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Ihr erstes Weihnachten

Von tastifix Donnerstag 20.11.2025, 10:03 – geändert Freitag 21.11.2025, 08:09

Es war das erste Weihnachtsfest, das Toni(23 Monate alt) bewusst miterleben würde und wir waren alle sehr gespannt.
„Was das wohl geben wird …?“
Zunächst gab es gar nichts außer eines Anrufes meiner Tochter, Toni sei schwer erkältet.
„Die Arme! Hoffentlich ist dann nicht alles zuviel für sie!“
„Ach, das klappt schon!“
„Hm! Solange die Kerzen brennen, sitzt sie aber entweder im Hochstuhl oder wir halten sie fest. Ist mir sonst viel zu gefährlich!“
„Kein Problem!“

Am Heiligabend hielten wir denn Haustür sowie Schelle nit Argusaugen und-ohren unter Afusicht. Gegen 15 Uhr wollten sie eigentlich eintreffen …
„Vielleicht ist irgendwo ´nen Stau!“
Fast zwanzig Minuten später als verabredet standen sie vor der Tür. In ein schickes Trägerkleid gewandet, darüber eine dicke Winterjacke trippelte uns ein blasses Tonilein entgegen, das erst nach mehrmaliger Aufforderung ihrer Mama, doch „Hallo“ zu sagen, dem nachkam. Man sah ihr an, dass sie sich unwohl fühlte und sie tat mir in der Seele leid.
„Nachher ist sie abgelenkt!“, beruhigte ich mich.

Auf „Nachher“ brauchte ich gar nicht zu warten. Toni guckte auf die gedeckte Kaffeetafel mit Kuchen und Plätzchen und nahm gnädig, weil sehr zufrieden, zwischen Tante Drei und deren Verlobtem Patrick auf der Eckbank Platz. Von dann an durfte sie den Nachmittag rundherum genießen. Kammerzofe Tina und Kammerdiener Patrick putzten auf Befehl ´Nase putzen` Näschen und ´da Krümel` den selbigen von der Kleinkindwange. Toni hatte sich die Beiden ja bereits bestens erzogen.

So umsorgt, taute sie auf. Dort stand ja so fein nah die Schale mit den von mir selber gebackenen Toni-Lieblingsplätzchen. Sie wollte es unbedingt würdigen und streckte die Hand danach aus.
„Nein! Wie heißt das?“
Doch Toni ließ ihr armes, vielleicht ebenfalls in Mitleidenschaft gezogenes Gedächtnis in Ruhe. Stattdessen schmollte sie uns mit Babyschüppchen etwas vor.
„Du brauchst nur „bitte“ zu sagen, Toni. Dann bekommst Du eines!“
Unsere Kleine bestand weiterhin darauf, dass dies jetzt und zudem wegen ihres maladen Zustandes wohl eine Anmaßung ohnegleichen wäre und schmollte weiter. Als aber dennoch die Plätzchen nicht näher rückten, langte sie wütend rigoros hin - mit dem Arm quer über den Tisch. Prompt wanderte die Schale aufs entgegen gesetzte Ende des Tisches zu.
„Wenn sie nicht bald … , dann klirrt es!“
Selbst ihr schien es mulmig zu werden: Was wäre, wenn die Plätzchen gleich gar verschwinden würden?
Nee, das war ihr zu riskant und plötzlich brachte sie etwas über die Lippen, was wir mit viel gutem Willen und einiger Fantasie als „bitte“ deuteten. Sofort machte die Schale kehrt und stellte sich in Greifnähe vor Toni hin, die dann zufrieden vor sich hin mümmelte.

Allmählich wurds dämmrig, wir hoben die Kaffeetafel auf und die Bescherung stand an. Aber erst mal musste die Kleine abgelenkt werden. Ich stieg also mit ihr an der Hand, von Tante Tina gefolgt, in die Jugendetage und holte fix eine Puppe herbei. Toni hatte sie gerade freudig in Empfang genommen, da bimmelte bereits von unten das Glöckchen. Also Püppchen wieder ins Puppenbett und wir zurück nach unten. Toni und ich erneut Hand in Hand und Tante Tina als zusätzliche Treppen-runterfall-Absicherung hinter, vor und neben der Kleinen her. Inzwischen ahnte die, dass irgendwas Tolles los sein würde und wenn Toni aufgeregt ist, plappert sie unentwegt. Zudem flüsterte Tina ihr grisnend etwas zu. Prompt schmetterte sie in Lautstärke 300:
"Wir k..kommen gleich. Wir sind gleich dahaah!"

Im Wohnzimmer hinter der breiten Flügeltür wurds echt spannend. Der Opi hatte alle Geschenke, die Toni nicht sofort entdecken sollte, mit weißen Tüchern abgedeckt, die sie dann weitaus mehr interessierten als der Tannenbaum mit den Kerzen und Kugeln. Trotzdem mante ich:
„Toni: Du weißt ja, Frühstückseier sind heiß. Du, die Kerzen hier, die sind ganz, ganz heiß. Nicht dran gehen!“
Diesen Hinweis hätte ich mir sparen können. Sie widmete sich nämlich ausschließlich dem Vergnügen, immer haarscharf am Tuchrand entlang zu trippeln.
„Ein falscher Schritt und ein Geschenk ist platt!“
Aber Tonis Schutzengel war vor allem in jenen Minuten eifrig darum bemüht, sämtliche möglichen Katastrophen zu verhindern. Weder trampelte Toni auf den Tüchern herum noch irgendein Geschenk darunter kaputt.

Zu Weihnachten unterm Tannenbaum geziemt es sich zu singen. Tonis Papa stimmte also ´O Tannenbaum` an und hoffte auf inbrünstige Unterstützung seines Töchterchens, das zwecks Sicherheitsverwahrung auf meinem Schoß gelandet war.
„O Tan... “
Es vermochte Toni nicht mitzureißen. Sie schwieg sich aus und starrte auf die Tücher.
„Wenn nicht ´O Tannenbaum`, dann eben soo!`, dachte ich und nach kurzer Absprache wichen wir auf ´Häschen in der Grube` aus. War ja auch ein Lied und gefiel Toni.
„Häääschen …Gruuabe ... sliieef … "
Zusehends munterer sang sie mit. Deshalb wagten wir dann einen zweiten Versuch:
„O Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter ... “
Blätter kannte Toni ja und weil sie inzwischen richtig guter Laune war, schmetterte sie mit:
„Blättaaaaar!! … Sommaaah!“

Danach begann die Bescherung. Der Opi lüftete die Arktislandschaft und es zeigten sich viele kleine, auch größere Berge und dazwischen Minitäler. Die Berge waren die Geschenke und die Täler die ziemlich schmalen Lücken dazwischen. Toni verteilte begeistert die Gaben und riss mit noch größerer Begeisterung an dem Papier herum. Bis alles gegenseitig bestaunt worden war, dauerte es eine ganze Weile und bei der Kleinen zeigten sich erste Müdigkeitsanzeichen.
´Kein Wunder nach der ganzen Aufregung!`

Aber zu Weihnachten wäre es eine beinahe unentschuldbare Grausamkeit gewesen, sie ins Bett zu verbannen und so etwas machen liebe Omi-, Tanten-Zofen und Opi- und Onkel-Kammerdiener nicht. Stattdessen setzten wir Toni in den Hochstuhl diagonal ihrem Papa gegenüber. Es gab Sauerbraten mit Spätzle und viel Soße. Allen schmeckte es. Unsere Kleine, total überreizt, wurde ständig granntiger und kommandierte ihre Dienerschaft nach Kräften herum:
„Pädpack (Patrick). Baby holen!“
Klar, dass Puppe Baby innerhalb einer Sekunde da war.
„Bööötchen!“
Sofort drückte ihr jemand ein Brötchen in die Hand, mit dem sie aber nur rum spielte. Danach:
„Keks!“
„Nudel!“
Doch dann wollte sie die denn doch wieder nicht. Wir versuchten zuzureden, zu trösten usw. … Nichts half mehr. Toni steigerte sich immer mehr hiein. Sie, die ansonsten so liebevolle Puppenmami, ließ den Frust an ihrem unschuldigen Baby aus. Erst hielt sie es nur hoch in die Luft, dann holte sie aus und knallte Babys Kopf auf die Tischplatte, wieder und wieder und mit ständig größerem Schwung.

„Aber Toni!!“
„Antonia!“, rügte der strenge Herr Papa vergeblich.
Toni reichte es nun endgültig und mit voller Wucht knallte sie Baby auf Papas Teller in die Sauerbratensoße.
´Armes Baby. Hoffentlich gibt des keinen Schädelbasisbruch!`
Keine Sorge: Puppenkinder sind hart im Nehmen. So auch Baby. Im Gegenteil: Irgendwie schien es dem sogar zu gefallen. Jedenfalls unternahm es mindestens drei Tauchversuche ins bräunliche Vergnügen und seiner Mimik nach zu urteilen, wenn es wieder auftauchte, hatte es so überhaupt keine Qual bedeutet.
Anders für Tonis Papa: Der stierte entgeistert auf Baby, fischte das tropfende Etwas mit zwei Fingern aus der Tunke, schaute es zweifelnd an und starrte dann, mindestens ebenso fassungslos sein nun vor Vergnügen glucksendes und ihn anstrahlendes Töchterchen.

Dabei war doch Baby ausgesprochen rücksichtsvoll gewesen und die Soße hatte Papas elegantes Oberhemd tatsächlich verschont …

Ich lache noch heute Tränen, wenn ich daran zurückdenke.

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