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Turbulente Weihnachten

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 24.12.2024, 08:37

Ich erinnere mich daran, dass unser Vater in meiner Kindheit immer erst am Tag des Heiligen Abend den Weihnachtsbaum kaufte. Als Oberhaupt von sechs Kindern war er es gewohnt, sparsam mit dem wenigen Geld umzugehen, das die große Familie zur Verfügung hatte.
Kurz vor Verkaufsschluss um zwölf Uhr waren die Bäume am preiswertesten, aber natürlich schon sehr ausgesucht. Geradeheraus gesagt, es waren nur noch die hässlichsten Exemplare übriggeblieben. Den erbärmlichsten von den wenigen, die noch übrig waren, kaufte er.
Wir Kinder waren alleine zuhause. Unsere Mutter war gerade zu ihrer in der Nähe wohnenden Schwester gegangen. Sie wollte ihr einen selbstgebackenen kleinen Stollen zum Fest vorbeizubringen.
Unser Vater ging gleich mit dem Baum auf die Terrasse vor dem Garten. „Kinder, den muss ich nur noch ein bisschen bearbeiten“, teilte er uns beschwichtigend mit, verschwand im Keller und holte sich das notwendige Werkzeug wie Säge, Bohrgerät und sonstige Hilfsmittel. Wir kamen näher und betrachteten das grüne Gewächs und waren uns sofort einig, dass es den Namen Baum nicht verdiente. Es war schief gewachsen, hatte große Lücken zwischen den Ästen und war so hässlich anzusehen, dass uns die Tränen in die Augen stiegen. So einen entsetzlichen Baum hatten wir noch nie gesehen. Wir waren verzweifelt und glaubten unserem Vater kein Wort, der uns versicherte, den Baum so herzurichten, dass er uns gefallen würde. In meiner Not rief ich sogar unsere Mutter bei ihrer Schwester an, sie solle doch auf dem Heimweg einen anderen Baum kaufen. Aber sie beruhigte mich: „Euer Vater hat bisher noch jedes Jahr für einen schönen Weihnachtsbaum gesorgt. Darauf könnt ihr euch auch dieses Jahr verlassen.“ Ich aber war mir sicher, dass aus einem solch hässlichen Ding nichts Schönes entstehen könnte. Selbst unser Dackel Andi war von so viel Hässlichkeit irritiert. Erst schnüffelte er daran, dann wandte er sich angewidert ab und hob das Bein. „Du wirst doch wohl nicht?“ schrie unser Vater. Nur seine blitzschnelle Reaktion verhinderte ein größeres Unglück.
Dann setzte er sich in aller Seelenruhe auf die Bank und betrachtete aufmerksam das verwachsene Bäumchen. Als er es lange genug betrachtet hatte, begann er mit dessen Umgestaltung. Er sägte hier einen Ast ab, bohrte dort, wo eine Lücke war, ein Loch in den Stamm und transplantierte den Ast dorthin. Dann nahm er sich die nächste Schwachstelle vor und korrigierte sie. Misstrauisch beobachteten wir jede seiner zahlreichen Notoperationen am Baum.
„Kinder, holt mir doch ein paar Plätzchen. Ich habe Hunger auf was Süßes“.
Ungläubig starrten wir unseren Vater an. Es war doch strengstens verboten, sich vor Heiligabend an den versteckten Plätzchen zu bedienen. Offiziell wussten wir gar nicht, wo unsere Mutter die Süßigkeiten verborgen hatte, aber tatsächlich hatten wir ihr Versteck gleich am ersten Tag entdeckt und hin und wieder einen Keks stibitzt.
„Ihr Scheinheiligen,“ lachte unser Vater. Danach machte er mit seinem Verschönerungs-Programm weiter. Gebannt sahen wir mit wachsendem Staunen und Entzücken, wie er aus dem unansehnlichen, windschiefen Baum ein wunderschönes Bäumchen bastelte. Er setzte es in den dafür vorgesehenen Christbaumständer und siehe da, oh heiliges Weihnachtswunder, es passte perfekt hinein und sah zum ersten Mal wie ein ordentlicher, kerzengerade Weihnachtsbaum aus.
„Steht nicht so dumm herum! Jetzt müsst ihr den Baum noch schmücken!“ Es gab nur einen kurzen, aber heftigen Streit, ob mit oder ohne Lametta. Die Mehrheit bestand auf Lametta und so wurde der Baum verschwenderisch mit den silbern glänzenden Fäden behangen. In kurzer Zeit stand ein schön geschmückter Baum vor uns. Wir schauten uns an und fielen unserem Vater voller Freude um den Hals, dass er sich seiner Rasselbande kaum erwehren konnte. Ein kleines, zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen. Wie hatten sie nur an seinen Fähigkeiten zweifeln können?
Inzwischen war auch unsere Mutter vom Besuch bei ihrer Schwester zurück. Diese hatte ihr vom Metzger, dessen Haushalt meine Tante führte, das gewünschte Stück Kassler in die Hand gedrückt. Zum ersten Mal sollte es bei uns am ersten Weihnachtsfeiertag keine Gans geben, sondern Kassler im Brotteig. Sie hatte es einmal bei einer Freundin gekostet und war davon begeistert. Auch der Rest der Familie war sehr gespannt, wie dieses Experiment ausgehen würde. Kaum hatte unsere Mutter die Haustür hinter sich geschlossen, den Einkauf im Flur abgestellt, den Mantel ausgezogen, als wir sie ungeduldig ins Wohnzimmer drängten, um ihr den von unserem Vater so meisterhaft umgestalteten Weihnachtsbaum zu zeigen, von dem wir Kinder anfangs nicht glaubten, dass er aus solch einem Mickerling noch etwas Vorzeigbares zaubern könnte.
„Mama, du musst dir unbedingt den Baum anschauen. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie schrecklich der vorher aussah.“
„Ich hab’s euch doch gesagt, euer Vater ist ein großer Zauberer. Wie konntet ihr nur daran zweifeln?“, sagte unsere Mutter und betrachtete versonnen den schön geschmückten Baum, ihre glückliche Kinderschar und ihren angetrauten Ehemann, der mit einem selbstverliebten Lächeln neben ihr stand. Gerade wollte sie sich hinsetzen und uns das Neueste von unserer Tante erzählen, als ihr auffiel, dass unser Dackel fehlte.
„Wo ist denn unser Andi? Sonst ist er doch immer dabei und springt um uns herum.“
Und dann erinnerte sie sich: „Ich habe den Einkauf im Flur stehengelassen. Der Hund wird doch nicht…?" Mit einem Satz sprang sie vom Stuhl hoch und öffnete die Tür.
Ihr Schrei war so laut, dass er in der ganzen Straße widerhallte und alle Zierteller im Regal zum Klirren brachte. Im Flur bot sich uns ein Bild des Grauens. Während wir im Wohnzimmer noch über den Weihnachtsbaum diskutierten, hatte sich der Dackel klammheimlich über das kiloschwere Stück Kassler hergemacht und sich gierig Stück für Stück einverleibt. Erst stand unsere Mutter stockstill vor Entsetzen. Dann riss sie ihm mit einem beherzten Griff das Kassler aus dem Maul. Ein Stück Fleisch blieb noch in seinen Zähnen hängen. Er fühlte sich ertappt. Die Augen auf Brennweite unendlich gestellt, vermied er jeden direkten Blickkontakt zu uns. Gleichzeitig versuchte er, das restliche Fleisch noch schnell hinunterzuschlingen. Man sah ihm aber an, dass er sich seiner Schuld durchaus bewusst war. Es kam zu einem chaotischen Durcheinander mit Schreikrämpfen und wüsten Beschimpfungen und ja, durchaus auch irrem Lachen. Verbittert blickte unsere Mutter auf den Rest des geretteten Kasslers, während Andi, mit dem Fetzen Fleisch im Maul, den schnellen Rückzug unter den großen Esstisch im Wohnzimmers antrat.
Das Kassler hatte beträchtlich an Größe verloren. Geschockt schauten wir auf den verfressenen Hund, der uns den Weihnachtsbraten ruiniert hatte. Meine Mutter schimpfte lautstark mit ihm und drohte ihm drastische Konsequenzen für die Zukunft an. Aber was sollte sie tun? Weg war weg! Vollgefressen lag er unter dem Tisch. Sein Bauch zeigte eine eindrucksvolle Wölbung. Nach zwei Stunden stand er auf und schleppte sich zu seinem Wassernapf. Das gut gesalzene Kassler forderte seinen Tribut. Zweimal mussten wir den Napf nachfüllen, ehe er ermattet in seinen Korb kroch. Ohne sich zu rühren, schlief er bis zum Morgen durch.
Am nächsten Tag überlegte meine Mutter, wie sie das fehlende Fleisch ersetzen könnte. Schon gestern hatte sie die Teile, auf denen man Andis Gebissabdrücke deutlich sehen konnte, weiträumig weggeschnitten und gesäubert. Geschickt erhöhte sie den Anteil der Füllung aus Pilzen, Zwiebeln und sonstigen Zutaten und packte alles in den Brotteig. Ich glaube, wir haben noch nie so einen guten Weihnachtsbraten gegessen.
„Kannst du nächstes Jahr wieder machen!“, sagte unser Vater mit einem Augenzwinkern zu seiner Angetrauten.
Andi lag in seinem Körbchen und zeigte uns seine Kehrseite. An diesem Tag wollte er nichts fressen. Nur zum Trinken verließ er ab und zu seine sichere Zuflucht.

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