäckebrots. Danach lagen sie platt am Boden. Wir waren so an dieses Ungeziefer gewohnt, dass wir kein Aufheben davon machten. Wenn ich heute daran denke, kommt mir jetzt noch das Grausen.
Einmal aber, als wir uns bei einer spontanen Party im Keller mit Whisky und Cola und sonstigen geistigen Getränken in Feierlaune brachten, hörten wir plötzlich einen Aufschrei von Maia aus Helsinki: „Nein, das geht jetzt aber zu weit! Was sucht diese Kakerlake in meinem Whiskyglas?“
Maia, alkoholerprobt, zeigte uns ihr zur Hälfte mit Whisky gefülltes Glas, in dem eine Kakerlake verzweifelt herumzappelte
„Wie ist die denn da hineingekommen?“
„Du lieber Gott, woher soll ich das wissen? Vielleicht ist sie alkoholsüchtig.“
„Mach dir keine Sorgen“, meinte die engelsgleich zarte Kay aus dem schönen walisischen Ort Swansea, mit der ich nach dem Studium noch eine jahrelange Schreibfreundschaft pflegte, „selbst wenn du sie aus Versehen verschluckt hättest, der Whisky hätte sie auf jeden Fall desinfiziert.“
Angeekelt, aber gleichzeitig mit einer Miene des Bedauerns ob des kostbaren Whiskys, schüttete Maia den Inhalt des Glases samt Kakerlake in die Toilette. Wir anderen mussten so lange und heftig lachen, dass uns das Zwerchfell schmerzte.



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