Michel -ein Märchen Teil I
Von
optik
Mittwoch 27.11.2024, 13:51
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Es war einmal vor vielen Jahren ein Bübchen. Es lebte mit seiner Mutter und beide hatten sich in einer kleinen Kate am Stadtrand für das Nötigste eingerichtet. Der Vater galt irgendwo in den Kriegswirren verschollen. Trotz der allgemeinen Armut zeigte Michel, -so wurde das Kerlchen genannt, eine robuste Natur und wuchs zu einem fröhlichen Gesellen heran.
Wie es ihm die Mutter gelehrt hatte, war er ehrlich und fleißig in der Schule. Er erlernte später ein ordentliches Handwerk und es schien, als habe er sein Glück gefunden. Er ging tagein, tagaus redlich einer geordneten Arbeit nach, zahlte treu und brav seine Steuern, war sparsam und gab auch nur so viel seines Lohnes aus, das er für sich und sein älter werdendes Mütterchen benötigte. Jedweden Taler den er übrig hielt, steckte er in einen Sparstrumpf.
Mit den Jahren wurde dieser dick und prall. Da Michel eine vernünftige Denkweise inne hatte, brachte er den Socken zu einer Bank. Er erhielt ein Büchlein, indem man jedes Jahr ein paar Groschen zu der Sparsumme dazu rechnete.
Aus Michel wurde somit ein gestandener Mannskerl und eigentlich war er glücklich, stolz und zufrieden mit seinem Tagwerk. So ging es viele Jahre.
Doch je älter der Michel wurde, umso missmutiger sah er seine Umgebung. Ja, zuweilen beunruhigten ihn gar die Dinge, die sich rund um sein beschauliches Dasein sichtbar zeigten. Von seinem Handwerkslohn blieb ihm immer weniger und obwohl sein Mütterlein inzwischen verstorben war, lebte Michel wie gewohnt bescheiden in der ererbten kleinen Kate weiter.
Einzig die Stadt und Land um ihn herum wuchsen ständig an. Größer und wohlgefälliger waren die Bauten geworden. Michel aber liebte den kleinen Garten an seinen Häuschen. Hatte er doch aus der alten Kate ein kleines wohnliches Häuschen gezimmert und gestaltet.
So lebte er unbekümmert weiter, just bis sein Meister immer häufiger zu knausern und klagen begann. Er, der Michel sei in seinem Handwerk immer treu und arbeitsam gewesen, aber er würde einfach zu teuer. Er, der Meister wolle und müsse sich fortan in einem anderen Lande niederlassen, wo er billiger produzieren und mehr verdienen könne. Dem Michel verdross dies sehr und er sann über sein Leben nach.
Eines Tages fasste sich der brave Michel ergeben ein Herz und trat mutig und arglos vor seinen Landesherrn.
Dieser war ein großer, dicker und mächtiger Parteimensch und ein begeisterter Saumagenesser. Ganz erstaunt blickte der Landesvater auf, als er den Michel vor sich stehen sah und ihn keck und mutig ansprach: "Sieh Herr, ich habe dir nun rund vierzig Jahre treu gedient, dir meine Steuern redlich gegeben und mit meiner Stimme stets dafür gesorgt, dass du mächtig wurdest und du selbst und all deine Parteimenschen gut leben können. So konntest du viele Jahre die Geschicke des Landes der Dichter und Denker lenken, nun bitte ich darum, dass du mir etwas von den reichlich geernteten Gütern und Früchten abgibst".
Der mächtige Landesvater strich sich über seinen satten und wohlgenährten Wams. Er überlegte nicht lange und sagte dass er sich dem Michel gegenüber dankbar erweisen wolle. Er versprach ihm, das von nun an seine Rente sicher sei. Ebenso wolle er dafür Sorge tragen, dass auch seine Ersparnisse sicher seien und sich fortan noch regelmäßig und großzügig mehren sollten.
Glücklich beschwingt und außerdem dankbar sah sich nun Michel auf seinem weiteren Lebensweg. Doch die erhaltenen Versprechen und Wohltätigkeiten wurden alsbald dem armen Michel zur Last und er geriet ins Schwitzen über die ihm vom Landesvater zuerkannten Wohltaten.
Da begegnete ihm eines Tages ein fröhlicher Reiter aus dem fernen Brüssel. Unbeschwert kam der Fremde daher galoppiert. "Ach hast du es gut! Hoch zu Ross kannst du dir die Welt ansehen, während mich mein Glück fast erdrückt", rief ihm der Michel entgegen. Der Reiter war vor Mitleid gerührt und erzählte dem unglücklich blickenden Michel die Geschichte von diesem Euro, der in der Lage sei sein D-Mark wertes Glück nur halb so schwer zu machen. Er bot dem Michel an, die D-Mark in Euro zu tauschen. Michel war selig und willigte sofort in den Tausch ein. Von nun an waren das Bankkonto, die Versicherungen und die Abgaben nur noch halb so groß und die bisher so große Last des Glückes erschien ihm jetzt erträglicher. Beide verabschiedeten sich und mit einem Liedchen auf den Lippen trabte Michel fröhlich seinen Lebensweg weiter. Er war beglückt über den guten Tausch als er just einige Monde später auf einen Händler traf der verlockende Waren zu bieten hatte.
"Ach wie gut geht es dir", stellte Michel fest, "ich trage nur diese blank-schimmernden Euros mit mir, doch du kannst dich an den herrlichsten Dingen erfreuen". Der pfiffige Händler
zögerte nicht lange und bot Michel seine Geschäfte an. "Wenn du mir für hundert Euro Waren abkaufst, -für die du früher hundert Mark bezahlt hättest, dann verspreche ich dir, dass die Last nur noch halb so schwer ist, -zumal ihm ja in jedem Falle der Wert erhalten bliebe". Dem Michel war schon ein wenig schummerig zu Mute und er verstand den Handel nicht gleich, aber da er sich bei all den vorangegangenen Tauschereinen hinterher stets glücklich gefühlt hatte, spürte er auch dieses Mal eine kleine Erleichterung im Herzen.